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Trucker

Die Asphalt-Cowboys sterben aus

Von Roland Lindner
 - 17:08

Wenn über die Schattenseiten von Zukunftstechnologien diskutiert wird, ist oft davon die Rede, dass ganze Berufszweige bedroht sein könnten. Ein Paradebeispiel ist autonomes Fahren. Viele Nutzfahrzeughersteller arbeiten an selbstfahrenden Lastwagen. Das wirft die Frage auf, welche Zukunft der Beruf des Lastwagenfahrers hat. In den Vereinigten Staaten, dem Land der endlosen Highways, in dem mehr als 70 Prozent des Frachtvolumens über Lastwagen bewegt wird, hat diese Frage ein besonderes Gewicht. Hier gibt es nach Angaben des Branchenverbandes American Trucking Association (ATA) mehr als 3,5 Millionen Lastwagenfahrer.

Bis selbstfahrende Brummis auf breiter Front im Einsatz sind, dürfte freilich noch eine Weile vergehen, und in der Zwischenzeit gibt es in dem Metier ganz andere Sorgen. Im Moment müssen Lastwagenfahrer wenig Angst haben, nicht mehr gebraucht zu werden, vielmehr werden sie händeringend gesucht. Nach Angaben des Verbandes fehlen der Branche schon heute mehr als 50000 Fahrer, und bis zum Jahr 2026 könnten es sogar 175000 werden. Im amerikanischen Kongress gibt es angesichts dieser Knappheit Überlegungen, das Mindestalter, um Lastwagen über die Grenzen von Bundesstaaten hinweg fahren zu dürfen, von 21 auf 18 Jahre zu senken.

Der Personalmangel hat schon heute erhebliche Folgen, für Unternehmen wie auch für die Allgemeinheit. Denn er schlägt sich in höheren Kosten für die Beförderung von Gütern nieder, die dann oft an Verbraucher weitergegeben werden. Der Konsumgütergigant Procter & Gamble beklagte vor wenigen Tagen bei der Vorlage von Quartalszahlen einmal mehr gestiegene Logistikaufwendungen, viele andere Unternehmen dürften es ihm in der gerade angelaufenen Berichtssaison gleichtun. Mehrere prominente Lebensmittel- und Getränkehersteller wie Mondelez („Milka“) oder Coca-Cola haben unter Verweis auf teureren Transport Preiserhöhungen für ihre Produkte angekündigt. Die Begründung wurde auch vom Online-Händler Amazon.com genannt, als er vor geraumer Zeit in seiner amerikanischen Heimat die Gebühren für sein Kundenbindungsprogramm „Prime“ angehoben hat.

Walmart verspricht mehr Geld

Unternehmen sehen sich gezwungen, aggressiver um Lastwagenfahrer zu werben und sie besser zu bezahlen. Der Handelskonzern Walmart, ein wichtiger Arbeitgeber auf diesem Berufsfeld, kündigte gerade an, das durchschnittliche Jahresgehalt seiner Fahrer auf 87.500 Dollar anzuheben. Für ein Unternehmen, dem sonst oft vorgeworfen wurde, gerade die Beschäftigten in seinen Läden miserabel zu bezahlen, ist das eine stattliche Summe. Walmart verspricht Mitarbeitern außerdem eine Belohnung von bis zu 1500 Dollar, wenn sie neue Fahrer empfehlen. Vor einigen Monaten machte das Unternehmen seine „Trucker“ zum Gegenstand einer Werbekampagne und nannte sie darin „die unbesungenen Helden der Straße“. Es verspricht ihnen auch vergleichsweise angenehme Konditionen, darunter vierteljährliche Bonuszahlungen, vorhersehbare Arbeitszeiten und bis zu 21 Urlaubstage im ersten Berufsjahr. Walmart unterhält eine riesige Flotte von 6500 Lastwagen und beschäftigt 7500 Fahrer, um seine rund 5000 Filialen in Amerika zu beliefern.

Die zunehmende Knappheit an Brummifahrern in Amerika hat viel mit den niedrigen Arbeitslosenzahlen zu tun sowie mit dem Umstand, dass im Zuge der guten wirtschaftlichen Entwicklung in jüngster Zeit mehr Ware zu befördern war. Der Index, mit dem der Branchenverband das Frachtvolumen in Amerika misst, hat sich im Jahr 2018 so deutlich erhöht wie zuletzt vor zwei Jahrzehnten. Aber es gibt auch andere Herausforderungen. Lastwagenfahrer sind eine vergleichsweise alte Berufsgruppe, ihr Durchschnittsalter bei Wal-Mart liegt zum Beispiel bei 55 Jahren. Es gibt also hohen Ersatzbedarf für Mitarbeiter, die in Rente gehen. Aber junge Menschen zieht es nicht mehr so sehr in den Beruf wie früher. Trucker umgab einmal ein Mythos von Country-Romantik und Freiheit, sie wurden als Highway-Cowboys in etlichen Liedern verewigt. Womöglich steht aber heute für viele Menschen ein nüchterneres Bild im Vordergrund: von einem Alltag, der oft langweilig und mit langer Abwesenheit von der Familie verbunden ist, und einem Beruf, der in der Gesellschaft keinen allzu großen Respekt genießt.

Der Mangel an Lastwagenfahrern ist kein rein amerikanisches Phänomen. Auch in Deutschland hat eine Gruppe von Industrieverbänden kürzlich Alarm geschlagen und von „akuten Engpässen in der gesamten Logistikbranche“ gesprochen. Ihren Angaben zufolge scheiden jährlich 67.000 Berufsfahrer aus dem Arbeitsleben aus, aber es können nur 27.000 Ersatzkräfte gefunden werden. Um gegen den Notstand zu kämpfen, haben die Verbände einen Fünf-Punkte-Plan erarbeitet und an Verkehrsminister Andreas Scheuer überreicht. Eines der Ziele: „Mehr Wertschätzung und eine Erhöhung der Attraktivität des Fahrerberufs.“

Quelle: F.A.Z.
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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