Weil die Industrie hamstert

In Deutschland könnten Autos bis zu zehn Prozent teurer werden

Von Mark Fehr
16.08.2021
, 12:14
Hersteller von begehrten Automarken können steigende Beschaffungspreise leicht an Autokäufer überwälzen.
In der wieder anlaufenden Weltwirtschaft jagen sich Unternehmen gegenseitig den Nachschub ab. Weil Materialien knapp sind, müssen laut aktueller Studie auch Verbraucher bald mehr zahlen.
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Eigentlich ist es eine gute Nachricht, dass die Weltwirtschaft sich schneller von den Folgen der Pandemie erholt als erwartet. Doch die kräftige Erholung hat eine gefährliche Nebenwirkung, die den Aufschwung ausbremsen könnte, bevor er so richtig in Fahrt kommt. Denn der Boom lässt Rohstoffe und Zulieferteile knapp werden, weil die Produktions- und Förderkapazitäten nach den Lockdowns immer noch angeschlagen sind.

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Laut einer am Montag veröffentlichten Studie der Kreditversicherung Euler Hermes versuchen Unternehmen, mit Hamsterkäufen ihre Lager zu füllen, um sich vor Lieferproblemen zu schützen. Dieses Verhalten ist aus der betriebswirtschaftlichen Froschperspektive betrachtet verständlich, verschärft aus der Vogelperspektive aber die gesamtwirtschaftliche Knappheit und lässt die Preise steigen.

Knappe Transportkapazitäten der internationalen Schifffahrt

Das zeigt sich auch an der Entwicklung, die Euler Hermes für den Welthandel erwartet. Die Ökonomen rechnen für dieses Jahr mit einem Anstieg des internationalen Handelsvolumens um 7,7 Prozent. Diese Zahl bezieht sich auf die Menge der gehandelten Güter und Dienstleistungen, nicht deren Wert. Der Wert des Handelsvolumens wird laut Euler Hermes sogar um 15,9 Prozent wachsen, also rund doppelt so stark wie die Menge. Grund dafür sind die Preissteigerungen.

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Woran liegt das? Der Kreditversicherer verweist hier zum einen auf die knappen Transportkapazitäten der internationalen Schifffahrt. Sie machen laut der Studie 35 Prozent der Wertsteigerungen im Welthandel aus. Die Wirkung von Angebot und Nachfrage sei dagegen nur zu 15 Prozent für die Wertsteigerungen verantwortlich. Der stärkste Anteil an den steigenden Preisen jedoch entfällt mit 50 Prozent auf die Aufstockung der Lager. Das industrielle Hamstern stellt sich laut diesen Zahlen also als Hauptgrund für die steigenden Beschaffungspreise dar.

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Beim Wettlauf um die knappen Rohstoffe und Zulieferteile hinken europäische und deutsche Unternehmen offenbar hinterher. So sind die Warenlieferungen aus Asien in die USA um 30 Prozent gestiegen, während die asiatischen Exporte nach Europa nur um 10 Prozent zulegten. Das dürfte daran liegen, dass Amerika die Wirtschaft früher geöffnet hat. „Die meisten europäischen Länder, insbesondere Deutschland, haben aktuell Mühe, ihre ohnehin niedrigen Lagerbestände wieder aufzufüllen“, sagt Van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Wie sich die Knappheit auf die Verbraucher auswirken könnte, zeigt der Blick auf die Automobilindustrie. Euler Hermes traut den deutschen Automarken eine hohe Preissetzungsmacht zu. Im Klartext: Hersteller mit begehrten Marken können die gestiegenen Beschaffungskosten leicht auf die Endkunden überwälzen. „Die europäischen und deutschen Autobauer sitzen durch die Chip-Knappheit aktuell am längeren Hebel“, sagt van het Hof. Preissteigerungen für Autos seien daher möglich – in Deutschland um 4 bis 10 Prozent.

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Laut Euler Hermes profitiert die Autobranche jetzt schon von der hohen Nachfrage nach der Wiedereröffnung der Wirtschaft. Dabei gehört die Automobilindustrie laut einer aktuellen Studie des ifo-Instituts zu den Branchen, die am stärksten unter der Knappheit leiden. So können zahlreiche Autos wegen dem Mangel an Halbleitern und Computerchips nicht produziert werden. Einige Hersteller bauen die knappen Chips deshalb vor allem in besonders teuren Automodellen ein und lassen die Produktion günstigerer schleifen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Fehr, Mark
Mark Fehr
Redakteur in der Wirtschaft.
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