Bericht der Vereinten Nationen

Warum der Kampf gegen den Hunger so erfolglos ist

Von Jessica von Blazekovic
06.07.2022
, 16:09
Ein Helfer der Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières wiegt in Thaker (Südsudan) ein Kind.
Die Zahl der Hungernden ist im vergangenen Jahr weiter gestiegen. Warum ändert sich daran eigentlich nichts? Sieben Fragen und sieben Antworten.
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Der Hunger in der Welt nimmt weiter zu. Allen Gipfeln, Bekenntnissen, Initiativen, Geld, Studien und Artikeln zum Trotz – nichts hat offenbar geholfen. Die Zahl der Menschen, die hungern müssen, steigt. Das ist das ernüchternde Fazit des neuen Welthungerberichts der Vereinten Nationen (UN), der am Mittwoch in New York vorgestellt wurde.

Demnach waren Schätzungen zufolge im Jahr 2021 zwischen 702 und 828 Millionen Menschen von Hunger betroffen – etwa 46 Millionen mehr als im Vergleich zum Mittelwert des Vorjahres (712 Millionen). Fast 10 Prozent der Weltbevölkerung waren unterernährt, wieder ein bisschen mehr als noch ein Jahr zuvor. Immerhin: Der Anstieg fiel nicht ganz so drastisch aus wie zwischen 2019 und 2020. 2,3 Milliarden Menschen sind dem Bericht zufolge einer moderaten oder schweren Ernährungsunsicherheit ausgesetzt. Mehr als 3 Milliarden Menschen und damit zwei Fünftel der Weltbevölkerung hätten sich im Jahr 2020 keine gesunde Ernährung leisten können. Besonders betroffen sind weiterhin asiatische und afrikanische Länder, Lateinamerika und die Karibik.

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Im vergangenen Jahr sorgten durch die Corona-Pandemie gestörte Lieferketten und gestiegene Lebensmittelpreise dafür, dass abermals keine Trendumkehr eintrat. Auch hätten sich Volkswirtschaften ungleich von der Pandemie erholt und seien Einkommensverluste in besonders betroffenen Regionen nicht ausgeglichen worden. Und auch in diesem Jahr wird es wohl nicht gelingen, den Hunger auszubremsen: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine, die dramatisch gestiegenen Lebensmittelpreise und das wachsende Risiko einer globalen Rezession streuen Salz in eine klaffende Wunde.

Viele Sätze aus dem UN-Bericht, an dem sich auch Unicef, die Weltgesundheitsorganisation und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO beteiligt haben, ließen sich an dieser Stelle zitieren, um das Ausmaß des Problems zu verdeutlichen. Der folgende ist wohl am eindrücklichsten: „Vorhersagen zufolge werden im Jahr 2030 immer noch 670 Millionen Menschen von Hunger betroffen sein – 8 Prozent der Weltbevölkerung und damit genauso viele wie 2015, als die Agenda 2030 aufgelegt wurde.“ Die Agenda, das sind die 17 Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung, die sogenannten Sustainable Development Goals. Das zweite Ziel, den Hunger in der Welt bis zum Jahr 2030 zu beenden, ist derzeit so weit entfernt wie nie zuvor.

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1. Warum hungern immer mehr Menschen?

Vereinfacht gesagt, gibt es drei Hauptgründe für den Hunger in der Welt. Zum einen sind es Kriege, Krisen und wirtschaftliche Schocks – wie die Corona-Pandemie, der Bürgerkrieg im Jemen oder jetzt der Ukrainekrieg –, die dazu führen, dass der Zugang zu Nahrungsmitteln in bestimmten Weltregionen erschwert ist. Besonders auf dem afrikanischen Kontinent haben kriegerische Auseinandersetzungen und Staatsstreiche zuletzt zugenommen, etwa in Äthiopien. Nicht nur führt das kurzfristig dazu, dass die Menschen vor Ort oder auf der Flucht Hunger leiden müssen. Auch auf lange Sicht hat politische Instabilität schwerwiegende Folgen für die Ernährungssicherheit, weil private Investoren dadurch abgeschreckt werden. „Das ist ein riesiges Problem, das wohl am schwierigsten zu lösen ist“, sagt Dominik Ziller, Vizepräsident des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung der Vereinten Nationen (IFAD). Überall dort, wo der Hunger am stärksten grassiert, herrschten oftmals Kriege – „da gibt es große Schnittstellen“.

