Digitale Zukunft

Bald wird der DHL-Roboter das Sofa bringen

Von Helmut Bünder und Carsten Knop
19.10.2016
, 18:24
Der Frank von der Post: Post-Chef Appel am Steuer eines elektrischen Ausstellfahrzeugs.
Post-Chef Frank Appel sieht große Chancen in der Digitalisierung - vor allem für Beschäftigte mit einfachen Tätigkeiten. Für die Politik hat er deshalb eine klare Botschaft.

So verschieden die Aufgaben von Politikern und Konzernlenkern auch sein mögen, eine gemeinsame Herausforderung verbindet sie: Sie müssen Vertrauen stiften, in die Zukunft des Gemeinwesens und des Unternehmens. So gesehen, findet Frank Appel, ist es um den Zustand der Politik nicht gut bestellt. „Fast überall in der westlichen Welt, ob Deutschland, Europa oder Amerika, wächst die Angst, dass es schlechter statt besser wird. Das führt zu der Besorgnis erregenden Grundstimmung, dass Stillstand und Abwehr besser sind als Aufbruch und Veränderung“, diagnostiziert der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post im Gespräch mit der F.A.Z.

Fast eine halbe Million Menschen aus aller Herren Länder arbeiten für den Konzern, so dass Appel die deutsche Nabelschau mit ihrer Negativrhetorik gewaltig gegen den Strich geht. „Wir sollten uns mehr in der Welt umschauen und stolz sein auf das, was wir erreicht haben. Viele ausländische Kollegen sagen mir, wir leben in einem der tollsten Länder dieser Erde. Und das stimmt. In unserer Demokratie, mit sozialen Errungenschaften wie einer im Vergleich vorbildlichen Krankenversicherung und kostenloser Schulbildung, die allen offensteht, müssen wir uns vor niemandem verstecken.“

Die Post ist der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Die Heerschar von Mitarbeitern zu motivieren und „mitzunehmen“, darin sieht Appel eine seiner zentralen Aufgaben – und leitet aus seinen Erfahrungen eine Empfehlung für die Politik ab. Seit 2008, als er die Führung übernahm, arbeitet die Post mit mittelfristigen Strategieprogrammen, die den Mitarbeitern aufzeigen, wohin die Reise gehen soll.

„Ungleichheit besiegt man nicht durch Umverteilung“

„Die Menschen können sich hinter solchen Zielen versammeln. Sie sehen, dass da für sie ein Platz vorgesehen ist und sie mit der Unternehmensentwicklung eigene Perspektiven verbinden können“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Aus seiner Sicht brauchen deshalb auch Politik und Gesellschaft endlich wieder ein „Positivbild“, eine Leitvorstellung, wo Deutschland und Europa in 15 oder 20 Jahren stehen sollen, wie sie dahin wollen und was dafür zu tun ist.

Appel schlägt einen großen Bogen zu seiner Jugend in der Amtszeit von Bundeskanzler Willy Brandt: wie der es Ende der sechziger Jahre geschafft habe, mit mutiger Programmatik für Aufbruchsstimmung zu sorgen. „Heute wird nicht mehr nach Bildungsgerechtigkeit gerufen, sondern nach Umverteilung. Aber Ungleichheit beseitigt man am Ende nicht durch Umverteilung, sondern dadurch, dass man Menschen die Chance gibt, durch eigene Anstrengungen im Leben etwas zu erreichen.“ Auch dafür stehe das Modell der Sozialen Marktwirtschaft. Statt solcher langfristiger Visionen dominieren heute aus seiner Sicht irrationale Ängste. „Die Digitalisierung wird als Bedrohung gesehen, ebenso wie die Globalisierung und natürlich auch die Flüchtlinge.“

Für Appel ist die Digitalisierung das Gegenteil: eine große Chance gerade für viele Menschen mit geringerer Ausbildung. Heute müssten sie sich mit vergleichsweise bescheidenen Löhnen zufriedengeben, weil ihre niedrige Produktivität keine höhere Bezahlung erlaube. „Jetzt erhalten wir die Möglichkeit, sie mit neuer Technik zu höheren Leistungen zu befähigen – und das eröffnet auch neue Verteilungsspielräume für die Entlohnung vergleichsweise einfacher Tätigkeiten“, sagt er. Wie das gehen könnte, erläutert Appel am Beispiel der Datenbrillen, die die DHL-Logistikgesellschaften seit einiger Zeit in Lägern und Verteilzentren testen.

Bringt bald ein Mensch-Roboter-Team die Pakete?

