Das Amazon-Imperium

Wo Zukunft gemacht wird

Von Corinna Budras, Seattle
07.09.2017
, 07:30
Amazon-Imperium: Wo Zukunft gemacht wird
Amazon war einmal ein Buchhändler. Jetzt bringt der Konzern seine Kunden mit Musik, Videos und sprechenden Geräten in einen Kaufrausch. Das muss man gesehen haben. Eine Reise in das Hauptquartier.
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Es gibt Missionen, die sind in der analogen Welt schlicht unerfüllbar. Libellenflügel für ein Kinderkostüm zur Schulaufführung lassen sich außerhalb der Karnevalszeit nicht einmal in einem Einkaufszentrum im Herzen Frankfurts auftreiben. Die Suche danach ist ermüdend, Laden für Laden wird abgeklappert, ohne Erfolg. Dann, im Geschäft eines global agierenden Bekleidungshändlers, kommt der entscheidende Hinweis: „Haben Sie es mal bei Amazon versucht?“, fragt der Verkäufer ungerührt, während er einen Stoß Kinderbrillen in das Regal einräumt. „Ich kaufe inzwischen alles online.“

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Der Ratschlag ist zwar naheliegend, aber irritierend. Was ist das für eine Welt, in der Amazon die letzte Rettung ist – selbst nach Ansicht der Konkurrenz? Für die meisten Kunden ist der Internethändler sogar mehr als das, nämlich die erste Anlaufstelle beim Einkaufen. Selbst frische Lebensmittel gibt es inzwischen von Amazon, kein Wunsch soll unerfüllt bleiben müssen. Für Unternehmen ist der Cloud-Dienst AWS wichtig, dort mieten sie Speicherplatz für ihre Daten.

Mächtige Konglomerate

Nun ist Amazon auch noch das Internet zu klein geworden, der Konzern hat gerade den großen Sprung in die analoge Welt gemacht. Mit der 14-Milliarden-Dollar-Übernahme der Bio-Lebensmittelkette Whole Foods breitet sich Amazon auch in den amerikanischen Innenstädten aus. Es ist der größte Deal in der Geschichte des Konzerns. Und was ist das Erste, das ihm in guter alter Amazon-Manier einfällt? Erst einmal die Preise drastisch zu senken, um bis zu 43 Prozent. Die Konkurrenz ist verschreckt, der Kunde entzückt.

Bild: F.A.Z.

Genau so ist Amazon zu einem der größten Unternehmen der Welt geworden, so hat Amazon seinen ebenso charismatischen wie rücksichtslosen Gründer Jeff Bezos zu einem der reichsten Menschen der Welt gemacht. Die Internetunternehmen tun gerne so, als würden sie die Welt neu erfinden. Dabei sind auch sie letztlich Konglomerate, wie es früher schon der Mischkonzern General Electric (GE) gewesen ist – nur erheblich mächtiger, weil die Marktkonzentration seit den achtziger Jahren stark zugenommen hat. Bemerkenswert ist, wie die beiden ihre Rollen getauscht haben. Im Jahr seines Börsengangs 1997 war Amazon gerade einmal eine halbe Milliarde Dollar wert. Das wertvollste Unternehmen der Welt war damals GE mit mehr als 202 Milliarden Dollar. Jetzt ist der Internethändler doppelt so groß wie GE. Und das alles innerhalb von nur 20 Jahren.

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Um das zu verstehen, packen wir unsere Koffer und fahren dorthin, wo alles seinen Ursprung nahm und die Amazon-Zentrale steht: nach Seattle an der amerikanischen Westküste. Dorthin hat Amazon eine kleine Gruppe Journalisten aus Europa eingeladen, auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ist dabei. Man will zeigen, wer man ist und was man kann.

Früher reduzierte das Unternehmen seine Informationspolitik auf Angebote, Angebote, Angebote. Doch wenn ein Unternehmen so allgegenwärtig ist wie Amazon - und nicht gerade unumstritten -, dann will der Kunde eben auch wissen, wer dahintersteckt.