Eine weitere Ursache ist der Klimawandel. Gerade in den am stärksten betroffenen Weltregionen, Asien und Afrika, nehmen Wetterextreme zu: Dürren, Waldbrände, Flutkatastrophen und Stürme zerstören landwirtschaftliche Flächen und Ernten. Auch für die kommende Erntesaison zeichnet sich ab, dass Hitzewellen und Überschwemmungen beispielsweise in China und Indien die Erträge schmälern werden. Eine interessante Erkenntnis aus dem aktuellen UN-Bericht: Würden Agrarsubventionen anstelle von Getreide und Tierfutter stärker auf Hülsenfrüchte, Obst, Gemüse und andere nährstoffreiche Produkte abzielen, würde das nicht nur die Ernährung insbesondere von Kindern verbessern, sondern auch einen Beitrag zum Schutz des Klimas leisten.

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Nicht zuletzt tragen auch fehlgeleitete staatliche Investitionen in Entwicklungsländern zum Welthunger bei, erklärt IFAD-Vize Ziller: „Viele von Hunger stark betroffene Länder haben zu viel in die Erschließung von Rohstoffen wie Öl anstelle des Agrarsektors investiert und in Kauf genommen, dass landwirtschaftliche Produkte importiert werden müssen.“ Wenn die Lieferketten dann unterbrochen sind, wie zuletzt in der Corona-Pandemie oder jetzt aufgrund des Ukrainekrieges, könnten diese Länder ihre Bevölkerung plötzlich nicht mehr ernähren, obwohl sie eigentlich die Voraussetzungen dafür hätten. Insgesamt stellt der Bericht fest, dass die jüngsten Rückschläge darauf hindeuteten, dass Regierungsprogramme keine weiteren Erfolge im Kampf gegen den Hunger in all seinen Formen erzielten. „Es ist an der Zeit für die Regierungen, ihre derzeitige Unterstützung von Ernährung und Landwirtschaft zu überprüfen“, schreiben die Autoren.

2. Mangelt es an Nahrungsmitteln – oder an Geld?

Eigentlich gäbe es genug Nahrungsmittel, oder zumindest das Potential für ihre Produktion, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Darin sind sich alle einig. Doch noch immer wird zu viel davon verschwendet – aus Unachtsamkeit in den Industriestaaten oder aufgrund von fehlender Infrastruktur in Entwicklungsländern, etwa für die Lagerung, den Transport oder die Kühlung von Produkten. Und es fehlt Geld. Zwar werden Jahr für Jahr mehrere Hundert Milliarden Euro im Kampf gegen den Hunger ausgegeben. Doch schätzen die Vereinten Nationen und die Weltbank, dass jährlich 300 bis 350 Milliarden US-Dollar zusätzlich nötig sind, um den Hunger in den kommenden acht Jahren zu beenden. „Diese Summe ist gigantisch und kann nicht allein aus den Entwicklungshaushalten der klassischen Geberländer kommen“, sagt Ziller. Die Entwicklungsländer müssten selbst aktiv werden und Privatinvestoren anlocken.

3. Welchen Beitrag leistet Deutschland?

Die Bundesrepublik hat IFAD-Vize Ziller zufolge zuletzt viel für die globale Ernährungssicherung getan. So sei es in den vergangenen Jahren mehrfach gelungen, das international vereinbarte Ziel zu erreichen, 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands für Entwicklungsarbeit zu verwenden. Auch die jüngst von Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) ins Leben gerufene Allianz der sieben führenden Industrienationen für die Nahrungsmittelsicherheit zeige, dass es in der deutschen Entwicklungsarbeit eine große Kontinuität gebe. Ziller mahnt aber: „Jetzt ist nicht der Moment, zu sparen. Wenn ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro mal eben für die Verteidigung lockergemacht werden kann, müssen auch die zwei Milliarden Euro, die im Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gekürzt wurden, wieder verfügbar gemacht werden.“

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4. Welche Rolle spielt das globale Bevölkerungswachstum?

