Auslaufmodell

Die Deutschen kaufen Glühbirnen auf Vorrat

Von Rüdiger Köhn, München
18.08.2009
, 12:35
Leuchtet noch lange: Die gute alte Glühbirne
Nur noch 13 Tage werden Glühbirnen für den deutschen Markt produziert. Dann ist Schluss. Und was machen die Deutschen? Sie hamstern Glühbirnen. Im ersten Halbjahr sprang der Absatz laut GfK um 48 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Vor allem im Mai und Juni gab es einen regelrechten Ansturm.
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Das Auslaufmodell ist heiß begehrt. Die Deutschen hamstern Glühbirnen. Im Mai und Juni gab es einen Ansturm auf den von der EU als unerwünscht erklärten Leuchtkolben. Im ersten Halbjahr sprang der Absatz nach Daten der Marktforschungsgruppe GfK um 48 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. In den ersten vier Monaten gab es bereits ein unerwartet hohes Wachstum. Das erreichte aber nur 20 Prozent. Im Mai und Juni erreichte der Anteil der Glühbirne am Absatz 25 Prozent statt der sonst üblichen 17 Prozent. Das ging zu Lasten der Energiesparlampe, deren Anteil von fast 34 auf knapp 25 Prozent sank.

Nur noch 13 Tage werden Glühbirnen für den deutschen Markt produziert. Dann ist Schluss. Vom 1. September an können zwar die 100-Watt-Klarglas-Glühbirne sowie alle Mattglas-Birnen aus dem Handelsbestand weiter verkauft werden. Doch mit dem Auslieferungsverbot durch die Hersteller nach der „EU-Effizienzrichtlinie für Licht“ ist das Ende der stromfressenden Lichtquelle besiegelt, die 5 Prozent des Stroms in Licht, aber 95 Prozent in Wärme umwandelt.

Philips und Osram beobachten als die beiden führenden Hersteller das Hamsterverhalten nur in Deutschland, Österreich und in Ungarn. Der Widerstand sei auffällig, heißt es bei Osram. In den meisten europäischen Ländern wie Frankreich, Benelux, Italien, Spanien und insbesondere bei den Skandinaviern gebe es keine Vorbehalte. Dort würde der Absatz der Kompaktleuchtstofflampe spürbar wachsen. In Deutschland wachsen hingegen die Vorbehalte: hoher Preis in der Anschaffung, schlechte Lichtqualität und -ausbeute, die Entsorgung der Energiesparlampe als Sondermüll wegen der Elektronik und des Quecksilbers. Lange Lebensdauer, die hohe Stromersparnis und der damit verbundene deutlich geringere Kohlendoxidausstoß spielen da kaum ein Rolle.

„Der Bedarf liegt über den Erwartungen“

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Der Handel kann den gestiegenen Bedarf an Glühbirnen ohne weiteres decken. Denn es gibt eine Fülle von Billiganbietern, die in kurzer Zeit Bestände auf den deutschen Markt umdirigieren können. Philips als Nummer eins und Osram als zweitgrößter Anbieter der Welt sind ebenso im Spiel, auch wenn sie nur noch einen geringen Anteil mit konventionellen Lampen umsetzen. Die Siemens-Tochtergesellschaft Osram erzielt nur 5 Prozent des Umsatzes von 4,6 Milliarden Euro mit der Glühbirne. Die weltführenden Niederländer bestreiten zwischen 3 und 5 Prozent ihres Volumens von 7,1 Milliarden Euro mit dem Auslaufmodell.

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Während Philips unverhohlen über einen Absatzanstieg spricht, formuliert Konkurrent Osram die Renaissance der Glühbirne unmittelbar vor ihrem Tod verhalten. „Der Bedarf liegt über den Erwartungen“, sagt Martin Goetzeler, Geschäftsführer von Osram. Das Unternehmen hatte einen deutlichen Rückgang in der Produktion für 2009 eingeplant.

Viele Länder, allen voran die asiatischen, blicken auf Europa. Nirgendwo ist die Umsetzungsgeschwindigkeit so hoch wie in der EU, die damit eine Vorreiterrolle spielt. Im Dezember 2008 hatte sie die Verbannung beschlossen. Ein Dreivierteljahr später wird das Gros der Glühbirnen verboten. Bis September 2011 werden allenfalls noch sukzessive die übrigen Klarglasbirnen von 75 bis 15 Watt absteigend verschwinden. In Südkorea, Taiwan und Japan müssen solche Maßnahmen noch erfolgen. In den Vereinigten Staaten wurde der Beschluss zwar schon im Laufe von 2007 gefasst, wird aber erst 2012 konsequent eingeführt sein. Im Februar 2007 hatte Australiens Ministerpräsident John Howard spektakulär das Aus der Glühbirne angekündigt und andere Länder zu einem ähnlichen Verhalten veranlasst. Doch auch dort dauerte es. Im Oktober vergangenen Jahres wurde der Import von Glühbirnen gestoppt. Von diesem Oktober an greift das Verkaufsverbot.

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„Es gibt genügend Alternativen zur Energiesparlampe“

In Deutschland prallen ökonomische wie ökologische Argumente immer noch ab. Laut Osram kann ein Haushalt im Jahr 48 Euro sparen, wenn er sechs Glühbirnen gegen Energiesparlampen austauscht. Mit der heutigen Lichttechnik könnte der Kohlendioxidausstoß in der Stromerzeugung um 30 Prozent verringert werden; so viel, wie im Jahr eine Waldfläche der Größe Schwedens binden müsste. „Der Verbraucher muss sich die Lebenszykluskosten vor Augen führen“, sagt Goetzeler. Die Lebensdauer ist deutlich höher als die einer Glühbirne, womit auch das Stromeinsparpotential entsprechend hoch ist. Und: „Es gibt genügend Alternativen zur Energiesparlampe.“ Halogenlampen bringen eine Stromersparnis von 30 bis 50 Prozent, geben ein gleichwertiges Licht und sind dimmbar. Sie haben einen niedrigen Einstiegspreis, halten doppelt so lang und können im Hausmüll enden.

Die Industrie arbeitet mit Hochdruck daran, die Kompaktleuchtstofflampen den Gewohnheiten der Konsumenten anzupassen, indem sie etwa ein wärmeres Licht entwickeln. Zunehmend im Fokus steht die Entwicklung der Leuchtdiode (LED), die über einen Halbleiter Licht abgibt. Sie spart im Vergleich zur Glühbirne 80 Prozent Strom, hat eine Lebensdauer von 25 Jahren, ist quecksilberfrei und vielfältig nicht nur als Punktbeleuchtung, sondern auch als Flächenbeleuchtung einsetzbar. Experten halten sogar die LED-Beleuchtung für das eigentliche Zukunftsmodell, die Energiesparlampe eher für ein Übergangsszenario. Doch vergeht Zeit, bis sich die LEDs breiter durchsetzen. In diesen Tagen - pünktlich zum Verbot der Glühbirne - forcieren die Hersteller den Auftritt der LED-Lampen in den klassischen Glühbirnen-Formen oder als Strahler mit Reflektoren. Die sind nicht nur schwer, sondern auch teuer. Von 20 Euro aufwärts kosten die neuen Produkte. Erst mit der wachsenden Absatzmenge werden die Preise deutlich sinken. Bei dem zögerlichen Verhalten der Deutschen zumindest kann das aber noch dauern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhn, Rüdiger (kön.)
Rüdiger Köhn
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.
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