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Transparency International

Die dunklen Seiten der Korruptionsjagd

Von Corinna Budras
Aktualisiert am 19.06.2020
 - 18:37
Ein Bericht über Transparency International soll Klarheit bringen - und ist voller Schwärzungen. zur Bildergalerie
Transparency International kämpft gegen Mauschelei auf der ganzen Welt. Dabei ist die Organisation selbst nicht über jeden Zweifel erhaben.

Transparenz hat ihre Schattenseiten. Sie kann Persönlichkeitsrechte verletzen oder den Datenschutz, manchmal ist sie schlichtweg peinlich. Das spürt selbst eine Organisation, die Transparenz zum höchsten Gut erklärt hat und sie deshalb in ihrem Namen trägt. Von der Anti-Korruptions-Organisation „Transparency International“, kurz TI, ist die Rede. Die hat in der vergangenen Woche ein delikates Dokument ins Netz gestellt: einen Untersuchungsbericht, in dem Fehlverhalten im internationalen Sekretariat nachgegangen wird.

Es geht um Verstöße gegen TI-Prinzipien in der Schaltstelle der Organisation, einen schlechten Führungsstil, Mobbingvorwürfe gegen das Management, um miserable Kommunikation und einen Mangel an Transparenz. Der 26-seitige Bericht gibt das allerdings nur teilweise preis. Schon die erste Seite ist fast komplett geschwärzt, dort, wo eigentlich der Untersuchungsgegenstand erläutert werden soll, prangen schwarze Balken.

Die Lückenhaftigkeit zieht sich durch den gesamten Bericht, die erste Seite ist nicht einmal das augenfälligste Eingeständnis von Geheimniskrämerei. Ganze Seiten fehlen, kommentarlos wurden sie weggelassen. Datenschutz und Persönlichkeitsrechte mussten als Erklärung ausreichen. Überprüfen kann das kaum jemand.

Es wird mit harten Bandagen gekämpft

Wer die schwarzen Balken lüften möchte, stößt auf eine Organisation mit Problemen, die sie sonst – bei anderen – eigentlich zu bekämpfen sucht, inklusive eines „dysfunktionalen Führungsmodells“, so formulieren es selbst externe Berater. Eine Organisation, die tiefzerstritten ist. Der lange schwelende Streit eskaliert gerade. Im Februar hat Tl seine Geschäftsführerin Patricia Moreira vor die Tür gesetzt, ohne Nennung von Gründen. Mitarbeiter werfen ihr vor, sie fördere eine Kultur, die Mobbing ermögliche, und brächte kritische Stimmen zum Schweigen. Sie bestreitet die Vorwürfe. Umgekehrt hat Moreira gegenüber dem Verwaltungsrat und internen Gremien undurchsichtige Entscheidungen und fehlerhafte Strukturen angeprangert, wie aus internen Unterlagen hervorgeht, die der F.A.S. vorliegen. Kommentieren möchte Moreira das nicht. Inzwischen kommuniziert man nur noch über Anwälte

Die Attacken kommen aus Sicht von Moreira vor allem vom Betriebsrat, der die notwendige Umstrukturierung der Organisation mit harten Bandagen bekämpft. Dabei ist sie vor zweieinhalb Jahren geholt worden, um das „Change-Management“ voranzutreiben, das durch eine halbherzig begonnene und nie zu Ende geführte Umstrukturierung nötig geworden ist. Davon wird noch zu reden sein. In der Öffentlichkeit jedenfalls fehlt ihre Sicht der Dinge. Der nun veröffentlichte Bericht erhält keine Stellungnahme von ihr – anders, als es vorher zugesichert wurde.

Als Interimschef wurde Daniel Eriksson berufen. Er möchte zum Untersuchungsbericht und den dort thematisierten Mobbingvorwürfen keine Stellungnahme abgeben, aber sieht die Organisation jetzt auf einem guten Weg. Das findet auch der Transparency-International-Gründer Peter Eigen, auch wenn er einräumt: „Das Sekretariat hat schon bessere Zeiten gesehen.

Entmachtungen und umstrittene Beförderungen

Zur Wahrheit gehört auch: Der abrupte Rauswurf war nur der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Fülle von Managementwechseln, Entmachtungen auf der einen und umstrittenen Beförderungen auf der anderen Seite. Dutzende von Mitarbeitern, auch hochrangige, haben in den vergangenen Jahren die Organisation verlassen. Selbst langjährige und der Sache tief verpflichtete Mitarbeiter beklagen, TI sei in politische Ränkespiele verstrickt, in denen einige nur am eigenen Fortkommen interessiert sind. Für eine Nichtregierungsorganisation, die sich den Kampf gegen Korruption auf der ganzen Welt zum Ziel gesetzt hat, die allein im Sekretariat rund 120 Mitarbeiter beschäftigt und die jedes Jahr Fördergeld in Millionenhöhe von Regierungen und Unternehmen eintreibt, ist das ein bestürzender Befund.

