2-G-Plus und Sperrstunden

Die Gastronomie fühlt sich benutzt

Von Sarah Obertreis
27.11.2021
, 11:03
Daniel Nawenstein vor seinem Restaurant „La Cevi“, das gehobene peruanische Küche anbietet
Mit den steigenden Infektionszahlen wächst die Angst vor strengen Maßnahmen. Manche in der Branche sprechen von einem Déjà-vu, andere versuchen der Politik vorzugreifen, um wenigstens ein bisschen Planbarkeit zu haben.
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Daniel Nawenstein und sein Team haben die Plexiglasscheiben so fröhlich wie möglich bemalt: mit lachenden Männchen und Schäfchenwolken. „Ich wünschte, wir hätten das nicht gemacht“, sagt Nawenstein. „Ich habe sowieso schon einen Hass auf die Dinger, da hilft das auch nicht mehr.“ Nawenstein sitzt in seinem Frankfurter Restaurant „La Cevi“ und schaut voller Verachtung auf die eine Hälfte der Scheiben, die er in der hinteren Ecke seiner Terrasse geparkt hat. Wenn man durch das Plexiglas auf Nawenstein blickt, sieht man es nicht direkt. Aber wenn man ihm gegenübersitzt, wird deutlich, dass sich in diesen Novembertagen zwar alles zu wiederholen scheint – ein Verbandsvertreter spricht von einem „Déjà-vu“ –, die Lage jedoch ganz anders ist als vor einem Jahr.

Im November 2020, kurz bevor der zweite, sieben Monate lange Lockdown verhängt wurde, saß Nawenstein neben den Plexiglasscheiben und war wütend darüber, wie ihm die Corona-Maßnahmen jede Chance raubten, auf einen grünen Zweig zu kommen. Der Sommer 2020 war gut gelaufen. Aber er war zu kurz gewesen, um die Pandemie-Schulden abzubauen. Ende November 2020 hatte Nawenstein so wenig Geld auf dem Konto, dass er sich das Verpackungsmaterial für die To-go-Gerichte nicht mehr leisten konnte. Im Januar 2021 – nach anderthalb Monaten im Lockdown – konnte er die Miete für sein Restaurant und den Strom nicht mehr bezahlen. „Wir leben momentan von dem Kindergeld, das wir bekommen“, sagte der zweifache Vater damals.

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Dann kam der Mai und die Wiedereröffnung. Die übertraf selbst Nawensteins kühnste Hoffnungen. Ein halbes Jahr lang kamen so viele Menschen ins „La Cevi“, um die aufwendig zubereiteten peruanischen Gerichte zu probieren, wie noch nie seit seiner Öffnung 2016. An den Wochenenden war das Reservierungsbuch nicht nur voll – es riefen oft noch 20, 30 Menschen an, um sich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Sie sehnten sich nach ein bisschen Urlaubsgefühl in ihrer Heimatstadt, sagt Nawenstein.

Die 2-G-Plus-Regelung ist komplizierter als ein Lockdown

Dabei halfen sie dem Gastronom, der sich monatelang vor jedem Gang zum Briefkasten gefürchtet hatte, endlich wieder ein Polster aufzubauen. „Jetzt bin ich in trockenen Tüchern“, sagt Nawenstein. Dass am vergangenen Wochenende das erste Mal wieder ein Tisch frei war, kann ihn noch nicht in seiner Zuversicht erschüttern. „Ich habe nicht mal mehr Angst vor einem Monat Lockdown.“

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Tatsächlich ist ein möglicher Lockdown nicht das Szenario, was den Gastronomen gerade am meisten Sorgen bereitet. Er wäre im eigentlich so starken Weihnachtsgeschäft besonders bitter, keine Frage. Außerdem würde eine angeordnete Schließung den Personalmangel in der Branche wieder verschärfen – von angespannt zurück zu extrem angespannt. Aber ein großer Teil der Gastronomen ist relativ gut aus dem Sommer gekommen. Die staatliche Überbrückungshilfe III Plus sowie das Kurzarbeitergeld wären ihnen bei einer verordneten Schließung immerhin sicher.

Der Chef kann „die Dinger“ nicht mehr sehen: Fröhlich bemalte Plexiglasscheiben in Daniel Nawensteins Restaurant.
Der Chef kann „die Dinger“ nicht mehr sehen: Fröhlich bemalte Plexiglasscheiben in Daniel Nawensteins Restaurant. Bild: Frank Röth

Deutlich komplizierter ist es mit einer 2-G-plus-Regelung, also der Vorgabe, auch Geimpfte und Genesene nur noch mit tagesaktuellem Test in die Restaurants und Cafés lassen zu dürfen. In einzelnen Bundesländern, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern, gilt diese Regelung schon. Stagniert oder steigt die Hospitalisierungsrate weiter, könnte sie bald auch in Ländern wie Niedersachsen greifen.

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„Ein Quasi-Lockdown“

Branchenverbände der Gastronomie sind sich bei der 2-G-plus-Regel einig. „Diese kommt einem Quasi-Lockdown gleich, da nur wenige Geimpfte und Genesene sich die Mühe machen, vor einem Restaurantbesuch einen Test zu machen“, sagt zum Beispiel die Vorständin des Leaders Club Germany Kerstin Rapp-Schwan. Ähnlich formulieren es der Gastgewerbeverband DEHOGA und die Initiative Gastgeberkreis. Die Umsätze würden dann so stark sinken, dass viele Gastronomen wieder in Existenznöte kämen. Gleichzeitig könnten sie dann aber auch nicht eigenständig schließen, um die Fixkosten so weit wie möglich zu reduzieren, weil eine Bedingung für die Überbrückungshilfe III Plus automatisch wegfallen würde.