Eigentlich gilt Bezos als gnadenlos geizig

Nirgendwo sieht man klarer als in Seattle, wie sehr sich Amazon ausbreitet. Dort beherrscht der Konzern schon ein ganzes Viertel, nicht etwa außerhalb im Speckgürtel einer boomenden Metropole wie im Silicon Valley, sondern mitten in der Innenstadt. In einem alten Gewerbegebiet arbeiten mehr als 30.000 „Amazonians“ in rund 30 Gebäuden. Rund 350.000 Mitarbeiter gibt es auf der ganzen Welt, ihre Zahl wächst unaufhörlich weiter. Derzeit sind allein in Seattle 8000 Stellen vakant. Ein besonders spektakuläres Gebäude ist gerade im Bau: Drei runde, gläserne Kugeln, „Spheres“ genannt, ragen schon in der freien Fläche zwischen den Amazon-Wolkenkratzern heraus. Seit einer Woche werden sie mit tropischen Pflanzen gefüllt, 400 unterschiedliche Arten, 50.000 Exemplare insgesamt (die meisten selbstgezüchtet in Amazon-Gewächshäusern), um dann, Ende Januar 2018, den Mitarbeitern eine einzigartige Anlaufstelle für die seelische Erbauung zu bieten. Das ist der wichtigste Zweck: Keine weiteren Büroräume, lediglich ein Konferenzraum und drei Baumhäuser für Meetings. Ansonsten Wasserfälle und eine Pflanzenwand, die sich über fünf Stockwerke zieht.

Arbeitsplätze im neuen Gebäude
Arbeitsplätze im neuen Gebäude Bild: Corinna Budras

Die Pracht wirft gleich die erste Frage auf. Denn Amazon-Gründer Jeff Bezos gilt als gnadenlos geizig. Das weiß der deutsche Kunde spätestens seit dem Arbeitskampf, den die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi seit Jahren – erfolglos – gegen Amazon führt. Auch ansonsten ist die Gründergeschichte von Jeff Bezos reich an Anekdoten, die den Geiz in den schillerndsten Farben beschreiben. Konsequenterweise hat Amazon seine Europa-Zentrale in ein Steuerparadies verlegt: nach Luxemburg. Die Kunden, auch das ist Teil der Wahrheit, kratzt das herzlich wenig: Mögen Arbeitskämpfe und Steueroptimierung ein unvorteilhaftes Bild zeichnen, sie bestellen munter weiter. Weil es so schön praktisch ist.

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Bezos treibt seine Mitarbeiter zu Höchstleistung an, besonders in den Anfangsjahren musste vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft jeder bis zur Erschöpfung schuften. Das hat schon oft zu medialer Kritik geführt, vor allem in Deutschland. Dagegen mutet eine andere Nörgelei geradezu kleingeistig an: Essen und Getränke muss jeder Mitarbeiter selbst zahlen. In der kostenlosen Silicon-Valley-Kultur von Google, Facebook & Co. gilt das als ein durch und durch ausbeuterisches Konzept. Allerdings eins, an dem Jeff Bezos unbeirrt festhält: Bei Amazon ist zwar alles günstig, aber eben nicht kostenlos. Das Kantinen-Essen ist weder subventioniert, noch ist es ausreichend vorhanden. Gerade einmal ein Drittel der Mitarbeiter könnte Amazon damit durchfüttern. Mehr will der Konzern auch gar nicht: Die Mitarbeiter sollen rausgehen und konsumieren. Das können sie bei Amazon selbst, in einem kleinen Laden mit dem Namen „Amazon Go“ experimentiert der Konzern mit dem Verkauf von Lebensmitteln ohne Kassen. Die Leute halten nur noch ihre Smartphones beim Betreten und Verlassen des Ladens an Sensoren, die Bezahlung erfolgt dann automatisch. Aber vor allem sollen die hungrigen Amazon-Mitarbeiter die lokale Gastronomie stärken, das sorgt für gute Stimmung in der Stadt. Amazon, so lautet die Botschaft, schottet sich nicht ab, sondern ist mittendrin.

Kantine im neuen Gebäude
Kantine im neuen Gebäude Bild: Corinna Budras

Der Konzern liefert alles, was das Internet hergibt

Wie also passen die drei imposanten Kugeln zu Bezos’ legendärer Knausrigkeit? Vermutlich muss man sie einerseits als Insignien der Macht verstehen, genauso wie das Raketenunternehmen und die renommierte Tageszeitung „Washington Post“, die sich der Unternehmenslenker nebenbei leistet. Andererseits gehört eine gewisse Großzügigkeit inzwischen in den Internetkonzernen eben zum guten Ton. Bei Amazon sieht man das am Umgang mit Hunden und Bananen.

