Ärgerliche Wähler

Aufstand der bösen Männer

Von Winand von Petersdorff
12.10.2014
, 11:38
Die Rentner haben den Protest übernommen, wie hier auf einer Anti-Fracking-Demonstration. Doch sie verderben das Meinungsklima
Wer in diesem Land Fracking oder die grüne Gentechnik verteidigt, muss mit aggressiven Reaktionen rechnen. Die kommen oft von Vorruheständlern ohne Kinder - aber mit viel Bildung.

Das Fernsehmagazin Panorama hat vor einigen Tagen einen Bericht zum Thema Fracking ausgestrahlt. Die Autoren hatten dafür unter anderem führende Naturwissenschaftler zu den Gefahren befragt. Deren Aussagen lassen sich zu der Essenz verdichten, dass Fracking nicht gefährlicher sei als andere Bergbaumethoden, die in Deutschland erlaubt sind und dass deshalb ein Komplett-Verbot nicht gerechtfertigt sei. In der Sendung wurden auch Risiken angesprochen und von Wissenschaftlern eingeordnet. Sie lässt sich selbst beim besten Willen oder übelster Laune nicht als Aufforderung deuten, nun hemmungslos mit dem Fracken loszulegen.

Nach der Sendung brach gleichwohl ein Sturm der Entrüstung über die Redaktion herein: „Wir waren ziemlich über die Wucht dieser Vorwürfe überrascht“, sagen die Autoren. „Nur weil jemand mal eine andere Meinung hat, ist er nicht gleich gekauft.“

Die Autoren erleben gerade, was anderen auch schon widerfahren ist: Wer heute für die grüne Gentechnik eintritt oder wenigstens offen für diese Technik ist, wird in öffentlichen Foren als Büttel von Monsanto verunglimpft. Wer die Förderung von Photovoltaik kritisiert – und es gibt keinen ernst zu nehmenden Ökonomen in diesem Land, der sie nicht kritisieren würde – ist schnell der Diener der vermeintlich mächtigen Energieriesen RWE und Eon, die in Wahrheit gerade verzweifelt um ein tragfähiges Geschäftsmodell kämpfen.

Kinderlos, gebildet mit Abschluss und viel Zeit

Nach Analyse von Internetkommentaren zu politisch brisanten Themen stößt man ziemlich schnell auf einen besonderen Typus von Schreibern: im Ton aggressive Männer mit viel Zeit. Ihre Kommentare sind oft abwertend und lang. Offenbar sind es die gleichen Leute, die der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter in seiner Studie „Bürgerproteste in Deutschland“ identifiziert hat.

Walters Mitarbeiter hatten zentrale Akteure und Aktivisten von deutschen Protestgruppen interviewt und festgestellt: Ob es gegen Hochspannungsleitungen, neue Bahnhöfe oder den Wall Street-Kapitalismus geht, stets tragen Männer den Protest in Deutschland – es sei denn, es geht um Schulpolitik. In diesem Ausnahmefall sind Frauen die Aktiveren, genauer gesagt: Mütter.

Die Protestierenden sind oft Vorruheständler, viele haben keine Kinder. „Der Protest geht vom Milieu der Kinderlosen aus.“ Sie sind überdurchschnittlich gebildet, nicht selten mit einem naturwissenschaftlichem Abschluss. Früher wurden die Protestbewegungen eher von Akademikern mit sozialwissenschaftlichen Abschlüssen getragen.

Das Positive an dieser neuen Klasse bürgerlicher Protestler ist ihr großes Engagement, das im Kontrast zur allgemein diagnostizierten Politikverdrossenheit steht. Das zutiefst Beunruhigende liegt aber in ihrer Haltung: Für Parteien und Politik haben sie nur Hohn und Verachtung übrig, Politiker sind für sie Postenjäger, die sich von Lobbyisten und ihren willfährigen Schreibknechten, den Medien, manipulieren lassen.