Johannes Riffelmacher kann seine Branchenkollegen, die gegen 2-G-plus wettern, gut verstehen. In seinen beiden „Salt & Silver“-Restaurants in Hamburg hat er die Regelung trotzdem schon eigeninitiativ eingeführt. Um seine Beweggründe zu erklären, schreibt er eine lange E-Mail, die eigentlich mit den Worten endet: „Jetzt muss ich aufhören, bevor ich mich in Rage schreibe . . .“ Er fügt dann doch noch hinzu: „Es ist wirklich ätzend, immer noch beziehungsweise wieder solche Entscheidungen treffen zu müssen, während die Gesellschaft in anderen Ländern wieder ganz normal leben kann.“

Riffelmacher schreibt, er und sein Partner wollten Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Gästen „einen möglichst gut geschützten Ort“ bieten. Deswegen hätten sie dem Team 2-G-plus vorgeschlagen. Alle hätten dafür gestimmt. Die Service-Mitarbeiter tragen außerdem Masken, obwohl sie es unter diesen Bedingungen nicht müssten. Am Einlass kontrollieren sie erstens den Impfnachweis, zweitens den Personalausweis, drittens den Testnachweis und viertens auch die Luca-App. Das sei schon ein „erheblicher Mehraufwand“, räumt Riffelmacher ein. „Und das, während uns, wie allen anderen Gastronom*innen, die wir kennen, Personal fehlt.“

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Die Gästezahlen sind schon vorher eingebrochen

Riffelmachers Entscheidung zeigt aber auch, dass sich der Schrecken von 2-G-plus langsam ins Positive zu drehen beginnt, wenn viele Gäste nicht wegen entsprechender Regelungen, sondern wegen der Infektionszahlen an sich wegbleiben. Der DEHOGA sieht das Weihnachtsgeschäft im Gastgewerbe schon vor dem Aus. Der Präsident des Leaders Club Germany erzählt von Umsatzeinbrüchen seiner Mitglieder zwischen 30 und 60 Prozent. Die Gästezahlen in den „Salt & Silver“-Restaurants seien „eingebrochen, seit die Inzidenzen so explodieren“, sagt Riffelmacher. „Wir denken, 2-G-plus kann da mehr Sicherheit geben.“

Wie Riffelmacher ist Constanze Lay auch jeden Tag auf St. Pauli unterwegs. Hier liegt ihre in gemütlichen Farben gestrichene Bar, die sie nach der Geschichte „Alice im Wunderland“ „The Rabbithole“ genannt hat. Hier sieht sie nachts auf dem Nachhauseweg um zwei, drei Uhr, wie die typischen Feierspots sich immer weiter leeren, umso höher die Inzidenzen klettern. Wären die November- und Dezemberhilfen im vergangenen Jahr nicht noch gekommen, „The Rabbithole“ gäbe es nicht mehr. Lay musste damals Grundsicherung beziehen. „Das will ich auch nicht noch mal erleben“, sagt sie.

In Hamburg galt, seit erst die Außenflächen der Gastronomien im Mai wieder öffnen durften, eine Sperrstunde um 23 Uhr. Die Sperrstunde ist das zweite große Schreckensszenario der Branche. In München bereiten gerade der Geschäftsführer der Pizzeria-Kette L’Osteria und der Wirt Thomas Hirschberger eine Klage vor, weil seit Mittwoch eine Sperrstunde ab 22 Uhr gilt. Auch der Branchenfachmann Erich Nagl von der Steuerberatungsgesellschaft ETL ADHOGA kritisiert die Sperrstunden-Regelungen als „Willkür“. „Sie führen zu einer kompletten Ungleichbehandlung zwischen zum Beispiel Café- und Fine-Dining-Konzepten“, sagt er.

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Die Politik ziehe sich aus der Verantwortung

Wenn man Lay nach ihren Erwartungen an die Politik fragt, lacht sie bitter. Wie viele ihrer Kollegen aus dem Nachtleben ist sie desillusioniert von mehr als eineinhalb Jahren Pandemie. Die Wut der Hamburger Bar- und Klubbetreiber kochte Ende August wieder hoch, als der Senat der Hansestadt eine Regelung beschloss, die den Gastronomen zwei Optionen gab: Entweder sie blieben bei 3 G mit Sperrstunde, Masken und Abstand, oder sie setzten 2 G an ihren Türen durch, und die Beschränkungen entfielen. Lay sagt, sie hätten als Bar- und Klubbetreiber ja nie wirklich eine Wahl gehabt, dafür sei die Nacht viel zu wichtig für ihr wirtschaftliches Überleben.

Stattdessen fühlten sich viele Gastronomen – auch Daniel Nawenstein in Hessen, wo es ein ähnliches Wahlmodell gab – benutzt. Das ist mit der 2-G-plus-Regel nur zum Teil besser geworden. Die Politik – so sehen es einige in der Branche – drückt sich immer noch vor der Verantwortung. Anstatt eine allgemeine Impfpflicht zu beschließen, versuche sie über die Restaurants, Cafés und Bars das Problem mit den Ungeimpften zu lösen und die Kontrollen auf die Betriebe abzuwälzen. Immerhin zwinge sie die Restaurant- und Barbetreiber nun nicht mehr zu einer Stellungnahme in der Impfdebatte. Für einen Shitstorm, sagt Daniel Nawenstein, hätte er gerade keine Nerven mehr gehabt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Obertreis, Sarah
Sarah Obertreis
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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