Accenture-Chefin Julie Sweet

Eine der mächtigsten Frauen in Amerikas Unternehmenswelt

Von Tillmann Neuscheler
Aktualisiert am 17.10.2020
 - 17:01
Julie Sweet
Julie Sweet ist die erste Frau an der Spitze von Accenture. Die Amerikanerin hat sich nach oben gearbeitet und muss jetzt einen der größten Beratungskonzerne der Welt durch die Krise lotsen.

Als Julie Sweet vor einem Jahr als erste Frau in der Unternehmensgeschichte auf den Chefposten des Beratungsunternehmens Accenture befördert wurde, konnte sie noch nicht ahnen, welch ein turbulentes Jahr auf die Weltwirtschaft und ihr Unternehmen mit der Corona-Pandemie zukommen würde. Der Anlass ihrer Beförderung damals war traurig: Ihr Vorgänger, der langjährige Accenture-Chef Pierre Nanterme, war im Januar 2019 aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten und wenige Wochen später an einem Krebsleiden verstorben. Die beiden kannten sich gut: „Wir haben sehr eng miteinander gearbeitet“, sagt Julie Sweet im Gespräch mit der F.A.Z. über ihr Verhältnis zu dem Franzosen: „Er hat mich schon gefördert, als ich noch Leiterin der Rechtsabteilung von Accenture war“, erzählt die 52 Jahre alte Amerikanerin.

In der obersten Führungsriege des Beratungskonzerns war Julie Sweet anfangs in gewisser Hinsicht eine Exotin: Anders als Nanterme und andere Accenture-Spitzenmanager hatte sie nicht ihr gesamtes Berufsleben bei Accenture verbracht. Bevor sie im Jahr 2010 ins Beratermetier zu Accenture wechselte, hatte die promovierte Juristin schon erfolgreich Karriere als Anwältin gemacht: Nach ihrem Studium war sie bei der New Yorker Anwaltskanzlei Cravath, Swaine & Moore gestartet, einer der renommiertesten Kanzleien der Wall Street: 17 Jahre arbeitete sie dort, die letzten 10 als Partnerin, bevor sie auf ein Angebot von Accenture eingegangen war, weil sie ihr Leben zwar erfolgreich, aber „vorhersehbar“ fand.

Jetzt muss Julie Sweet als Vorstandsvorsitzende einen der größten Beratungskonzerne der Welt durch die Corona-Krise lotsen, der während der achtjährigen Amtszeit ihres Vorgängers zu einem Riesen herangewachsen ist. Die Mitarbeiterzahl hat sich in der Ära Nanterme mehr als verdoppelt – heute arbeiten mehr als 500.000 Menschen in 120 Ländern für Accenture. Das Unternehmen profitiert, wie viele andere Beratungshäuser auch, vom digitalen Wandel, der mit dem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz (KI), Daten-Clouds, Blockchains und der 5G-Netze einhergeht. Durch die Pandemie werden die technologischen Umwälzungen noch verstärkt.

Sie lebt den amerikanischen Traum

Für die Umstellung ihrer Geschäftsmodelle und die Bewältigung der technologischen Umbrüche suchen Manager rund um die Welt die Hilfe der IT-Berater: Rund 44 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftete Accenture im Ende August abgelaufenen Geschäftsjahr rund 3 Prozent mehr als im Geschäftsjahr zuvor. Etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes stammt aus dem Beratungsgeschäft, der Rest aus Dienstleistungen wie dem Outsourcing, weil manche Unternehmen ganze Bereiche an Accenture auslagern. Nach Abzug aller Kosten und Steuern blieb unter dem Strich ein Nettogewinn von knapp 4,9 Milliarden Dollar übrig.

Der Aktienkurs von Accenture, der sich in den vergangenen 10 Jahren versechsfacht hat, brach im März kurzzeitig ein, hat inzwischen aber wieder sein Vorkrisenniveau erreicht. Bei der Vorlage der jüngsten Zahlen Ende September lobte Julie Sweet im Beraterjargon das Geschäft ihres Unternehmens als äußerst widerstandsfähig in der Krise. „Wir haben Marktanteile in der Krise gewonnen“, ergänzt sie im Gespräch.