Die Protestler reden gerne von Scheindemokratie, wie die Göttinger Politologen analysierten. Ihr Misstrauen richtet sich nicht nur gegen Politik, Parteien und Medien, sondern auch gegen wissenschaftliche Einrichtungen, die ihnen hundert Mal nachweisen können, warum Fracking in Deutschland nicht so riskant ist. Sie werden es nicht glauben.

Die Leerstelle als glaubwürdige Instanz nehmen stattdessen zum Beispiel Dokumentarfilmer ein, die vermeintliche Verschwörungen mit kraftvollen Bilder aufzudecken vorgeben. Der Film „Gasland“ über das Fracking in den Vereinigten Staaten ist nicht das einzige Beispiel, aber das schlagendste. Obwohl Wissenschaftler längst nachgewiesen haben, dass der Filmer sein Publikum betrog, der brennende Wasserhahn mit Fracking-Maßnahmen nichts zu tun hatte, bleibt er eine Autorität.

Anti-Stimmung vertreibt Investoren

Die neuen Aktivisten werden zahlreich. Der Politologe Walter erwartet, dass sich in Deutschland zwischen 2015 und 2035 hunderttausende hochmotivierte und rüstige Rentner in den öffentlichen Widerspruch begeben. Sie bleiben nicht ungehört. Vielmehr treffen sie sich mit jungen Leuten, die gegen Freihandel, globale Ausbeutung und amerikanische Konzerne mobil machen. Schon heute finden diese misstrauischen Leute Gehör in der Bevölkerung, die für die Vorstellung, sie sei das Opfer von Verschwörungen aller Art, doch viel empfänglicher zu sein scheint, als man es von einem aufgeklärten Souverän erhoffen darf.

Die Politik reagiert darauf fast zwangsläufig. Fracking, eine seit den frühen 60er Jahren hierzulande ohne schwerwiegenden Vorkommnisse praktizierte Bergbaumethode, wird in Deutschland fast zur Unmöglichkeit, weil die Politik sie konträr zum Sachverstand der eigenen Wissenschaftler blockiert – angesichts des öffentlichen Widerstands. Das geschieht, obwohl die Unternehmen einen Rechtsanspruch auf ein anständiges Genehmigungsverfahren haben.

Die Firmen selbst stellen im Moment selbst keine Anträge, sie wollen es sich nicht mit Politik und Öffentlichkeit verderben, obwohl sie in der Bergbaumethode eine besondere Chance für sich sehen, große Gasvorkommen auszubeuten. Deutschland könnte, rechnet Exxon vor, statt zehn Prozent seines Gaskonsums 20 Prozent aus eigenen Quellen decken. Doch das Argument, dass man die Kuh, die man zu melken trachtet, besser nicht schlachtet, findet kaum noch Gehör. Kein Wunder, dass Firmen bestimmte Technologie-Sektoren in Länder verlegen, die heiterer in die Zukunft blicken

Das Meinungsklima ist verbiestert

Das Paradoxe an dieser Entwicklung ist, dass die Protestler selbst offenbar ihre Triumphe nicht genießen können. Sie gewinnen nicht die Einsicht, dass ihr Engagement Eingang in den politischen Willenbildungsprozess gefunden hat. Kurz: Sie fangen offenbar nicht an, plötzlich an die Parteiendemokratie zu glauben. Stattdessen liebäugeln sie mit starken charismatischen Politikern, die auf ihre Person fachliche Kompetenz und Autorität vereinigen.

Die unbeantwortete Frage ist, wo eigentlich die pessimistische, zynische Grundströmung herkommt, die doch beträchtliche Teile der durchaus gebildeten Leute erfasst hat. So elendig waren sie ja nicht, die letzten Jahre. Oder vielleicht doch? Auch eine zweite Frage harrt einer Antwort: Wie verhindert man, dass ziemlich verbiesterte Leute das Meinungsklima in diesem Land dominieren?

Quelle: F.A.S.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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