Stellenabbau in Babenhausen

Enttäuscht über Conti-Einigung

Von Falk Heunemann
19.01.2021
, 18:16
Bis 2028 soll im Continental-Werk in Babenhausen ein Großteil der 3300 Stellen abgebaut werden. Die IG Metall hat sich mit der Firma auf Abfindungen geeinigt. Es soll bis zu 190.000 Euro geben. Damit sind viele Mitarbeiter unzufrieden.

Maik Grosche hat drei Balken aufgezeichnet: Einen großen roten für die Gewerkschaftsforderung, einen kleinen gestreiften für das ursprüngliche Arbeitgeberangebot und einen blauen für den jetzigen Kompromiss. Der blaue ist auf der Skizze nur wenig größer als der gestreifte. Wenn er das so sehe, dann verstehe er nicht, dass die Gewerkschaft IG Metall dem zugestimmt hat, schreibt Grosche auf der Facebook-Seite des „Aktionsbündnisses Conti Babenhausen“.

Er ist nicht der einzige Unzufriedene in dem Werk, in dem nun bis zum Jahr 2028 ein Großteil der 3300 Stellen abgebaut werden soll – und nicht wie ursprünglich geplant schon bis 2025. „Unglaublich“, kommentiert ein Beschäftigter, die Geschäftsleitung könne sich die Finger reiben. Ein anderer nennt das Angebot „lächerlich“ und „eine absolute Frechheit“, ein weiterer bezeichnet es als „ein Schlag ins Gesicht“.

Stellenabbau gestaffelt bis 2028

Ob diese kritischen Stimmen die Mehrheit der Belegschaft widerspiegeln, wird sich noch zeigen. Aber offenbar finden längst nicht alle Babenhausener, dass man das Management „offensichtlich zum Einlenken“ bewegt habe, wie der hessische IG-Metall-Vorsitzende nach der Verkündung des Kompromisses am Montag sagte. Denn der Autozulieferer-Konzern Continental hält an seinem Plan fest, die Produktion von Armaturen und Bedienelementen in Babenhausen mittelfristig einzustellen, nur Forschung, Entwicklung und Verwaltung sollten erhalten bleiben. Dagegen hatten die Mitarbeiter wiederholt und oft lautstark protestiert, etwa mit langen Autokorsos und Warnstreiks. Nun soll der Stellenabbau gestaffelt bis 2028 erfolgen. Bis dahin sollen den Beschäftigten Aufhebungsverträge und Abfindungen angeboten werden.

Deren Höhe richtet sich nach den Betriebsjahren und einem Rahmensozialplan, der im Konzern während der Lehman-Wirtschaftskrise 2008 vereinbart worden war. Dazu kommt der nun ausgehandelte Sozialtarifvertrag. Dieser sieht einen Sockelbetrag von 10.000 Euro, eine „Treueprämie“ für je fünf Jahre Betriebszugehörigkeit in Höhe von 3750 Euro sowie Kinderprämien von 2500 Euro vor.

Was die Mitarbeiter dann erwarten können, hat die IG Metall in Fallbeispielen ausgerechnet: Ein 25 Jahre alter Single, der seit fünf Jahren bei Conti ist, könnte demnach mit rund 21.000 Euro rechnen, ein Fünfundfünfzigjähriger mit 25 Betriebsjahren und 6600 Euro brutto monatlich käme auf 190.000 Euro. Wer sich schnell für einen Aufhebungsvertrag entscheide, erhalte zudem eine „Turboprämie“ in Höhe von drei Monatsgehältern. Da von der Abfindung die Steuer abgehe, seien 25 Jahre Conti am Ende nicht viel wert, monieren die Kritiker. Sie verweisen zudem darauf, dass der Konzern im Sommer 2020 trotz Coronakrise 600 Millionen Euro als Dividende an die Eigner ausgeschüttet hat.

„Schmerzgrenze erreicht“

Das Abfindungsangebot gilt auch nicht für alle Beschäftigten, sondern nur für Mitglieder der IG Metall, die etwa zwei Drittel der Mitarbeiter ausmachen – sofern die Gewerkschafter dem Plan per Urabstimmung bis Mitte Februar zustimmen. Ob auch das andere Belegschaftsdrittel diese Abfindungen bekommt, wird noch vor einem Schlichter mit der Geschäftsführung ausgehandelt.

Die Reaktionen auf die Einigungen seien „gemischt“, gibt die Babenhausener Betriebsratsvorsitzende Anne Nothing zu, die den Kompromiss mitverhandelt hat. Die Rettung aller Stellen sei nie realistisch gewesen, sagt sie, und ja, auch sie hätte sich mehr gewünscht, „aber irgendwann war eben die Schmerzgrenze erreicht“. Der Kompromiss sei ihr schwergefallen, doch sie stehe dazu. Er sei ein „Aufschub mit Perspektive“. So werde nun vom Management garantiert, dass mehr als 1000 Arbeitsplätze bis mindestens 2025 erhalten bleiben. Und eine Zahl, wie viele Stellen bis 2028 wegfallen sollen, gebe es nun nicht mehr. „Wir halten die Tür offen,“ sagt die Betriebsrätin.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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