Auf den Brillen von Google oder Vuzix wird eingeblendet, welche Produkte für welche Bestellung benötigt werden, wo sie sich im Lager befinden und wie die schnellste Tour durch das Lager aussieht. Die „Picker“ brauchen keine Laufzettel oder Scanner mehr, haben beide Hände frei und schaffen während einer Schicht deutlich mehr. „Wir erreichen damit eine um 15 bis 25 Prozent höhere Produktivität. Perspektivisch geht davon ein Teil an die Kunden, für die es billiger wird, ein Teil an das Unternehmen und ein Teil an unsere Mitarbeiter“, erläutert Appel.

Anderswo werden in den DHL-Lagerhäusern schon Roboter installiert und fahren Elektrotransporter vollautomatisch durch die Gänge. Für Appel ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch in der Zustellung von Paketen selbstfahrende Autos unterwegs sind: zunächst nicht für die langen Strecken, sondern um selbständig im Fußgängertempo hinter den Paketboten her zu rollen. Der Postchef glaubt, dass man sich in einigen Jahren auch daran gewöhnen muss, dass Zweierteams aus Robotern und Menschen Sofas und andere schwere Gegenstände zu den Kunden bringen. „Der Roboter schleppt die schweren Lasten, der Kollege Mensch dirigiert ihn und klingelt an der richtigen Haustür. Dafür sind die Roboter nicht schlau genug.“

Keine zehn Jahre, vermutet Appel, wird es dauern, bis solche Mensch-Roboter-Teams zum Straßenbild gehören werden. Dass mit Kuka eines der führenden Roboterunternehmen nun in chinesische Hand geraten ist, lässt ihn ziemlich kalt. „Da muss man viel entspannter sein. Die Chinesen wollen sicher die Technik weiterentwickeln und damit wie jeder Auslandsinvestor Geld verdienen. Dafür brauchen sie die Mitarbeiter in Deutschland.“

„Für die Mitarbeiter ist das eine Riesenchance“

Die Vollautomatisierung der Logistik hält Appel für eine Illusion. Aber an den Schnittstellen zwischen Mensch, Roboter und Computer werde es eine Menge Anwendungen geben, sagt er voraus. „Für die Mitarbeiter ist das eine Riesenchance. Die Digitalisierung befähigt sie zur Zusammenarbeit mit einem Roboter, einer Maschine oder einer Software. Damit bekommen sie vor allem eine Möglichkeit, die eigene Produktivität dramatisch zu erhöhen.“

Das sei eine ähnliche Entwicklung wie in der Automobilindustrie. „Dass die Mitarbeiter bei Daimler und BMW so viel mehr verdienen als die Beschäftigten in der Logistik, liegt ja auch daran, dass es dort dank Robotern und Maschinen seit langer Zeit eine deutlich höhere Produktivität gibt. Das muss auch unsere Ziel sein. Wir bauen die Serviceindustrie in eine Serviceindustrie 2.0. um, die wieder Verteilungsspielräume schafft“, sagt Appel.

Nach den harten Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres um die Gründung der neuen DHL-Regionalgesellschaften, in denen die Paketzusteller weniger verdienen als im Mutterkonzern, klingt es wie ein Versöhnungsangebot. Appel wirbt zudem mit einer direkten Beteiligung der gesamten Belegschaft an den Gewinnen des Konzerns. „Längerfristig können wir uns vorstellen, alle Mitarbeiter stärker am Erfolg des Unternehmens zu beteiligen: nicht mit einer Leistungsprämie, die einfach oben drauf kommt, sondern mit einer erfolgsabhängigen Einkommenskomponente. Das geht aber natürlich nur mit der Zustimmung unseres Sozialpartners“, sagt er.

E-Commerce-Boom schafft neue Stellen

Die Arbeitnehmerseite blickt skeptisch auf die digitalen Verheißungen. Ihre Datenbrillen testet die Post erst gar nicht in Deutschland. Denn die Brillen könnten auch zur Leistungskontrolle missbraucht werden, und deshalb müssten für ihren Einsatz hierzulande erst Betriebsvereinbarungen ausgehandelt werden. „Das ganze Thema ist für die Gewerkschaften eine Herausforderung, der sie sich stellen müssen. Sie müssen schnell werden und konstruktiv an die Sache herangehen. Wir können nicht länger als ein Jahr diskutieren, damit wir in Deutschland überhaupt einen Test machen dürfen“, sagte Appel.

Aber werden nicht erst einmal viele Arbeitsplätze verloren gehen, wenn die Produktivität steigt? „Natürlich werden auch Berufsbilder verschwinden und Arbeitsplätze verlorengehen. Und hier muss man die negativen Folgen für die Betroffenen mildern. Aber insgesamt steigt mit der Produktivität das Wirtschaftswachstum, und mit dem Wirtschaftswachstum kommen neue Arbeitsplätze.“ Dem verbreiteten Pessimismus hält Appel entgegen, dass es in Deutschland noch nie so viel Stellen gegeben habe wie heute, gerade weil Automatisierung und Computertechnik für höhere Produktivität und Wachstum gesorgt hätten.