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Die Hunde der Mitarbeiter sind herzlich willkommen, wenig zelebriert man in der Zentrale mehr als dies. Hundekekse gibt es schon am Eingang, einen Auslaufplatz selbst in luftiger Höhe im 17. Stock. Einer der Bürotürme wurde nach dem ersten Amazon-Hund benannt: Rufus. Mehr als 4000 registrierte Mitarbeiterhunde gibt es am Standort, etwa ein Drittel davon kommt jeden Tag mit Herrchen oder Frauchen zur Arbeit. Die Sache mit den Bananen ist weniger offensichtlich und eher Auswuchs einer für amerikanische Verhältnisse nicht untypischen Liebelei: An einem Bananenstand geben gut gelaunte „Banistas“ jeden Tag kostenlos Bananen aus – an Amazon-Mitarbeiter und andere. Wohl auch, weil jeder Passant mit Sicherheit Amazon-Kunde ist.

Hunde werden rundum verwöhnt.
Hunde werden rundum verwöhnt. Bild: Corinna Budras

Womit wir beim Kerngeschäft des Unternehmens wären: dem Einkaufen im Internet. Inzwischen liefert der Konzern alles, was das Internet hergibt. Dabei setzt er vor allem auf zwei Elemente. Erstens die allgegenwärtigen Empfehlungen anderer Kunden. Nichts scheint auf Menschen beruhigender zur wirken als die Einschätzung eines x-beliebigen Kunden zu einem bestimmten Produkt. Zweitens: die gezielte Datenanalyse. Oder wie Amazon es formuliert: „Je besser wir Sie kennen, desto besser sind unsere Empfehlungen.“ Das klingt für deutsche Ohren wie eine Drohung, und es darf getrost wörtlich genommen werden. Es bedeutet im Klartext: Nicht nur die bewusst formulierten Wünsche seiner Kunden möchte Amazon kennen, sondern auch diejenigen, von denen diese nicht einmal selbst wussten, dass sie sie hegen.

Prime-Kunden geben rund 1300 Dollar pro Jahr aus

Ein Gang durch die Amazon-Welt zeigt, in Seattle genauso wie auf der Homepage, worum es dem Unternehmen geht: die Kunden bei Laune zu halten. Denn dann sind die Chancen besonders groß, dass sie immer wieder zurückkehren. Diese goldene Regel des Einzelhandels beherrscht niemand so gut wie Amazon. Und es ist niemand anders dazu bereit, so viel dafür zu tun und so viel in scheinbare Nebensächlichkeiten zu investieren. Dazu hat sich Amazon schon 2005 das Kundenprogramm „Prime“ ausgedacht. Für 69 Euro im Jahr liefert Amazon nicht nur kostenlos und schnell, innerhalb von zwei Tagen, oder mit „Prime now“ sogar innerhalb von zwei Stunden. In München und in Berlin gibt es diesen Service schon. Der Aufwand dafür rechnet sich natürlich nicht, gibt der für „Prime“ zuständige Vizepräsident, Greg Greeley, unumwunden zu – jedenfalls dann, wenn man ihn isoliert betrachtet. Aber Kundenzufriedenheit ist keine Einbahnstraße. Prime-Kunden sind kaufkräftig, einer Studie des Marktforschungsgesellschaft Consumer Intelligence Research Partners geben sie fast doppelt so viel Geld aus wie normale Kunden: rund 1300 Dollar im Jahr.

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Um die Kunden zu unterhalten, gibt es bei Amazon auch noch Musik und Videos oben drauf: Ein Musik-Streamingdienst, der den Marktführer Spotify in Bedrängnis bringt, und ein Video-Unterhaltungsprogramm, das sowohl den etablierten Fernsehsendern als auch Youtube und Netflix und sogar dem Kino Konkurrenz macht. Die Idee: „Es wäre absolut unvernünftig, kein Prime-Mitglied zu sein.“ So formuliert es Bezos in seiner ebenso überschwänglichen wie kompromisslosen Art. „Es ist der beste Deal der Shopping-Geschichte.“

Ob das die Kunden genauso sehen, kann man von außen nur vermuten, bestenfalls unterstellen, denn Amazon weigert sich beharrlich, die Zahl der Prime-Kunden zu veröffentlichen, sondern gibt wie stets nur einen groben Rahmen: „tens of millions“ heißt die Antwort in Seattle gebetsmühlenartig zu beinahe jeder Frage, also 20 Millionen plus. Schätzungen zufolge sollen es allein in den Vereinigten Staaten rund 85 Millionen sein.