Nun ist bekannt, dass auch Gewerkschaften zwar für Arbeitnehmerrechte kämpfen, aber ihre eigenen Mitarbeiter mitunter ziemlich schändlich behandeln. Nicht jeder Priester handelt tugendhaft, auch mancher Klimaretter jettet durch die Welt. Dass Menschen Wasser predigen und Wein trinken, ist eine jahrtausendealte Erkenntnis. Aber trotzdem lohnt es sich im Fall von Transparency International, genauer hinzusehen – gerade wenn man das Ziel der Organisation befürwortet. Denn die Probleme sind zwar hausgemacht, aber sie werfen auch ein Schlaglicht auf die Welt der Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Zumindest einiger großer, die jahrelang „mit Geld zugeschüttet wurden“, wie eine Mitarbeiterin es formuliert. Sie hätten konzernähnliche Strukturen entwickelt, die nur schwer zu durchschauen und noch schwerer zu beherrschen seien. „Wir müssen das Konzept der NGOs komplett überdenken“, sagt sie.

Eine solch unglaubliche Erfolgsgeschichte hat auch Transparency International hingelegt: Gegründet wurde es im Jahr 1993 von Peter Eigen, einem deutschen Mitarbeiter der Weltbank in Afrika. Er war frustriert von korrupten Strukturen, die Reformen verhinderten und Menschen in Armut hielten. Mit einigen Mitstreitern gründete er Transparency International, eine Organisation, die jedes Jahr einen vielbeachteten Korruptionsindex veröffentlicht, die vielen Regierungen auf die Finger schaut und den Strom von Geldern nachverfolgt. In der Corona-Krise gelte das mehr denn je, sagt TI-Interimschef Eriksson. Gerade werden auf der Welt neun Billionen Dollar in Konjunkturpakete investiert, da sei es eine vordringliche Aufgabe, auf die gerechte Verteilung zu achten.

Ein ehrenwertes Ziel

Das Ziel ist aller Ehren wert und noch dazu mehrheitsfähig, demokratische Staaten wie die Bundesrepublik überschlagen sich mit Bekenntnissen gegen Korruption, da ist das Spendensammeln jahrelang nicht sonderlich schwergefallen. Die Organisation wuchs und wuchs. Tausende von Mitarbeitern arbeiten für sie. Auch in Deutschland gibt es noch einiges zu tun. In Berlin etwa versuchten verzweifelte Eltern, sich Kindergartenplätze durch Geldgeschenke zu sichern, wie TI Deutschland anprangert. Bei allem Verständnis für die Nöte der Eltern – so geht es nicht.

Doch die Struktur der Organisation ist unübersichtlich: Die Vorwürfe des Managementfehlverhaltens betreffen das Sekretariat der Organisation, in dem viele Fäden zusammenlaufen. Es hat seinen Sitz in Berlin. Davon weitgehend unabhängig, aber doch strukturell verwoben sind die einzelnen Länderorganisationen, Chapter genannt, mehr als hundert an der Zahl, die in ihren jeweiligen Heimatstaaten mal mehr, mal weniger aktiv gegen Korruption vorgehen. TI-Gründer Eigen kritisiert einen Tabubruch, der in die Zeit des Arabischen Frühlings fiel. Damals fing es an, dass auch das Sekretariat Spendengelder bekam und diese an die eigentlich eigenständigen Chapter weiterleitete. „Das ist eine Pervertierung des Souveräns unserer Bewegung“, sagt er.

Letztlich war es so wie bei vielen erfolgreichen Start-ups: Wenn sie wachsen und wachsen, kommen die Strukturen nicht hinterher. Entweder die Organisation wandelt sich, oder sie geht irgendwann unter. Im Jahr 2014 wurde eine solche Umstrukturierung angestoßen, bei TI wird das allgemein als Beginn der Schwierigkeiten angesehen. So heißt es auch in einem Bericht des „Unabhängigen Ethik-Panels“, der ebenfalls vergangene Woche auf der Internetseite veröffentlicht wurde. Wie unabhängig ein solches Ethik-Panel ist, das aus zwei hochrangigen TI-Mitarbeitern besteht, Hartmut Bäumer und Peter Conze, müsste eine Antikorruptionsorganisation beurteilen.

