Andrew Witty, Chef von Glaxo Smith Kline

„Der Patentschutz in Afrika ist lächerlich“

19.02.2011
, 12:23
„Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, warum Deutschland so aggressive Preissenkungen braucht, das ist eine Schande”, sagt Andrew Witty, der Vorstandsvorsitzende von Glaxo Smith Kline
Der britische Pharmakonzern Glaxo Smith Kline will mit der Freigabe seiner Entwicklungsergebnisse den Kampf gegen Tropenkrankheiten voranbringen. Im F.A.Z.-Gespräch wettert Vorstandschef Witty gegen Preissenkungen für Medikamente in Deutschland.
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Herr Witty, vor zwei Jahren haben Sie mit einem Tabu Ihrer Branche gebrochen und den Patentschutz für Medikamente in Entwicklungsländern gelockert. Andere große Pharmakonzerne machen aber bisher nicht mit. Warum?

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Es geht uns um bisher vernachlässigte Tropenkrankheiten wie etwa Cholera, Malaria oder Tuberkulose. Wir haben unsere Forschungsergebnisse und damit unser geistiges Eigentum auf diesem Gebiet für andere Forscher offengelegt. Dieser „Patent-Pool“ ist eine Chance, der Entwicklung dringend benötigter Medikamente neue Impulse zu geben. Anfangs gab es bei anderen großen Pharmaunternehmen eine gewisse Skepsis gegenüber der Idee. Aber inzwischen führen wir eine ganze Reihe Gespräche. Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass Sie dazu in den nächsten paar Monaten mehr hören werden. Ich glaube, das wird sich wirklich gut entwickeln, viele große Unternehmen beginnen sich einzuklinken.

Warum zögerten die anderen?

Die Branche fragte sich: Wenn wir in einem Teil der Welt einen neuen Umgang mit unserem geistigen Eigentum wählen, wird das dann auch dessen Schutz in anderen Ländern zerstören? Werden die reichen Länder versuchen, uns auszurauben und denselben freien Zugang für sich fordern? Unsere Sicht ist dagegen: Es ist lächerlich, den Patentschutz von Herz-Kreislaufmedikamenten in den Vereinigten Staaten mit dem für vernachlässigte Tropenkrankheiten in Afrika zu vergleichen.

Andrew Witty: „In Afrika dagegen gibt es keinen funktionierenden Markt und kein Geld”
Andrew Witty: „In Afrika dagegen gibt es keinen funktionierenden Markt und kein Geld” Bild: REUTERS

Wo liegt der Unterschied?

In Amerika gibt es eine Marktnachfrage, welche die Entwicklung von Medikamenten stimuliert, und diese Produkte brauchen Patentschutz. In Afrika dagegen gibt es keinen funktionierenden Markt und kein Geld. Bei den vernachlässigten Tropenkrankheiten ist seit fünfzig Jahren kein großer Forschungserfolg gelungen.

Im Kampf gegen Aids haben auch Sie den Patentschutz nicht geöffnet. Warum?

HIV-Medikamente sind ein Sonderfall. Es gibt großartige Fortschritte, denn die westlichen Märkte stimulieren die HIV-Forschung. Zugleich hat die Pharmabranche – zugegeben, nach einem langsamen Start – die Preise für HIV-Medikamente in Afrika so stark gesenkt, dass sie heute dort auch verfügbar sind. Es ist kaum zu erwarten, dass sich die Versorgung noch wesentlich verbessern würde, wenn wir die Patente lockerten.

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Ihre Forscher arbeiten auch seit 30 Jahren an einem Impfstoff gegen Malaria und sind fast am Ziel. Wann ist es so weit?

Die Entwicklung ist extrem schwierig. Noch vor wenigen Jahren dachten ja viele Experten, es sei unmöglich, gegen Malaria zu impfen. Aber wenn unsere Tests weiter erfolgreich sind, könnte unser Mittel nun ab etwa 2015 im großen Stil zum Einsatz kommen. Wir rechnen damit, dass mit der Impfung 50 bis 60 Prozent der Malariafälle verhindert werden können. Wir wollen daran allerdings nicht groß verdienen. Es ist sinnlos, einen Malaria-Impfstoff zu entwickeln und ihn dann so teuer zu machen, dass ihn sich niemand in Afrika leisten kann.

Das Projekt hat GSK bisher eine halbe Milliarde Dollar gekostet. Was sagen Ihre Aktionäre, wenn Sie deren Geld ohne Aussicht auf Rendite einsetzen?

Interessante Frage, die auf einer unserer letzten Hauptversammlungen auch einer unserer Aktionäre stellte. Ich habe erklärt, dass das Teil unserer gesellschaftlichen Verpflichtung ist und wir uns als global tätiges Unternehmen genauso um Malaria in Afrika wie um Krebserkrankungen in New York kümmern sollten.

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Hat das die Skeptiker überzeugt?

Es gab spontanen Applaus, das hatten wir noch nie. Natürlich wollen Aktionäre Geld sehen, aber sie wollen auch Unternehmen besitzen, die ein hohes Ansehen genießen. Es gibt inzwischen eine Reihe von Investmentfonds, die nicht explizit Ethik-Fonds sind, aber ganz klar auf solche Dinge Wert legen. Es kommt häufig vor, dass wir einem Gespräch mit Großinvestoren, die eine Hälfte der Zeit übers Geschäft reden und die andere Hälfte über genau dieselben Fragen wie wir beide jetzt.

