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Arbeiten 4.0

Geld verdienen von der Couch aus

Von Britta Beeger
 - 10:26
Home Office: Flexible Arbeitsbedingungen sind in Deutschland (noch) unbeliebt.

Johannes Christoph ist wählerisch. Der 27-Jährige nimmt längst nicht jeden Auftrag an, der ihm auf der Online-Plattform „Clickworker“ angeboten wird. Kleidung für Internet-Versandhändler in Kategorien einzusortieren zum Beispiel, das liegt ihm nicht. Denn um zu entscheiden, ob ein Kleid eher ein Freizeitkleid oder ein Jerseykleid ist, es sich um eine Bluse oder eine Tunika handelt, muss er erst eine Weile recherchieren. Weil es für jedes einsortierte Kleidungsstück nur Centbeträge gibt, lohnt sich das nicht – zu groß ist der Zeitaufwand. Besser läuft es mit den Ebay-Aufträgen. Hier gilt es, zu entscheiden, ob die Verkäufer ihre Produkte der richtigen Kategorie zugeordnet haben, Ersatzteile für Autos also nicht bei Motorrädern einsortiert sind. Dafür gibt es jeweils 14 Cent, zwei bis drei Teile schafft Christoph in der Minute. Das bringe 6 bis 7 Euro in der Stunde, sagt er.

Spaß? „Nein, Spaß macht das natürlich nicht“, sagt der Erfurter. Er müsste diese Arbeit auch gar nicht machen, schließlich hat er zwei halbe Stellen als Landschaftsarchitekt sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Doch ihm gefällt, dass er seine freie Zeit so besser nutzen kann. Wenn er im Fernbus sitzt oder zu Hause einen Film schaut, verdient er sich nebenbei ein bisschen was dazu. Mal kommen so im Monat 5 Euro zusammen, mal 80 Euro, mal 20 Euro, „ein nettes Taschengeld“, wie er sagt.

So wie Christoph könnten bald noch viel mehr Menschen vom heimischen Computer aus Geld verdienen – ganz flexibel, wann immer sie Zeit haben und in einem Ausmaß, das sie selbst festlegen. Denn die Digitalisierung führt dazu, dass Unternehmen Projekte zunehmend in kleine Aufgaben zerlegen und über Plattformen wie „Mechnical Turk“ von Amazon oder „Elance-oDesk“ an eine große Menge Menschen auf der ganzen Welt auslagern – sogenannte Crowdworker. Allein auf der Clickworker-Seite sind nach Unternehmensangaben 700.000 Menschen registriert. Die Bandbreite an Aufträgen ist groß, in Frage kommt alles, was über das Internet abgewickelt werden kann: Adressen recherchieren, Preise im Supermarkt abfotografieren, Produkte in kurzen Texten beschreiben, Logos entwerfen, Software programmieren.

Flexible Arbeitsverhältnisse sind unbeliebt

Schon werden Befürchtungen laut, Deutschland könne sich zu einem Heer digitaler Tagelöhner entwickeln, das sich ohne soziale Sicherung, Kündigungsschutz, Urlaubsanspruch und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall von einem Auftrag zum nächsten hangelt. Ob es so weit kommt, darf bezweifelt werden, überhaupt kann noch niemand mit Sicherheit sagen, wie die Arbeitswelt der Zukunft genau aussehen wird. Schon jetzt stellen sich Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und die großen Gewerkschaften aber die Frage, wie die soziale Absicherung von Erwerbstätigen sowie die Finanzierbarkeit der Sozialsysteme in der digitalen Arbeitswelt funktionieren sollen. Unter dem Stichwort „Arbeiten 4.0“ hat Nahles deshalb schon im Frühjahr einen Dialogprozess zur Digitalisierung der Arbeit angestoßen. Die Gewerkschaft IG Metall hat ein eigenes Internetportal zum Thema gestartet, das Rechtsrat und Bewertung verschiedenen Crowdworking-Anbieter bietet.