„Es gibt eine Grenze der Tragfähigkeit des Planeten“, sagt Ziller. Schätzungen zufolge werden in 30 Jahren knapp zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben – zwei Milliarden mehr als aktuell. Prozentual nimmt die Bevölkerung am stärksten in Afrika zu – also auf dem Kontinent, der auch am stärksten von Hungersnot betroffen ist. „Das Bevölkerungswachstum ist in Zusammenhang mit Hunger ein sehr heißes Eisen – aber es muss thematisiert werden“, sagt Ziller. Viele afrikanische Länder hätten hohe Wirtschaftswachstumsraten, doch weil ihre Bevölkerung in gleichem Tempo wachse, steige das Pro-Kopf-Einkommen nicht. Deshalb seien Anreize sinnvoll, um ein zu starkes Bevölkerungswachstum einzuhegen.

5. Hat der Ukrainekrieg wirklich so dramatische Auswirkungen auf die globale Ernährung wie befürchtet?

Noch ist das schwer abzusehen, da die Schwere der Folgen vor allem von der Erntesaison 2023 abhängen wird. Es zeichnet sich jedoch ab, dass diese schlechter ausfallen wird als erhofft und beispielsweise Indien oder China die ukrainischen Ausfälle nicht werden kompensieren können. Nicht zuletzt ist das Exportproblem der Ukraine weiterhin nicht gelöst, wodurch zu wenig Lagerkapazitäten für die kommende Ernte vorhanden sind und sie zu verderben droht. „Wir glauben, dass sich die Situation eher noch zuspitzen wird“, befürchtet IFAD-Vizepräsident Ziller. Ein kleiner Lichtblick: Die Weizenpreise sind zuletzt wieder auf das Vorkriegsniveau gesunken, was als Zeichen gewertet wird, dass die internationalen Bemühungen, Getreide und Ölsaaten aus der Ukraine zu schaffen, Früchte tragen.

6. Was muss akut geschehen, um Menschen vor dem Verhungern zu bewahren – und was langfristig?

Kurzfristig liegt die Lösung auf der Hand: Der Krieg in der Ukraine muss enden, und auch der zuletzt stark zugenommene Protektionismus im Handel mit Agrargütern muss zurückgehen. Um den Hunger nachhaltig zu beseitigen, müssen die betroffenen Länder Ziller zufolge ihre Abhängigkeit von globalen Lieferketten reduzieren, etwa indem Kleinbauern stärker unterstützt und Wertschöpfungsketten zur Weiterverarbeitung vor Ort aufgebaut werden; muss die Zahl der Konflikte zurückgehen und muss der Klimawandel eingedämmt werden – auch, indem die Menschen ihr Konsumverhalten beispielsweise in Bezug auf Fleisch überdenken. „Das sind dicke Bretter, die wir bohren müssen“, sagt Ziller.

7. Gibt es trotz allem Grund zur Hoffnung?

In dem aktuellen UN-Bericht gibt es zwischen all den schlechten Nachrichten auch zwei Silberstreifen am Horizont: Zum einen werden immer mehr Säuglinge rund um die Welt in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich gestillt. Zudem gehe der auf Mangelernährung zurückzuführende Kleinwuchs bei Kleinkindern weiter zurück. In immer mehr Ländern geht Ziller zufolge außerdem die Zahl der Hungernden gegen null und hätten die Regierungen verstanden, dass sie mehr für ihren Landwirtschaftssektor tun müssen. Nichtsdestotrotz bleibt er realistisch: „Uns läuft die Zeit davon.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Sadeler, Jessica
Jessica von Blazekovic
Redakteurin in der Wirtschaft.
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