Die erste Umstrukturierung ging schief

Bei dieser Umstrukturierung damals entschied man sich für den „Holokratie-Ansatz“, der ohne klassische Hierarchiestufen auskommt. Führungspositionen werden darin nicht vergeben, sondern durch ein Mitarbeiterverfahren verliehen. Das bedeutete zwangsweise, dass bestehende Führungspositionen abgeschafft werden mussten. Manchmal sei dadurch ein „Vakuum“ entstanden, so heißt es in dem Bericht. Dass das für Unmut sorgt, kann man sich vorstellen. In dieser Zeit verließen massenhaft Mitarbeiter die Organisation, teils auf Betreiben der Organisation, teil aus eigenem Frust.

Moreira wurde 2017 geholt, um dieser aus der Bahn geratenen Umstrukturierung wieder den richtigen Schwung zu geben. Die Zahlen belegen, dass es in dieser Zeit zumindest finanziell bergauf ging: Die Spender blieben nun wieder bei der Stange, Einnahmen stiegen von 20,4 Millionen Euro im Jahr 2017 auf 24,8 Millionen Euro 2019. Die Zahl der unterfinanzierten Projekte sank von 26 auf 12 Prozent.

Allerdings begannen schon früh die Probleme mit dem Betriebsrat. Was Mitarbeiter über die Macht der Arbeitnehmervertreter berichten, erinnert an Volkswagen, wo gerade der mächtige Betriebsratschef ungeniert am Stuhl des Vorstandsvorsitzenden sägt. Selten wackelt der Stuhl eines Chefs, der Erfolge vorweisen kann. Anders bei Transparency International. Die Auseinandersetzungen wurden auch öffentlich ausgetragen: Im August 2019 erschien ein Artikel in der britischen Zeitung „Guardian“, der die Organisation im Mark erschütterte und die großzügigen Geldgeber misstrauisch machte. Eine Untersuchung musste her, die internationale Anwaltskanzlei Taylor Wessing wurde eingespannt, sie lieferte den Bericht, der sich Monate später geschwärzt im Internet finden sollte.

Mobbingvorwürfe nicht erhärtet

Die Ergebnisse, das ist das Kuriose, hätten für TI erfreulich sein können. Die Vorwürfe einer geradezu toxischen Arbeitsatmosphäre der Einschüchterung – darunter dem Bericht zufolge auch der fehlende Gruß, Kritik oder auch Augenrollen – könne man nicht bestätigen, ein systematischer Bruch mit TI-Prinzipien, geschweige denn eine Verletzung des Arbeitsrechts lägen nicht vor, heißt es darin. Nur einen Vorfall stellten die Anwälte als problematisch heraus: Dabei handelte es sich um drei Abmahnungen, die Moreira gegenüber einem Mitarbeiter ausgesprochen hatte. Dieser Mobbingvorwurf wurde untersucht, ohne dass Moreira die Möglichkeit hatte, hierzu Stellung zu nehmen. Diese arbeitsrechtliche Handlungsempfehlung hatten Anwälte allerdings ausdrücklich als notwendig angesehen. Doch das interessierte offenbar wenig. Der Abschlussbericht lag noch gar nicht vor, da bekam Moreira ihre Kündigung überreicht.

Der Ausgang der Untersuchungen dürfte indes auch die Geldgeber interessieren, sie warten schon seit längerem darauf. Bald schon werden die Budgets für das kommende Jahr vergeben. „Gemeinsam mit anderen Gebern haben wir in einem Brief an Transparency International um Aufklärung und Behebung der Missstände gebeten“, sagt ein Sprecher des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ). „Das BMZ geht davon aus, dass die ergriffenen Maßnahmen Wirkung erzeugen.“ Dieses Engagement befürworten nicht alle. „Die Sponsoren sind Teil des Problems“, heißt es aus der Organisation. Sie forderten bei Unstimmigkeiten harte Konsequenzen – anstatt die Sache den Arbeitsgerichten zu überlassen.

An Erkenntnis jedenfalls scheint es TI nicht zu mangeln, eher an der Umsetzung. Im gerade veröffentlichten Bericht des Ethik-Panels jedenfalls kommen die Autoren zum Schluss, es gebe einen „dringenden Bedarf an mehr Kommunikation, Transparenz und Professionalisierung“. Das solle man nun angehen: durch Coachings und Trainings.

Quelle: F.A.S.
Autorenportät / Budras, Corinna
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.
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