Es grünt so grün.
Es grünt so grün. Bild: Corinna Budras

Sowohl das Film- als auch das Musikangebot von Prime lässt sich aufstocken, auch das treibt den Umsatz: Für 10 Euro im Monat gibt es „Music Unlimited“, 40 Millionen Songs. Das klingt nach einem Spottpreis, ist aber mehr als das Doppelte von dem, was die Leute früher für Musik ausgegeben haben, sagt Steve Boom, der Vizepräsident für „Digital Music“, und lächelt zufrieden: „Es sind goldene Zeiten für die Musikindustrie.“

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Eigentlich war die Buchbranche keinesfalls ohnmächtig

Der Erfolg von Amazon verdankt sich einer Mischung aus kühler Strategie, dem richtigen Riecher, Selbstvertrauen und gnadenloser Rücksichtslosigkeit. Schon früh, als Sechstklässler, soll Bezos wesentliche Elemente seines späteren Erfolgs ausgearbeitet haben. So beschreibt es der amerikanische Technologie-Journalist Brad Stone in seinem Buch „Der Allesverkäufer“. In einer wissenschaftlichen Studie aus den siebziger Jahren tauchte der kleine Jeffrey schon auf, in dem Bericht über ein besonderes Projekt, in dem Hochbegabte mit kreativen erzieherischen Ansätzen zur Höchstform auflaufen sollen. Schon damals war der Junge aufgefallen, weil er ein kompliziertes System der Lehrerbeurteilung erarbeitet hatte und die Ergebnisse danach grafisch darstellte. Außerdem hat er sich mit einem ungewöhnlichen Wettbewerbsdenken hervorgetan. Mit größter Akribie baute er die Erfindungen seiner Mitschüler nach – und verkaufte sie danach billiger.

Seine berufliche Karriere startete Bezos an der Wall Street in New York. Doch etablierte Strukturen engen Bezos zu sehr ein. Er will das Gegenteil: Die Einstellung, alles anzugehen wie am ersten Tag, hat er zur Firmenphilosophie erklärt. Selbst das Hauptgebäude in Seattle hat er „Day One“ genannt, als ständige Erinnerung an seine Mitarbeiter, dass nichts so erhellend ist wie der erste Blick, den man auf etwas wirft, der erste Tag, den man in einem neuen Unternehmen verbringt. Dieses Gefühl lässt sich immer wieder erzeugen: Amazon-Mitarbeiter wechseln regelmäßig ihre Stelle im Konzern und arbeiten in Bereichen, die für sie völlig fremd sind.

Nach etwas völlig Neuem suchte auch Bezos, als er Anfang der neunziger Jahre von der Wall Street gelangweilt war. Systematisch suchte er nach Möglichkeiten, sich selbständig zu machen. Die zarten Anfänge des Internets Anfang der neunziger Jahre kamen ihm dabei gerade recht. Sorgsam dachte er darüber nach, welche Produkte sich am einfachsten über das Internet verkaufen lassen. Die Antwort war schnell gefunden: Bücher.

Bezos hat von Anfang an den Gegenwind mächtiger Wettbewerber gespürt. Die Buchbranche, besonders in Gestalt großer Ketten wie Barnes & Noble, war keinesfalls so ohnmächtig, wie es im Nachhinein scheint. Auch aus dieser Erfahrung als Underdog heraus hat der Konzernchef damals wie heute kein Problem damit, Wettbewerber oder gar Geschäftspartner aus dem Weg zu räumen, wenn es dem Geschäft hilft. Die Strategie war dabei von Anfang an: Hürden senken, Anreize erhöhen. So lässt sich der Konsum steigern. Der Kindle, ein elektronisches Lesegerät, seit 2007 auf dem Markt, war dafür der erste haptische Beleg: Mit nichts lassen sich Bücher leichter kaufen und sofort lesen als mit einem solchen Gerät. Das haben dann auch die Wettbewerber irgendwann begriffen.