Und Appel sieht noch einen anderen Vorteil für die Menschen. „Es waren immer die Arbeitsplätze mit den schlechtesten Bedingungen, nämlich die mit harter körperlicher und oft auch gefährlicher Arbeit, die durch den technischen Fortschritt weggefallen sind. Auch deshalb sind die Arbeitsbedingungen gerade für Menschen mit geringer Ausbildung heute dramatisch besser als vor 50 oder 25 Jahren.“ Viele der neuen Stellen könnten bei der Post entstehen, glaubt Appel. Vor allem der andauernde E-Commerce-Boom schafft neue Stellen. „Wenn wir produktiver werden, wird sich diese Entwicklung weiter beschleunigen.“ Appel kann sich gut vorstellen, dass bei der Post in einigen Jahren weitere 100.000 Beschäftigte hinzukommen.

Alle großen Baustellen im Griff

In den neunziger Jahren rückte Appel in den Vorstand. Die Globalisierung war die erste große Herausforderung, die Post hat sie mit Bravour gemeistert. „Durch die Digitalisierung kommen wir in eine neue spannende Phase“, sagt Appel – und die würde er gern mitgestalten. In wenigen Wochen entscheidet der Aufsichtsrat über die Verlängerung seines im Oktober 2017 auslaufenden Vertrages. Wenn nicht alles täuscht, ist die Sache längst gelaufen.

Der Vorstandschef beschränkt sich auf die üblichen Floskeln: „Die Arbeit macht mir Spaß. Alles Weitere ist Sache des Aufsichtsrates.“ Die großen Baustellen hat Appel inzwischen im Griff. Auch in der Luft- und Seefracht, die durch die missglückte Einführung eines neuen IT-Systems zurückgeworfen worden war, läuft es wieder rund. So hat der Vorstandschef wieder mehr Zeit, sich um einige spannende Zukunftsthemen zu kümmern. Dazu gehört vor allem der Streetscooter. Der von der Post zusammen mit einem vor zwei Jahren übernommenen Start-up entwickelte Elektrotransporter soll in den kommenden Jahren die herkömmlichen Paketfahrzeuge ersetzen.

Aber wie es aussieht, wird das Werk in Aachen wohl bald auch für andere Interessenten produzieren. „Ich würde nicht mehr ausschließen, dass wir den Streetscooter an Dritte verkaufen“, sagte Appel, der sich noch vor wenigen Monaten eher zurückhaltend geäußert hatte. „Wir haben ein Auto entwickelt, das sich für unsere Zwecke bereits rechnet. Jetzt stellt sich die Frage, ob das auch für Dritte attraktiv ist“, überlegt er jetzt öffentlich.

„Nicht angetreten, um den Automarkt aufzurollen“

Ob die Entscheidung noch dieses Jahr fällt, wie der direkt zuständige Vorstand Jürgen Gerdes angekündigt hatte, ließ Appel offen. Es seien noch einige wichtige Fragen zu klären. „Auf jeden Fall würden wir eine vernünftige Serviceinfrastruktur mit einem Netz von Werkstätten benötigen. Es geht auch darum, ob die Kapazitäten reichen, um über unseren großen Eigenbedarf hinaus Fahrzeuge zu bauen.“

Andererseits: Die Bedingungen für einen Einstieg in diesen Markt könnten besser nicht sein. Immer mehr Städte erwägen, wegen der steigenden Feinstaub- und Stickoxidbelastung, Dieselfahrzeuge aus den Innenstädten zu verbannen. „Wir haben uns rechtzeitig auf diese Entwicklung vorbereitet. Sie war der Treiber für die Übernahme von Streetscooter“, sagt Appel. Zwei Modelle hat die Post schon im Angebot, eine dritte Variante mit noch größerem Ladevolumen kommt in wenigen Monaten.

Eine elektrobetriebenes Modell war auf der Nutzfahrzeugmesse zu sehen. „Die Post ist nicht angetreten, um den Automarkt aufzurollen“, stellte Appel klar. „Wir sind angetreten, um unsere Dienstleistungen wettbewerbsfähiger zu machen, und dafür brauchen wir emissionsfreie Fahrzeuge. Aber Alternativen aus der Autoindustrie kann ich bisher nicht erkennen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bünder, Helmut (bü.)
Helmut Bünder
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
Autorenporträt / Knop, Carsten
Carsten Knop
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