Von der „New York Times“ wurde Julie Sweet schon in ihrer Zeit als Landeschefin in den Vereinigten Staaten als „eine der mächtigsten Frauen der amerikanischen Unternehmenswelt“ bezeichnet. Dieser Glanz war ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Ihr gelang fast klischeehaft der amerikanische Traum vom sozialen Aufstieg: „Ich bin in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen“, erzählt sie. Groß geworden ist sie in einer Kleinstadt namens Tustin in Kalifornien südlich von Los Angeles. Ihr Vater hatte keinen High-School-Abschluss und verdiente sein Geld als Autolackierer. Ihre Mutter arbeitete als Kosmetikerin, studierte erst, als Julie schon fast erwachsen war. Anwälte gab es in der Familie keine.

Dennoch entschied sich Julie Spellmann, wie sie damals noch hieß, für die Rechtswissenschaften. Sie zog für ihre Promotion an der Columbia University nach New York. Mehrere Jahre verbrachte sie in Asien, unter anderem in Hongkong und Peking. Neben Chinesisch lernte sie auch Deutsch: „Als Studentin war ich einige Wochen am Goethe-Institut in Rothenburg ob der Tauber“, sagt Sweet im Gespräch auf Deutsch: „Mein Chinesisch ist aber besser.“ Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann, einem Texaner, und ihren beiden Töchtern in der Nähe von Washington DC, in Arlington. Nach ihrer Berufung zur Chefin hat sie die Accenture-Führungsmannschaft vergrößert von 20 auf 40 Mitglieder.

Männlich dominierte Arbeitskultur? Ausrede!

Das Unternehmen hat sich ehrgeizige Ziele zur Förderung von Frauen gesetzt: Bis 2025 sollen 50 Prozent aller Accenture-Mitarbeiter weiblich sein, man sei derzeit mit 45 Prozent schon nah dran: „Für ein Technologie-Unternehmen sind wir sehr weit“, sagt Sweet. Aufholbedarf gebe es noch auf der Führungsebene. Unter den 8000 Geschäftsführern rund um die Welt seien bis Ende 2020 erst 25 Prozent Frauen, diese Zahl müsse weiter wachsen. „Wir haben inzwischen eine solide Basis an Frauen auf unteren Führungsebenen, die nach oben rücken können“, sagt Sweet. Ob die männlich dominierte Arbeitskultur mit vielen Überstunden ein Hemmnis für Frauen sei, in der Branche aufzusteigen? „Das ist eine Ausrede“, winkt sie ab: „Die jungen Männer, die heute bei Accenture anfangen, wollen sich genauso um ihre Kinder kümmern wie die jungen Frauen.“

Auch in Deutschland ist Accenture stark gewachsen. Das Unternehmen mit Firmenzentrale in Kronberg im Taunus berät hierzulande 29 der 30 Dax-Unternehmen. Gestärkt hat sich Accenture in Deutschland auch durch eine Reihe von Zukäufen. Vor drei Jahren übernahm Accenture den Hamburger E-Commerce-Spezialisten Sinner-Schrader mit rund 600 Mitarbeitern, später den Stuttgarter Computeranimations-Designer Mackevision (bekannt für die visuellen Effekte der Serie „Games of-Thrones“) mit seinen rund 500 Mitarbeitern und die renommierte Hamburger Werbeagentur Kolle Rebbe mit rund 300 Mitarbeitern. Im September kündigte Accenture an, die Würzburger Technologieberatung Salt Solution zu übernehmen mit rund 500 Mitarbeitern.

Für negative Schlagzeilen sorgte Accenture hierzulande im vergangenen Jahr in der Berateraffäre im Verteidigungsministerium: Ein Accenture-Berater hatte im firmeninternen Blog mit seinen persönlichen Kontakten ins Verteidigungsministerium geprahlt, mit denen er die Bundeswehr zu einem Großkunden machen würde. Mittlerweile hat sich der Sturm der Entrüstung gelegt, nachdem sich ein Untersuchungsausschuss des Bundestags mit den Vorfällen befasst hat. Accenture will auch weiterhin öffentliche Stellen beraten. Das zeigt sich auch an prominenter Stelle in der Corona-Pandemie: In Österreich war Accenture an der Entwicklung der nationalen Corona-Warn-App beteiligt, die dort vom Roten Kreuz herausgegeben wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Neuscheler, Tillmann Jörg
Tillmann Neuscheler
Redakteur in der Wirtschaft.
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