Draußen wird noch offline gehandelt.
Draußen wird noch offline gehandelt. Bild: Corinna Budras

Und dann ist da Alexa, der erste Sprachcomputer seiner Art, der seit rund einem Jahr auch die deutschen Kunden beglückt. Die Software sitzt in einem wahlweise schwarzen oder weißen Zylinder, ausgestattet mit sieben Richtmikrofonen, die immer mithören, solange man sie nicht ausstellt. Alexa ist ein Teufelsgerät, denn es bringt zum ersten Mal so etwas wie künstliche Intelligenz in die Küche, ins Wohnzimmer oder gar ins Schlafzimmer. Dort wartet sie dann geduldig darauf, dass man ihren Namen sagt. Dann leuchtet der blaue Ring an ihrem oberen Ende auf, das untrügliche Zeichen, dass Alexa verstanden hat und damit beginnt, das Gesprochene aufzuzeichnen und in die Wolke, das große Amazon-Datenzentrum, zu schicken. Von dort aus liefert sie Witze, Informationen, Nachrichten oder einfach Musik, mittlerweile hat sie 20.000 Anwendungen im Angebot. Seit neustem kann man über Alexa auch die Bundesliga live streamen. Dafür hat Amazon eigens eine Truppe von Fußball-Kommentatoren engagiert, die jedes Spiel begleiten, das die Bundesliga bietet. Bald wird es in Deutschland ein Gerät mit einem Videobildschirm und eingebauter Kamera geben, in Amerika ist es schon zu haben. Über eine App im Handy kann man sich dann von unterwegs ins heimische Wohnzimmer einwählen und beim Nachwuchs nach dem Rechten sehen. „Drop in“ nennt sich diese Funktion in Amerika.

Natürlich kann man mit Alexa auch einkaufen, alles andere wäre in der Amazon-Welt geradezu widersinnig. In Windeseile kann man alles auf Amazon bestellen, was man vielleicht schon immer dort bestellt hat: Klopapier, Kaffeefilter und natürlich Bücher. Von Fernsehern und anderen größeren Anschaffungen lässt man dabei aber lieber die Finger, denn Alexa ordert einfach das Gewohnte. Dadurch fällt der unschlagbare Vorteil des Internets weg, der hemmungslose Preisvergleich. „Mit Alexa hat Amazon zum zweiten Mal das Einkaufen revolutioniert“ – so sieht man es in Seattle.

Amazon macht großartige Filme, um mehr Toilettenpapier zu verkaufen

Einkaufen geht bei Amazon nicht nur auf Zuruf, sondern auch auf Knopfdruck: Mit dem „Dash Button“ hat der Konzern den „Kaufen“-Knopf aus dem Internet in die analoge Welt transferiert. Den „Dash Button“ kann man für zahlreiche Produkte bestellen, man muss ihn nur am Küchenschrank festkleben. Geht dann das Klopapier zur Neige, reicht ein Druck auf den Knopf, um es nachzubestellen. Es geht noch besser: Wenn man einen speziell von Amazon bearbeiteten Drucker kauft, der mit einem Wlan-Anschluss ausgestattet ist, lässt das Gerät selbst es den Internethändler wissen, wenn der Toner knapp wird. Die Bestellung erfolgt automatisch, Amazon setzt den Kunden lediglich davon in Kenntnis und wartet höflicherweise einen Tag, ob sich Widerspruch regt. Und wie immer bei Amazon lässt sich alles auch später noch problemlos rückabwickeln.

Bild: F.A.Z.

Überraschend dagegen ist, mit welcher Verve sich Amazon ins Filmgeschäft wirft. Das ist in etwa so, als würde McDonald’s zum Spielwarenhersteller, nur um mehr Pommes zu verkaufen. Natürlich gibt es auch ein paar Minions-Spielfiguren gratis zum Kids-Menü, aber die größte Schnellimbisskette der Welt hat nicht den Ehrgeiz, das Spiel des Jahres zu erfinden. Ganz anders Amazon: In Los Angeles betreibt der Internethändler eigene Studios und rollt nun von dort das Geschäft mit eigenen Produktionen auf, den „Amazon Originals“, auf. Den jüngsten Woody-Allen-Streifen hat Amazon produziert, dazu kommt eine große Zahl eigener Serien: „Transparent“, „Bosch“, „Mozart in the Jungle“, demnächst der schräge Superhelden-Action-Mehrteiler „The Tick“. Auch in Deutschland gibt es seit kurzem die erste Amazon-Serie, mit Matthias Schweighöfer. Ein „unglaublicher Erfolg“, wie man bei Amazon schwärmt. Golden Globes und Emmys hat Amazon schon abgeräumt, zuletzt einen Oscar für das Drama „Manchester by the Sea“. „Amazon macht großartige Filme, um mehr Toilettenpapier zu verkaufen“ – so könnten Kritiker es böswillig formulieren, wenn die Amazon-Mitarbeiter nicht selbst schon so kalauern würden.

