Währungskrise in der Türkei

Keine iPhones mehr im türkischen Onlinehandel

Von Andreas Mihm
25.11.2021
, 14:20
Demonstranten am Mittwoch in Istanbul
Lange Schlangen erboster Kraftfahrer, die Milchpreise steigen: Der Kurssturz der türkischen Lira verstärkt die Inflationserwartungen. Das macht Verbrauchern und Unternehmen das Leben schwer. Beamte dringen nicht zu Erdogan durch. Abu Dhabi hilft.
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Der rapide, zuletzt allerdings etwas eingebremste Wertverfall der türkischen Lira hat zunehmende Folgen auch für die Verbraucher und Unternehmer im Land. Türkische Medien berichten von Preiserhöhungen für Benzin und Diesel sowie langen Schlangen wartender und erboster Kraftfahrer vor der Preiserhöhung zum Donnerstag. Im Onlinehandel seien manche Produkte wie iPhones nicht mehr verfügbar, weil die Händler angesichts der ungewissen Lage und steigender Importpreise Produkte zurückhielten.

Ähnliche Meldung gibt es aus der Immobilen- und Autobranche, wo Verkäufer in der Erwartung weiter steigender Preise ihre Angebote zurückzögen. Andererseits versuchten Autohändler, ihre Lager zu den aktuellen Preisen zu füllen.

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Eigenkapital erodiert

Auch bei Lebensmitteln, deren Preise mit einer im Oktober amtlich gemessen Rate von 27 Prozent im Jahresvergleich anzogen, spitzt sich die Lage offenbar zu. Manche Supermärkte rationieren angeblich die Abgabe von Grundnahrungsmitteln, andere berichten von Schwierigkeiten bei der Nachschubbeschaffung. Die türkischen Milcherzeuger verlangten von der Regierung eine Erhöhung des Großhandelspreises für Milch um 55 Prozent, weil unter anderem die Kosten für Futtermittel in die Höhe schössen.

Kunden in einem Basar in Istanbul
Kunden in einem Basar in Istanbul Bild: Imago

Selbst Exporteure, deren Geschäft tendenziell von dem Kursverfall profitieren sollten und die Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan mit seiner Politik niedriger Zinsen stärken will, melden sich kritisch zu Wort. Der Präsident der Vereinigung der Exporteure der Ägäis-Region in Izmir, Jak Eskinazi, sagte der Zeitung Cumhuriyet, mit Währungsschwankungen von bis zu 15 Prozent am Tag, wie sie am Dienstag erreicht worden waren, könne man nicht fertigwerden. „Das Eigenkapital unserer Geschäfte ist erodiert.“

Man müsse kein Prophet sein, um festzustellen, dass bald „die Banken an den Punkt kommen, an dem sie keinen Kredit mehr geben können.“ Die Politik müsse jetzt dringend Maßnahmen ergreifen, der „Währungsbrand“ gelöscht werden.

Kunden vor einer Wechselstube in Istanbul
Kunden vor einer Wechselstube in Istanbul Bild: Imago

Regierungsbeamte, die ähnlich dächten, würden aber nicht zu Erdogan durchdringen, berichtet die Agentur Reuters unter Verweis auf Quellen in der Regierung. Erdogan konnte indes eine gewisse politische Entlastung vorweisen, indem er sich mit den seit Jahren verfeindeten Vereinigten Arabischen Emiraten (VEA) aussöhnte.

Die Polizei ging am Mittwoch in Istanbul gegen Demonstranten vor.
Die Polizei ging am Mittwoch in Istanbul gegen Demonstranten vor. Bild: Imago

Zu den am Mittwoch getroffenen Abmachungen gehört ein Investitionsfonds in Höhe von 10 Milliarden Dollar, mit dem der Staatsfonds von Abi Dhabi Investitionen in der Türkei finanzieren soll. Adressaten der geplanten Direktinvestitionen seien die Branchen Energie, Petrochemie, Technologie, Transport, Infrastruktur, Gesundheit, Finanzdienstleistungen, Lebensmittel und Landwirtschaft.

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Zudem unterzeichneten die Zentralbanken der beiden Staaten ein Kooperationsabkommen „zur Förderung der Zusammenarbeit“. Am Devisenmarkt wurde darüber spekuliert, dass die VEA der türkischen Notenbank über ein sogenanntes Swap-Abkommen eine Art Überziehungskredit einräumen könnte.

Ähnliche Abmachungen gibt es bereits mit Katar, China und Südkorea. Vor diesem Hintergrund stabilisierte sich der Kurs der Lira am Donnerstag oberhalb von 12 Lira je Dollar und um 13,60 Lira je Euro.

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Quelle: FAZ.NET
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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