Dann reden wir auch mal übers Geschäft: Sie haben bei GSK die Losung ausgegeben, „weiße Pillen für westliche Länder“ seien kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell mehr. Warum nicht?

Die Pharmabranche hat sich zu sehr auf dieses simple Geschäftsmodell eingeschossen: „Weiße Pillen“, damit sind Medikamente gemeint, die nach Ablauf des Patentschutzes von Generikaherstellern relativ leicht kopiert werden können. Das rächt sich jetzt. Die Nachahmer-Medikamente sind aber das große Problem der Pharmabranche: Weltweit verlieren zwischen 2008 und 2012 Medikamente im Volumen von 200 Milliarden Dollar den Patentschutz und werden durch Generika ersetzt. Deshalb bauen wir unser Geschäft in Schwellenländern, mit Impfstoffen und mit Konsumprodukten aus.

Die Hälfte der Pharmaunternehmen erwartet, mit den neuen Medikamenten, an denen sie gerade arbeiten, Verlust zu machen. Wie kann das sein?

Diese Umfrage habe ich auch gesehen. Wer so denkt, sollte seine Entwicklungsabteilung schließen. Ganz klar, es gab in der Pharmaindustrie eine Phase der Überinvestition. Es gab zu viele Ressourcen, zu viele Leute und zu viele Entwicklungsprojekte ohne ausreichenden Fokus. Wir bei GSK haben das gründlich geändert. Aber ja, ich denke, viele Unternehmen werden ganz aus der Forschung aussteigen müssen.

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Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Forschung die erwarteten Erträge bringt?

Wir haben 30 Medikamente und Impfstoffe im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium. 20 davon sind komplett neu. In den nächsten zwei Jahren werden wir wissen, ob wir so gut sind, wie wir annehmen. In unserer Branche sind die Zeiten vorbei, in denen man ohne Forschungserfolg Jahr um Jahr weitermachen konnte. Das muss aufhören. Schauen Sie nur auf die Kürzungen bei Pfizer. Das ist ein klares Signal.

Wenn alle sparen, laufen wir dann Gefahr, dass in Zukunft wichtige Medikamente fehlen werden, weil zu wenig in die Entwicklung investiert wird?

Das ist eine reale Bedrohung. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Branche da auf Anhieb das richtige Gleichgewicht findet. Meine große Sorge ist, dass das Pendel vor allem in Europa sehr schnell ins Negative schwingen wird, und dann wird es 20 Jahre dauern, die verlorenen Entwicklungskapazitäten wieder aufzubauen. Die von der Politik in den vergangenen Jahren vor allem in Europa verordneten Preissenkungen verschärfen diese Entwicklung und machen alles nur noch schlimmer.

Welche Länder setzen Ihnen am meisten zu?

Es sind mehrere, in Deutschland war die Entwicklung in den vergangenen zwölf Monaten am dramatischsten. Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, warum Deutschland so aggressive Preissenkungen braucht, das ist eine Schande. Schließlich erlebt Ihre Wirtschaft zurzeit die dynamischste Erholung aus der Rezession in ganz Europa. Zum Glück gab es zuletzt gewisse Fortschritte, um einen vernünftigen Dialog hinzubekommen.

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Wenn Sie wissen wollen, warum der Gesundheitsminister spart, brauchen Sie nur auf die hohen Krankenkassenbeiträge auf den Gehaltsabrechnungen Ihrer deutschen Mitarbeiter schauen.

Mag sein. Aber es ist für Politiker sehr einfach, die Medikamenten-Rechnung zu kürzen. Dafür müssen sie keine öffentlichen Angestellten entlassen und keine Krankenhäuser restrukturieren – sie vermeiden unangenehme Entscheidungen.

In welchen Forschungsgebieten zeichnen sich Engpässe ab, weil zu wenig geforscht wird?

In den letzten Jahren haben sich zum Beispiel viele Unternehmen aus der Neurowissenschaft zurückgezogen, Depressionen, Angststörungen solche Dinge. Aufgegeben werden die anspruchsvollsten Forschungsfelder auf. Warum sollte ein Unternehmen daran festhalten in einem Umfeld, in dem es nicht sicher sein kann, dass es eine faire Vergütung bekommt? Zum Beispiel multiple Sklerose, Diabetes, Fettleibigkeit – das sind hochkomplexe Krankheiten, an denen heute noch viel gearbeitet wird.

Jammern gehört zum Geschäft, oder?

GSK allein hat vergangenes Jahr durch staatlich verordnete Preiskürzungen in den Vereinigten Staaten und Europa 800 Millionen Dollar Umsatz verloren. Die Regierungen müssen aufpassen, welche Signale sie senden: Wenn sie für innovative neue Medikamente dieselben Preissenkungen verordnen wir für Generika, geben sie klar zu verstehen, dass sie Innovationen nicht wertschätzen. Im Einzelfall mag das keine großen Folgen haben, aber wenn alle Regierungen das jedes Jahr machen, wird es am Ende gewaltige Auswirkungen haben.

Das Gespräch führte Marcus Theurer.

Quelle: F.A.Z.
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