Tankstellen-Krise

Rufe nach Benzin für Ärzte in Großbritannien

Von Philip Plickert, London
28.09.2021
, 14:06
Panikkäufe haben Benzin im Vereinigten Königreich knapp werden lassen.
Der Tankstellen-Kollaps in Großbritannien bedroht nun das Gesundheitssystem und die wirtschaftliche Erholung des Landes. Medizinisches Personal fürchtet, nicht mehr in Krankenhäuser und Praxen fahren zu können.
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In der Krise um leere Tankstellen in Großbritannien wächst der Druck, dass Ärzte und Krankenhauspersonal bevorzugt mit Benzin versorgt werden sollen. Nach vier Tagen mit Panikkäufen sind an den meisten Tankstellen des Königreichs die Zapfsäulen leer und geschlossen. Die Ärztevereinigung British Medical Association warnte vor der „realen Gefahr“, dass das Personal des Gesundheitsdienstes NHS mangels Treibstoff im Auto nicht mehr in Krankenhäuser und Praxen fahren könne. Mehrere Verbände und Gewerkschaften riefen Premierminister Boris Johnson auf, per Notfalldekret einen speziellen Vorrang für sogenannte Schlüsselarbeitskräfte bei der Treibstoffversorgung zu schaffen. Es gab schon erste Berichte über Ärzte in Nordengland, die nicht mehr zur Arbeit fahren konnten. Auch Taxi- und Transport-Unternehmen sorgen sich, dass ihnen bald mangels Sprit Stillstand droht.

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Trotz eines Aufrufs von zehn Mineralölkonzernen, die Panikkäufe zu stoppen, weil genügend Treibstoff vorhanden sei und die Versorgungskrise in ein paar Tagen abebben werde, hat sich die Lage an den mehr als 8000 Tankstellen des Landes keineswegs beruhigt. Vereinzelt kam es sogar zu Prügeleien an Zapfsäulen. Premierminister Johnson hat unterdessen angeordnet, dass sich 150 Soldaten als Tankerfahrer bereithalten. Die Armee besitzt bis zu 80 Tanklastzüge für solche Notfälle. In der Regierung gab es Bedenken, dass der Einsatzbefehl für die Armee die Sorgen und Panik in Teilen der Bevölkerung noch mehr schüren werde. Verteidigungsminister Ben Wallace teilte nun mit: „Die Männer und Frauen unserer Streitkräfte stehenbp bereit, um die Transportengpässe zu lindern“.

Hinter der akuten Benzin-Krise steht keine generelle Knappheit an Treibstoffen in Großbritannien, vielmehr wurden die Tankstellen seit Freitag von plötzlichen Panikkäufen überwältigt, nachdem Medien über einzelne geschlossene BP-Tankstellen berichtet hatten. Millionen Autofahrer versuchten schnell vollzutanken. Unter dieser Sprit-Nachfrage, die bis zu fünfmal so hoch wie normal war, ging das System in die Knie. In der jüngeren Vergangenheit gab es schon einmal, im Jahr 2000 in der Zeit von Premierminister Tony Blair, eine nationale Benzinkrise in Großbritannien. Damals blockierten Landwirte und Lastwagenfahrer mehrere Raffinerien und ein Ölterminal aus Ärger über hohe Preise und Abgaben. In der Folge entstand eine landesweite Versorgungskrise. Als Reaktion hat die Politik damals einen „Spezielle Tankstellenplan“ entwickelt. Nach diesem können einzelne Tankstellen nur für Notfallkräfte, Notarzt- und Einsatzwägen geöffnet werden.

Die Regierung hofft, dass sich die Lage in den nächsten Tagen entspannen werde. Auch die Mineralölkonzerne versucht zu beruhigen. „Es gibt jede Menge Treibstoff in den Raffinerien und Terminals des Vereinigten Königreichs und als Industrie arbeiten wir eng mit der Regierung um sicherzustellen, dass Treibstoff verfügbar ist, um im ganzen Land an die Tankstellen geliefert zu werden“, schrieben BP, Shell, Esso und sieben andere Unternehmen. Nach Tagen mit Panikkäufen werde sich die Lage bald ändern, glauben die Unternehmen. Da nun „viele Autos mehr Sprit als normal im Tank haben, erwarten wir, dass sich die Nachfrage normalisiert“. Einige Fachleute verwiesen aber darauf, dass sich nach der Krise von 2000 die Situation des Tankstellensystems erst nach mehreren Wochen wieder komplett entspannte. Unterdessen warnte Notenbankchef Andrew Bailey, dass die Lieferketten- und Treibstoffprobleme dazu führen könnten, dass sich die wirtschaftliche Erholung verlangsamt. Großbritanniens Wirtschaft wuchs nach dem Corona-Einbruch zunächst sehr kräftig in diesem Frühjahr und Sommer. Im Oktober könnte es aber eine Delle geben. Bailey warnte vor einer „harten Strecke“. Am Wochenende hat die Regierung angekündigt, dass 5000 Extra-Visa für Lastwagen-Fahrer aus dem Ausland vergeben werden, um eine große Krise im Transportwesen vor Weihnachten zu vermeiden.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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