Doch wie groß ist nun das Potential von Crowdworking in Deutschland? Nach Angaben des Arbeitsministeriums weisen erste Erhebungen darauf hin, dass es sich noch um ein Randphänomen handelt. Einer weitverbreiteten Einschätzung zufolge wird Crowdworking in Zukunft aber auch in Deutschland zunehmen – wenn auch nicht auf ein Ausmaß, wie es etwa für Amerika denkbar ist. Denn in Deutschland herrsche nahezu Vollbeschäftigung, weshalb sich die Menschen aussuchen könnten, ob sie eine Festanstellung oder die Selbständigkeit vorziehen, sagt der Koblenzer Arbeitsmarktexperte Stefan Sell. Und die Bereitschaft, sich auf hoch flexible Arbeitsverhältnisse einzulassen, sei in Deutschland immer noch sehr viel geringer ausgeprägt als anderswo. Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Zahl der Solo-Selbständigen, die keine weiteren Mitarbeiter beschäftigen und zu denen auch Crowdworker zählen, in den vergangenen Jahren leicht rückläufig ist.

Als wahrscheinlich gilt daher, dass Crowdworking eher als Zuverdienstmöglichkeit genutzt wird. Nicht repräsentative Umfragen des Arbeitsministeriums auf zwei Plattformen zeigen, dass es sich bei Crowdworkern überwiegend um Angestellte, Auszubildende und Studenten handelt, die ihr Gehalt aufbessern wollen. Selbständige seien nicht überproportional vertreten. „Crowdworking könnte der Zweit- oder Drittjob werden, mit dem man sich zum Beispiel seinen Urlaub finanziert“, sagt auch Wissenschaftler Sell. Dennoch fordert er: „Bei denen, die darauf angewiesen sind, müssen wir uns fragen, wie wir sie sozial absichern.“ Auf diese Notwendigkeit deutet auch eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hin, wonach Solo-Selbständige zwar nicht generell weniger verdienen als Angestellte, die Streuung der Einkommen aber größer ist. So verdienten 2009 rund 18 Prozent der Solo-Selbständigen in Deutschland weniger als 5 Euro netto in der Stunde.

Es geht nicht nur um billige Arbeitskräfte

Es gibt allerdings gerade in den Bereichen IT und Design auch Anbieter, die bewusst versuchen, sich vom Billig-Image anderer Portale abzuheben. So etwa das Unternehmen Applause, das Apps großer Unternehmen wie Amazon, Google und Netflix schon vor der Veröffentlichung auf technische Fehler, Benutzerfreundlichkeit und Datensicherheit testet. Rund 200.000 Tester hat Applause in mehr als 200 Ländern, es rekrutiert sie vor allem durch sein eigenes Netzwerk „Utest“. Gefragt sind Fachleute: Wer Aufträge bekommen will, muss zuvor unter anderem in einer Art Prüfung sogenannte Bugs finden, also Fehler in der Software, und ein Skype-Interview absolvieren. Sieben Jahre Erfahrung hätten die Tester im Schnitt im Bereich der Qualitätssicherung von Software, sagt Matt Johnston, Leiter der Unternehmensentwicklung.

70 Prozent hätten eine Vollzeitstelle in diesem Bereich und arbeiteten am Abend oder in den Ferien an Applause-Projekten. Gerade weil die Anforderungen hoch seien, zahle Applause seinen Testern Marktpreise, sagt Johnston. Soll heißen: Ein Sicherheitsexperte in Deutschland kann bis zu 80 Dollar (73 Euro) in der Stunde verdienen. Ist ein Projekt für Tester auf der ganzen Welt ausgeschrieben, kann sich der Stundenlohn wegen der Konkurrenz aus Ländern wie Indien aber auch auf nur 10 bis 12 Dollar belaufen. Im Schnitt verdienten die Tester bei Applause um die 35 Dollar in der Stunde, so Johnston.

Die Plattform Twago, auf der Kunden aus Europa vor allem Programmierer, Designer und Texter finden können, versucht gar bewusst, einen Unterbietungswettbewerb bei den Preisen zu verhindern. Während auf vielen anderen Plattformen die Auftragnehmer in ihren Profilen ihren Stundensatz angeben können, ist das bei Twago nicht möglich. Wer sich auf ein Projekt bewirbt, kann auch nicht sehen, welche Preise die Konkurrenten angeben. Das Unternehmen habe die Erfahrung gemacht, dass den Auftraggebern andere Dinge noch wichtiger seien als der Preis, sagt Gründer und Geschäftsführer Thomas Jajeh. Tatsächlich würden die allerwenigsten Angebote an den billigsten Anbieter vergeben, so Jajeh: „Nur auf den Preis zu schauen ist der falsche Ansatz.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Beeger, Britta
Britta Beeger
Redakteurin in der Wirtschaft.
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