Start-up aus Baden

Gründer bringen Buchhaltung aufs Smartphone

Von Oliver Schmale, Stuttgart
28.07.2021
, 15:27
Anstatt Ordner im Schrank, Buchhaltung auf dem Smartphone. Das Start-Up SevDesk machts möglich und wächst schnell.
Belege für das Finanzamt, Rechnungen für Kunden – Kleinunternehmen sollen das nach dem Plan zweier Informatiker aus Offenburg per App erledigen. Investoren stellen 50 Millionen Euro dafür bereit.

Die Geschichte von SevDesk klingt ein bisschen nach dem amerikanischen Traum: Über Jahre hinweg haben sich Wagniskapitalfinanzierer nicht für das Unternehmen mit Sitz in der badischen Provinz in Offenburg interessiert, das eine cloudbasierte Buchhaltungssoftware für Kleinunternehmer und Selbständige entwickelt hat. Und nun sammeln die Gründer, Fabian Silberer und Marco Reinbold, in einer Finanzierungsrunde 50 Millionen Euro ein. Die beiden 30 Jahre alten Wirtschaftsinformatiker haben ehrgeizige Pläne. „Wir wollen in den nächsten fünf bis zehn Jahren Marktführer in Deutschland und Österreich werden“, sagt Silberer, der Geschäftsführer der SevDesk GmbH. Ziel seien dann eine Million Kunden.

Die aktuelle Kundenzahl will Silberer nicht nennen, um sich und seine Mannschaft nicht unter Druck zu setzen und dann an Prognosen gemessen zu werden. Im Jahr 2019 wurden 80.000 Kunden gezählt. „Das Potential in Deutschland und Österreich besteht aus 6,4 Millionen Selbständigen und kleinen Unternehmen.“ Und in dieser Gruppe möglicher Kunden seien die Chancen groß. Denn nur 6 Prozent der rund 5,8 Millionen Selbständigen in Deutschland nutzten eine cloudbasierte Buchhaltungssoftware. Bei SevDesk funktioniert das über eine App auf dem Smartphone, in die Belege eingescannt und dann automatisch weitergeleitet werden. Entweder als Beleg für Finanzamt oder Steuerberater oder als ebenfalls automatisch erstellte Rechnung an den Kunden.

Wachstum in Baden

„Unsere Kunden können sich im App-Store noch Programme zukaufen. So beispielsweise der Handwerker zum Bereich Aufmaß oder Stundenerfassung. So entsteht ein ganzes Ökosystem, mit dem der Kunde dann nicht nur die Buchhaltung machen kann, sondern auch Angebote schreiben oder Rechnungen erstellen.“ Aktuell gebe es 40 Partner. Im Laufe der nächsten drei Jahre soll die Software schon mit 400 Partnern kompatibel sein. Aktuell sind in Offenburg 165 Menschen tätig. Doch um das geplante Wachstum zu stemmen, sollen 200 neue Stellen bis Ende 2022 geschaffen werden.

Die Gründer, die aktuell knapp 40 Prozent der Anteile am Kapital halten, machten zuletzt 10 Millionen Euro Umsatz durch Softwarelizenzen im Jahr. 2021 wird mit einem mittleren zweistelligen Millionenumsatz gerechnet. Die Erlöse sollen in den kommenden Jahren mehrfach verdoppelt werden. „Das Produkt soll langfristig zu einer kompletten Finanzsoftware weiterentwickelt werden, um die Zusammenarbeit zwischen Kunden, Steuerberatern, Banken und Finanzamt zu optimieren.“

Der US-Investor Arena Holdings hat den größten Teil der Mittel für die aktuelle Finanzierungsrunde zur Verfügung gestellt, berichtet Silberer. Und alle Bestandsinvestoren hätten mitinvestiert. Die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Investor sieht er als Gewinn: „Arena Holdings versteht unser Geschäftsmodell, weil sie schon in mehreren Start-ups für Buchhaltung investiert sind.“ So beispielsweise in die Unternehmen Freee in Japan oder in Xero in Australien. Doch einer Zusammenlegung mit SevDesk erteilt er eine klare Absage: „Wir wollen als eigenständiges Unternehmen groß werden.“

Arena Holdings mit Erfahrung

Arena Holdings ist 2016 von Feroz Dewan gegründet worden. Zuvor war er mehr als zehn Jahre bei Tiger Global Management tätig. Dewan selbst will mit der Presse nicht sprechen. Der Investor ist zusammen mit Carsten Thoma eingestiegen. Thoma ist einer der wenigen deutschen Tech-Gründer, die ihr Unternehmen für mehr als eine Milliarde Dollar verkaufen konnten. SAP kaufte sein Start-up Hybris, das Software zur Verwaltung von Kundenbeziehungen in der Cloud anbot. Zu seinem neusten Investment sagt er: „Arena Holdings und ich glauben, dass es hier eine wunderbare Gelegenheit gibt, eine marktprägende Cloud-basierte Software für Selbständige und Kleinunternehmer in Deutschland aufzubauen.“

SevDesk als Software sehen die Investoren als langfristiges Betriebssystem für den Mittelstand, das Bedürfnisse von Einzelunternehmern und Kleinstbetrieben bedient. „Wir gehen davon aus, dass im Laufe der Zeit 100 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen über die Cloud arbeiten werden, und wir erwarten, dass ein großer Teil von ihnen ihre Geschäfte auf SevDesk verwalten wird.“ Die beiden badischen Gründer haben sich gezielt diese Hauptinvestoren ausgesucht, weil die Erfahrung mit der Börse haben. Silberer sagt: „Langfristig passt unser Geschäftsmodell zur Börse. Ich kann mir das in fünf Jahren durchaus vorstellen.“

Quelle: F.A.Z.
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