Großbritannien

10.000 Pubs und Restaurants schließen

Von Philip Plickert, London
24.01.2021
, 17:08
Großbritanniens Gastronomie ist von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Während große Ketten sich frisches Kapital beschaffen, gehen die Kleinen unter.

Manche Pub-Schließung schafft es bis in die nationalen Nachrichten: In Oxford muss das Lamb & Flag, eine mehr als 400 Jahre alte Kneipe, aufgrund hoher Verluste aufgeben. Berühmte Schriftsteller wie C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien tranken dort einst gerne ihr Ale, auch Tony Blair und Bill Clinton haben schon mal auf ein Pint reingeschaut. Betrieben wird die Gaststätte vom St. John’s College der Universität. Wegen zu hoher laufender Verluste in der Zeit des Corona-Lockdowns könne man das seit 1613 an diesem Ort existierende Pub nicht fortführen, teilte das College bedauernd mit.

Wie dem Lamb & Flag geht es Tausenden Kneipen und Restaurants auf der britischen Insel – in Kleinstädten und auf dem Land, in London, Birmingham, Liverpool oder Manchester, in Schottland und Wales. Die Corona-Pandemie hat den schon bestehenden Trend zum Kneipen-Sterben dramatisch verschärft. Auch zahlreiche Restaurants, vom kleinen indischen Lokal an der High Street bis zum Fish&Chips-Laden, sowie Bars und Clubs müssen dichtmachen.

Schon 10.000 Gastro-Betriebe haben im vergangenen Jahr dauerhaft geschlossen, schreiben die Beratungsunternehmen CGA und Alix Partners in einem neuen Marktbericht. Ein paar haben zwar neu eröffnet. Doch unter dem Strich stehe ein Nettoverlust von 5975 Pubs, Restaurants, Bars und Clubs. Die Zahl der Geschäftsaufgaben hat sich fast verdreifacht gegenüber dem Vorjahr. „Diese Zahlen zeigen, was für ein verheerendes Jahr 2020 war“, klagte Emma McClarkin, die Chefin der British Beer & Pub Association (BBPA).

„Es geht ums Überleben“

Am schwersten betroffen sind die unabhängigen, kleineren Pub- und Restaurant-Unternehmen, die mit den Lockdowns nicht zurechtkamen, keine größeren finanziellen Rücklagen besitzen, keinen großen Kredit von der Bank bekommen und nicht den Kapitalmarkt anzapfen können. Die Durststrecke wird für viele zu lang. Mehr als drei Monate dauerte der erste Corona-Lockdown im Frühjahr, von Ende März bis Anfang Juli. In vielen Regionen des Königreichs, zunächst in Nordengland, musste die Gastronomie dann ab November wegen steigender Virus-Zahlen abermals schließen, seit Mitte Dezember im ganzen Land. Restaurants dürfen nur Speisen zum Mitnehmen anbieten.

Schon etwa 640.000 Arbeitsplätze sind in der Gastronomie-, Hotel- und Freizeitbranche im vergangenen Jahr verlorengegangen, hat der Verband HospitalityUK kürzlich geschätzt. Vor Corona waren mehr als drei Millionen Menschen in der Branche beschäftigt. In diesem Jahr droht nochmals ein verschärftes Pub- und Restaurant-Sterben – trotz aller Unterstützungsmaßnahmen des Staates. „Es geht ums Überleben“, warnen CGA und Alix Partners.

Finanzminister Rishi Sunak hat weitere Hilfsmaßnahmen für Unternehmen, darunter einen Zuschuss von 9000 Pfund (rund 10.000 Euro) je Betrieb, als Corona-Überbrückungshilfe auf den Weg gebracht. Der aktuelle Lockdown wird sehr wahrscheinlich verlängert, bis mindestens Ende März. Es gibt Stimmen von Wissenschaftlern, Pubs und Restaurants noch bis Ostern oder bis Mai geschlossen zu halten wollen. Das wäre wohl für Tausende Wirte der Ruin. Um so lauter ruft die BBPA nach weiteren Hilfen, um die Branche zu retten.

Milliarden Pfund als Notfinanzierung

Vor Corona gab es rund 40.000 Pub-Unternehmen im Vereinigten Königreich. Knapp ein Drittel der Kneipen wird von großen Gastro-Konzernen betrieben, von börsennotierten Unternehmen wie J.D. Wetherspoon, Young’s, Fuller’s, Marston‘s, City Pub Company und Mitchells & Butlers sowie von Greene King, Stonegate und anderen nicht-börsennotierten Pub-Ketten. Seit Ausbruch der Corona-Krise haben sich die Großen mehrere Milliarden Pfund als Notfinanzierung durch Kredite, Kapitalerhöhungen und Anleihen beschafft.

Wetherspoon kündigte vor wenigen Tagen an, seine Aktionäre um eine zweite Kapitalerhöhung zu bitten, diesmal um 93 Millionen Pfund (gut 100 Millionen Euro). Das Unternehmen des Brexit-Unterstützers Tim Martin mit 872 Pubs macht mehr als 4 Millionen Pfund Verlust, schreibt es. Seit Ausbruch der Pandemie hat es 6000 Angestellte entlassen. Jetzt sind es noch 37.700, gegenwärtig fast alle zwangsbeurlaubt. Im besten Fall hofft Wetherspoon seine Kneipen Ende März wieder öffnen zu dürfen, es könnte dann halb so viel Umsatz wie vor der Pandemie machen. Im Worst-Case-Szenario müssen die Pubs viel länger geschlossen bleiben. Für diesen Fall schätzt Wetherspoon, dass der Umsatz 2021 nur ein Drittel des Vorkrisenniveaus von 1,8 Milliarden Pfund erreicht.

Der frühere Chef von Greene King, Rooney Anand, wettet unterdessen auf eine Erholung des Sektors. Er hat eine neue Firma gegründet, die 200 Millionen Pfund investieren möchte, um geschlossene Pubs aufzukaufen und nach der Pandemie wieder zu eröffnen. Auch für das Lamb & Flag in der Oxforder Innenstadt könnte es noch Hoffnung geben. Dave Richardson von der „Campaign for Real Ale“, die traditionelle Bierlokale erhalten will, möchte eine Rettungsaktion organisieren. „Wir werden dafür kämpfen, das Pub für die Anwohner und die Studenten offenzuhalten, so dass sie doch noch viele Jahre in Zukunft trinken können.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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