Die nächste Idee: „Amazon Prime Air“

Die zweite Station der Reise ins Amazon-Imperium muss nach Seattle also Los Angeles sein. Dort sitzt Roy Price, Vizepräsident der Amazon Studios und Spross einer kleinen, für L.A.-Verhältnisse nicht ungewöhnlichen Filmemacherdynastie, entspannt er in einem Konferenzraum, im bunten Blumenhemd und blauem Sakko, und versichert, er habe unendlich viele Pläne in der Schublade. Jede noch so abseitige Möglichkeit werde geprüft. Hauptsache, sie ist einzigartig, kühn und trägt cineastische Züge. Nichts deutet darauf hin, dass Amazon hier eines Tages den Geldhahn zudrehen könnte.

Das liegt auch am Boom, den die gute alte Fernsehserie gerade erlebt. Der amerikanische Bezahlsender HBO hat mit anspruchsvollen Serien schon in den achtziger Jahren angefangen. Dann kam Netflix mit Serien wie „House of Cards“. Der Wettbewerb treibt die Qualität. „Dem Kunden kann man nicht mit Serien kommen, die er ohnehin schon kennt“, sagt Price. Die technischen Möglichkeiten, eine Folge nicht nur einmal am Tag oder gar nur einmal die Woche zu sehen, sondern in einer Form von Dauerkonsum, „binge watching“ genannt, habe mehr Komplexität ins Genre gebracht, schwärmt er. Früher konnte man nie sicher sein, ob der Zuschauer überhaupt auf dem Laufenden ist. Jetzt ist klar, dass er bei der Stange bleibt, auch über mehrere Stunden hinweg.

Auch Bestseller-Autor Michael Connelly kann nichts anderes als ein großer Amazon-Fan sein. Millionen von seinen Krimis, allen voran über seinen Helden Hieronymus „Harry“ Bosch, hat er schon über die Versandplattform unter die Leute gebracht. Seit vier Jahren verfilmt der Konzern nun seine Bücher, und zwar mit einem ordentlichen Budget. Stolz steht der Mann auf dem Filmset inmitten der nachgebauten Polizeiwache und erzählt von der Akribie, mit der das Team selbst die Tassen für seine Polizeibeamten aussucht. Das einzige, was ihn irritiere, das gibt er offen zu, sei die Schweigsamkeit des Konzerns. Er habe nicht den blassesten Schimmer, wie viele Menschen seine Serie überhaupt sehen. Natürlich wissen das ausgewählte Amazon-Mitarbeiter, aber die rücken die Zahlen nicht raus, nicht einmal an den Schöpfer des Serienhelden. Das könnte für den Künstler eine Befreiung sein. Die Unwissenheit, könnte man glauben, lässt der Kreativität freien Lauf. Einem erfolgsverwöhnten Autor aber bleiben so weitere Erfolgsmeldungen versagt. Connelly nimmt es in Kauf, zwangsläufig.

So fährt man nun zurück in Deutschland mit der Frage, was Amazon als Nächstes einfallen mag. Eine Idee reift gerade: „Amazon Prime Air“ heißt sie. Der Versandhändler will in Sachen Sofortlieferung noch eine Schippe drauflegen und künftig für kleinere Pakete sogar Drohnen einsetzen. Das ist kein leichtes Unterfangen, in allen Ländern gibt es unterschiedliche regulatorische Vorgaben, die Amazon erst einmal erfüllen muss, ehe das erste ferngesteuerte Flugobjekt mit einem Paket durch die Lüfte fliegen kann. Am weitesten ist man in England, dort sind die Vorgaben weniger streng. Eine Lieferung in Cambridge hat den Praxistest schon im vergangenen Dezember bestanden. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis Amazon auch noch den Himmel übernimmt.

Quelle: F.A.S.
Autorenportät / Budras, Corinna
Corinna Budras
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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