Teure Lebensmittel

Die Zukunft der Welternährung

EIN KOMMENTAR Von Jan Grossarth
04.04.2011
, 14:11
Nahrung ist so teuer wie lange nicht. Die Getreidelager leeren sich. Und die Wachstumsrate der Weltbevölkerung hat die der Hektarerträge überholt. Stimmt die Theorie doch, dass die Geburtensteigerung immer wieder den Wohlstandszuwachs zerstört?
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Die Nahrungsmittelpreise sind so hoch, wie seit mehr als 20 Jahren nicht. Vorüber sei die Zeit der billigen Nahrung, ist vermehrt zu hören, auch wenn im Supermarkt davon relativ wenig zu sehen ist. Die Ärmsten der Welt aber in Teilen Afrikas und Asiens, die fast jeden Cent für ihr tägliches Brot ausgeben, spüren es deutlich, wie auch in den vergangenen Wochen die Machthaber in Nordafrika, wo die Volksaufstände als Hungerrevolten begannen. Jetzt, da die Weltbevölkerung die Schwelle von 7 Milliarden Menschen überschritten hat, hungert immer noch eine Milliarde. Und da es bis zum Jahr 2050 rund 9 Milliarden Menschen geben soll und die Nahrungserzeugung bis dahin um 40 Prozent wird steigen müssen, stellt sich die Frage, wie viele Menschen die Erde aushält.

Nach dem Ende einer Dekade, in der die Ernten üppig waren wie nie zuvor, ist damit plötzlich wieder Malthus im Gespräch. Der sagte vor mehr als 200 Jahren voraus, die Geburtensteigerung werde den Wohlstandszuwachs immer wieder zu nichte machen und zu neuen Hungerkrisen führen. Er irrte sich. Schon zu Malthus‘ Zeit hatte es optimistischere Vorhersagen gegeben; der Theologe und Demograph Johann Peter Süßmilch errechnete, die Erde könne 14 Milliarden Menschen tragen – Malthus hielt eine Milliarde für die Obergrenze, etwa so viele also, wie zu seiner Zeit die Welt bevölkerten. Heute variieren die Prognosen ähnlich stark: Ein aktuelles Sachbuch zur Zukunft der Welternährung liest sich wie die Offenbarung des Johannes und erscheint mit einem Umschlagsbild, das eine Weltkarte aus verbranntem Brot zeigt. Manch anderer Marktbeobachter legt nahe, auch 2050 werde es gelingen, die Welt zu ernähren: Mit mehr Gentechnik und Kunstdünger, sagen die Lobbyisten der entsprechenden Industrien, mit kleinbäuerlicher Ökolandwirtschaft, sagen Grüne, mit mehr Umverteilung, sagen Hilfsorganisationen.

Viele Unbekannte fließen in die Prognose ein

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Ob künftig sogar 9 Milliarden Menschen satt werden, hängt von vielen Faktoren ab: Wie lassen sich Ackerland und Hektarerträge ausweiten, wird genügend Süßwasser zu Verfügung stehen? Wie viel Getreide wird zu Biosprit? Wie stark wirken sich die Ölpreissteigerungen aus? Denn die ziehen den Preis für Diesel und Kunstdünger in die Höhe, verteuern den Handel – und je teurer das Öl ist, desto attraktiver wird die Umwandlung von Mais oder Ölsaaten in Kraftstoff. Als sei das nicht genug, fließen weitere Unbekannte in die Prognose ein: Krieg und Frieden, Klimawandel, technischer Fortschritt. Da scheinen manche Antworten auf die Frage nach der Tragfähigkeit der Erde heute wie damals Glaubenssätze über die Nachhaltigkeit von Fortschritt und der modernen Zivilisation insgesamt zu sein.

Schon bald könnten die Knappheiten infolge der Preissteigerungen wieder abnehmen. So war es jedenfalls nach der Ernährungskrise 2007/08, die zu weltweiten Volksaufständen geführt hatte. Landwirte weiteten die Produktion aus, in der folgenden Erntesaison fuhren sie mit mehr als 2 Milliarden Tonnen die größte Getreideernte aller Zeiten ein. Höhere Agrarpreise sind ein Anreiz, die Produktivität zu steigern. Beobachter erwarten für diese Saison neue Rekordernten.

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Die Getreidelager leeren sich seit zehn Jahren

Langfristig gibt es gleichwohl Gründe zu ernster Besorgnis. Die Getreidelager leeren sich seit zehn Jahren (das kann ein Hinweis darauf sein, dass der aktuelle Preisanstieg eher auf reale, als auf spekulativ erwartete Knappheit zurückzuführen ist). Und die Wachstumsrate der Weltbevölkerung hat neuerdings die der Hektarerträge überholt. Hatte Malthus doch Recht? Tatsächlich läuft der gewaltige Produktivitätsfortschritt, den die erste grüne Revolution mit Landmaschinen und dem Kunstdünger brachte, langsam aus. Durch immer mehr Düngung können die Ernten nicht beliebig gesteigert werden. Dafür dürfte die – in Europa gesellschaftlich und politisch nicht durchsetzbare – zweite Grüne Revolution global betrachtet die Lebensmittelproduktion weiter ausweiten: Genveränderungen lassen Pflanzen mit weniger Pestiziden, Düngemitteln und Wasser auskommen. 400 Wissenschaftler forderten erst kürzlich in London dazu auf, mehr Genveränderungen zuzulassen – und den Fleischkonsum zu besteuern.

Weiterhin gibt es schwere Handelsschranken. Während die EU umstrittene Ausfuhrerstattungen für Nahrungsmittel zurückgefahren hat, werden Einfuhrzölle erst jetzt temporär reduziert, da erste Länder Versorgungsengpässe fürchten. Die Entwicklungsländer aber bräuchten nicht nur und gerade nicht in Zeiten von Versorgungskrisen die Chance, den Industriestaaten Agrarprodukte zu liefern.

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Davon abgesehen müssen bis 2050 die Anbauflächen deutlich zunehmen. Dafür gibt es Potential vor allem in Afrika und Lateinamerika. 1,5 Milliarden Hektar Agrarfläche werden derzeit auf der Welt intensiv bewirtschaftet, 200 Millionen Hektar beträgt das Flächenpotential in Afrika. Aufstrebende Nationen mit wachsender Bevölkerung haben das längst entdeckt. China, Südkorea oder arabische Staaten kaufen riesige Flächen. Die Araber müssen ihre enorm wachsenden Bevölkerungen ernähren, die Chinesen ihren Fleischhunger stillen. Sie lassen sich davon auch nicht abhalten, auch wenn Europäer „Neokolonialismus“ rufen. Die Lebensmittelsicherung hat für sie politisch Priorität.

Quelle: F.A.Z.
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