Streit um Glyphosat

Die Bayer-Führung gewinnt die Aktionäre zurück

Von Jonas Jansen
28.04.2020
, 17:50
Auf der ersten Online-Hauptversammlung: Bayer-Chef Werner Baumann spricht zu den Aktionären.
Die Kritik an der Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto ist für Bayer längst nicht abgeklungen. Auf der ersten Online-Hauptversammlung loben die Aktionäre den Vorstand nun trotzdem. Das hat mehrere Gründe.
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Fünf Manager und ein Notar auf Abstand vor der Kamera sowie eine Mitarbeiterin mit Mundschutz und Handschuhen, die nach jedem Redebeitrag das Pult abwischt – sehr reduziert ist am Dienstag die erste digitale Hauptversammlung des Pharma- und Agrarchemiekonzerns Bayer abgelaufen. Die sonst großen Proteste vor der Unternehmenszentrale waren zu einer Mini-Demonstration geschrumpft, auch die Kritik ist auf soziale Netzwerke ins Internet gewandert. Statt eines lautstarken Schlagabtauschs zwischen Aktionären und dem Vorstand gab es nur nüchtern vorgetragene Antworten von Vorstand und Aufsichtsrat – deren Inhalte jedoch durchaus Sprengkraft haben.

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So war auf einer turbulenten Hauptversammlung im Vorjahr Bayer-Chef Werner Baumann als erstem amtierenden Dax-Vorsitzenden die Entlastung von den Aktionären verwehrt geblieben. Umso genauer schauten sie in diesem Jahr auf die Einlassungen der Bayer-Manager. „Ich muss zugeben, dass dies eine ganz besondere Situation für uns alle hier ist. Einerseits sind wir damit digitaler Pionier – andererseits fehlt uns der direkte Austausch mit Ihnen“, sagte Baumann zu Beginn seiner Rede.

Vorstand mit 93 Prozent entlastet

Seine Anspannung dürfte am späten Nachmittag dann großer Erleichterung Platz gemacht haben. Denn der Vorstand ist mit knapp 93 Prozent entlastet worden, der Aufsichtsrat gar mit 94 Prozent. Große Aktionärsvertreter wie Union Investment hatten schon im Vorfeld ihre Zustimmung angekündigt. Der nach der vergangenen Hauptversammlung eingeleitete Kurswechsel sei sichtbar, hieß es.

Dass der Druck auf den Bayer-Chef seit der letzten Hauptversammlung mit einem sich erholenden Aktienkurs geringer geworden ist, liegt auch daran, dass der Leverkusener Dax-Konzern in gleich mehreren Bereichen durch den Ausbruch der Corona-Pandemie fast als systemrelevant gilt. „Gesundheit und Ernährung – diese beiden Branchen erweisen sich in dieser Krise gerade überall als essentiell“, sagte Baumann. In den am Montag vorgelegten Quartalszahlen hatte Bayer in allen Geschäftsbereichen starke Umsatzzuwächse verzeichnet, was auch an Vorratskäufen der Kunden gelegen hat.

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Redebedarf zum Glyphosat-Komplex

Gut fünfeinhalb Stunden haben der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Wenning, Baumann und Finanzvorstand Wolfgang Nickl am Dienstag für die Beantwortung der Fragen gebraucht. Mit 245 Fragen von 40 Anteilseignern waren es gar nicht mal so viel weniger als im Vorjahr, als die 69 Redner allerdings mit ihren Wortbeiträgen das Abstimmungsergebnis bis in den späten Abend zogen.

Die Zeitersparnis kam vor allem dadurch, dass Bayer Fragen bündeln konnte und zudem keine Nachfragen möglich gewesen sind. Trotzdem betonte Baumann, dass alle eingegangenen Fragen beantwortet wurden. Neben Erläuterungen zum künftigen Vergütungssystem des Vorstands, das daran gekoppelt ist, ob Bayer seine selbstgesteckten Klimaziele erreicht, gab es rund um den gesamten Monsanto-Komplex den meisten Redebedarf.

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Im Gerichtsstreit um das glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel Roundup stehen Bayer inzwischen mehr als 52000 Kläger gegenüber. Ein Vergleich, der Bayer nach Schätzungen gut 10 Milliarden Euro kosten könnte, steht indes noch aus. Die Corona-Krise habe das Thema überlagert und dazu geführt, dass zahlreiche Termine abgesagt werden mussten, was den Prozess „erheblich verlangsamt“ habe, wie Baumann sagte.

Vergleich muss „wirtschaftlich sinnvoll“ sein

„Das Unternehmen wird weiterhin eine Lösung nur dann in Betracht ziehen, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll und so strukturiert ist, dass zukünftige Fälle effizient zu einem Abschluss gebracht werden“, sagte Baumann. Dies gelte mehr denn je vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Rezession.

Bayer hat derzeit rund 480 Millionen Euro an Rechtskosten und Aufwendungen im Ergebnis erfasst. Besondere Rückstellungen hat Bayer für einen möglichen Vergleich mit den Klägeranwälten in den Glyphosat-Prozessen bislang aber nicht gebildet. Erst wenn klar ist, wie teuer die Rechtsstreitigkeiten werden, will Bayer schauen, wie es sie bezahlt.

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Bayer fühlt sich vor allem durch den Verkauf verschiedener Unternehmensteile in den vergangenen Monaten finanziell gut ausgestattet. Allein für den Verkauf der Tierarznei an das amerikanische Unternehmen Elanco fließen den Leverkusenern rund 7,6 Milliarden Dollar zu, davon ein Großteil in Barmitteln. Bis Mitte des Jahres soll der Verkauf abgeschlossen sein.

Abschied für Werner Wenning

Seinen letzten Auftritt im Dienste von Bayer hatte hingegen der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Wenning, der das Unternehmen nach 54 Jahren verlässt. „Natürlich habe ich mir das etwas anders vorgestellt, und ich gehe mit etwas Wehmut“, sagte Wenning. Aber er werde auch nach seinem Ausscheiden dem Unternehmen, das er selbst lange als Vorstandsvorsitzender geleitet hatte, verbunden bleiben. „Es war mir eine Freude und Ehre, meine Arbeit und Leidenschaft in den Dienst des Unternehmens zu stellen.“

Wenning wollte sich eigentlich schon im vergangenen Jahr zurückziehen, hatte sich aber nach der Hauptversammlung und der fehlenden Entlastung, die er selbst als „sehr enttäuschend“ bezeichnet, noch länger als Aufsichtsratsvorsitzender zur Verfügung gestellt. In Folge der heftigen Kritik habe Bayer mit gut 500 Aktionären Kontakt aufgenommen, im vergangenen Jahr hat auch der Aufsichtsrat einen Rechtsausschuss zum Glyphosat gebildet. Die erhöhte Transparenz, die auch Baumann während der Hauptversammlung am Dienstag immer wieder betonte, hat sich bei den Aktionären offenbar bewährt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jansen Jonas
Jonas Jansen
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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