Türkei in der Krise

Jahresinflation jetzt bei 20 Prozent

Von Andreas Mihm, Wien
03.11.2021
, 14:33
Türkische Studierende protestieren gegen hohe Mietkosten in ihrem Land.
Um die schlimmsten Folgen steigender Preise für Lebensmittel und Energie abzufedern, will die türkische Regierung jetzt den Mindestlohn erhöhen und Subventionen ausweiten. Die Leitzinsen könnten allerdings weiter sinken.
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In der Türkei verliert das Geld immer mehr an Wert. Im Oktober ist die Inflationsrate der Verbraucherpreise nach amtlichen Angaben von Mittwoch auf 19,89 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Das ist zwar unter dem von Analysten zuvor geschätzten Wert von 20,4 Prozent, markiert aber den höchsten Stand seit dem Frühjahr 2019.

Das türkische Statistische Amt machte für den abermaligen Anstieg der Lebenshaltungskosten höhere Preise für Lebensmittel, Dienstleistungen, Wohnungen und Transport, aber auch die steigenden Kosten für Energieimporte verantwortlich. Die Preise für Lebensmittel lagen nach amtlicher Darstellung mehr als 27 Prozent über dem Niveau des Oktober 2020, die Erzeugerpreise legten um 43 Prozent zu.

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Mit einer einmaligen Unterbrechung sind die Verbraucherpreise damit seit Oktober vergangenen Jahres jeden Monat gestiegen. Damals lag die Steigerungsrate noch unter 12 Prozent. Erst in der vergangenen Woche hatte die Zentralbank ihre Inflationserwartung für das Jahresende auf 18,4 Prozent angehoben. Vom offiziellen Ziel ihrer Geldpolitik, einer Inflationsrate von 5 Prozent entfernt sie sich aber immer weiter. Kritiker halten der Notenbank vor, dass die mit sinkenden statt steigenden Zinsen die Geldentwertung beschleunige statt zu verlangsamen.

Erdogan will mehr Engagement für eine niedrigere Inflation

Auf Druck von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, der hohen Zinsen ablehnt, weil sie das Wachstum hemmten, hatte die Notenbank zuletzt den Leitzins auf 16 Prozent reduziert. Die Folge ist eine weitere Schwächung der Landeswährung Lira. Das hilft der Exportwirtschaft, weil sie auf dem internationalen Markt wettbewerbsfähiger wird.
Zugleich muss die Türkei aber immer mehr Lira für die in Euro und Dollar berechneten Importe ausgeben, die wertmäßig in der Regel die Summe der Exporte weit übertreffen, die Leistungsbilanz ist defizitär.

In der Folge müssen die privaten und staatlichen türkischen Fremdwährungsschuldner immer mehr Lira für Zinsen und Tilgung in Dollar und Euro aufwenden.Am Mittwoch kostete ein Dollar 9,68 Lira, das ist mehr als dreimal so viel wie vor fünf Jahren. Gleichwohl wird eine weitere Zinssenkung noch in diesem Jahr erwartet. Erdogan hatte schon mehrfach die Spitze der Notenbank ausgetauscht, weil ihm ihre Politik missfiel.

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Um den wachsenden Unmut in der Bevölkerung über die überproportional steigenden Preise wie für Lebensmittel zu begegnen, erwägt die Regierung nun Hilfen für ärmere Bevölkerungsschichten. Nach einem Reuters-Bericht gehört dazu eine Anhebung des Mindesteinkommens ebenso wie konkrete Hilfen gegen den rapiden Anstieg der Öl-, Gas- und Strompreise.

Doch könnten die geplanten fiskalischen Anreize auch dazu führen, dass der Preisdruck in den kommenden Monaten weiter wachse, warnten Ökonomen.
Steuersenkungen sind auch kein Garant im Kampf gegen die Inflation, wie neue Absatzzahlen der Autoindustrie zeigen. Denn obwohl die Regierung in Ankara die Steuern auf manche Autogruppe gesenkt hatte, gingen die Verkäufe von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen im Oktober den vierten Monat in Folge zurück, im Jahresvergleich sogar um mehr als 40 Prozent. Als ein Grund dafür wird die jüngste Abwertung der türkischen Lira genannt. Diese habe viele Autohersteller dazu veranlasst, die Preise in letzter Zeit zu erhöhen. Auch Produktionsunterbrechungen wegen der Chipkrise spielten eine Rolle.

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Quelle: FAZ.NET
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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