Banken

Deutsche Banken verlieren den Anschluß in Europa

17.11.2003
, 14:34
Deutsche Bank und Dresdner melden bessere Zahlen für das dritte Quartal. Doch sie sind noch nicht aus dem Gröbsten heraus. Der Abstand zur europäischen Konkurrenz droht uneinholbar groß zu werden.
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Den deutschen Banken geht es besser, aber sie sind noch nicht aus dem Gröbsten heraus. Denn der Abstand zur europäischen Konkurrenz droht uneinholbar groß zu werden. Im dritten Quartal konnten die deutschen Kreditinstitute immerhin den Aufwärtstrend bestätigen, der sich im Frühjahr angekündigt hatte.

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Die Dresdner Bank mußte am Freitag zwar im operativen Geschäft nach Risikovorsorge einen Verlust von 70 Millionen Euro einräumen. Aber in vielen Bereichen hat die Bank des Allianz-Konzerns spürbare Fortschritte erzielt. Vor allem der Verwaltungsaufwand konnte in den vergangenen zwölf Monaten spürbar - um eine Milliarde Euro - gesenkt werden.

Auch die Hypo-Vereinsbank vermeldete, daß im dritten Quartal das Ergebnis erstmals wieder ins Plus drehte. 196 Millionen Euro betrug das Ergebnis nach Steuern und Fremdanteilen. Allerdings wurde eine Ursache der Verluste ausgelagert: Der gerade erst an die Börse gebrachte Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate erlitt kurz nach seinem Kapitalmarktdebüt einen Quartalsverlust von 4 Millionen Euro nach Steuern.

Trotz guter Zahlen wächst der Abstand zu den Besten
Trotz guter Zahlen wächst der Abstand zu den Besten Bild: epd-bild

Anleger bleiben vorsichtig

Trotz der Sanierungserfolge der deutschen Großbanken in diesem Jahr bleiben viele Anleger vorsichtig. Dies schlägt sich in der niedrigen Börsenbewertung nieder, unter der die deutsche Finanzbranche nach wie vor leidet. Die Skepsis bekam auch die Deutsche Bank zu spüren, die zwar im dritten Quartal zum zweiten Mal in Folge einen Gewinn - und zwar vordergründig beachtliche 755 Millionen Euro vor Steuern - ausweisen konnte. Aber er blieb deutlich unter dem Ergebnis des Sommerquartals von 1,1 Milliarden Euro.

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Zuwenig gesichert scheinen den Anlegern die erzielten Fortschritte. Viele Quartalsabschlüsse sind stark von Beteiligungsverkäufen geprägt: Industriebesitz und viele Geschäftsbereiche wurden abgestoßen. Das bringt zwar Einnahmen, macht es aber notwendiger denn je, neue Erlösquellen aufzutun. Vor allem beunruhigt, daß der Ertragszuwachs der deutschen Banken vom Börsenglück getrieben war.

Dies birgt das Risiko, daß der Aufwärtstrend genauso schnell kippen könnte, wie er den Banken geholfen hatte. Die Deutsche Bank verdiente im dritten Quartal im Wertpapierhandel 940 Millionen Euro. Das sind fast 40 Prozent weniger als drei Monate zuvor, weil die Bank offenbar den scharfen Renditeanstieg an den Rentenmärkten nicht in diesem Maße vorhergesehen hatte.

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Husarenstück der Commerzbank

Konsequent hat die Commerzbank die günstige Lage am Aktienmarkt für ein Husarenstück sondergleichen genutzt. Diese Woche kehrte sie 2,3 Milliarden Euro aus der Bilanz und plazierte sogleich eine dadurch notwendig gewordene Kapitalerhöhung von 760 Millionen Euro. Nur unter derart schweren Opfern konnte Commerzbank-Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller die Fehler bewältigen, die in der Ära seines Vorgängers Martin Kohlhaussen begangen wurden.

Positiv ist immerhin: Vor einem Jahr noch hätte die Commerzbank kaum die Substanz gehabt, um eine solche Transaktion zu verkraften. Damals noch wurden Spielräume bei der Bilanzierung eher genutzt, um Wertansätze etwas höher als zu niedrig anzusetzen.

Banken stabiler als erwartet

Die deutsche Bankbranche hat sich stabiler erwiesen, als es nach dem dritten Quartal des Vorjahres den Anschein hatte. Damals erschütterten aus London kommende Gerüchte über eine drohende Schieflage die Commerzbank so sehr, daß sie tatsächlich an den Rand des Abgrunds gestoßen wurde. Wenige Monate später wurden unter dem Stichwort "Bad Bank" Überlegungen bekannt, die Bundesregierung bei der Bewältigung der immensen Kreditlast mit in die Haftung zu nehmen. Die Sanierungsbemühungen zielten vor allem auf eine Reduzierung der Kosten: Der Verwaltungsaufwand wurde meist über einen massiven Personalabbau gesenkt, die Risikokosten für Wertpapiergeschäfte und Kredite gedrückt. Die Deutsche Bank senkte die Risikovorsorge von 753 Millionen Euro Ende September 2002 auf nun 174 Millionen Euro.

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Dynamische Konkurrenz

Während die deutsche Geldbranche damit beschäftigt ist, noch ihre Bilanzen aufzuräumen, zeigen viele europäische Großbanken eine zum Teil beeindruckende Dynamik: So konnte die UBS das beste Quartal seit Jahren ankündigen. Einen Gewinn von umgerechnet 1 Milliarde Euro - 78 Prozent mehr als vor einem Jahr - wies sie aus. Die Eigenkapitalrendite beträgt wieder 19,5 Prozent, während sich die Deutsche Bank mit 8,1 Prozent begnügen muß.

In Frankreich entwickelte sich die BNP Paribas ähnlich stark wie die UBS: Um 69 Prozent auf 970 Millionen Euro wuchs per Ende September der Nettogewinn. Konkurrent Société Générale schaffte es, den Nettogewinn auf 670 Millionen Euro mehr als zu vervierfachen und die Eigenkapitalrendite auf relativ komfortable 17,3 Prozent anzuheben. Auch ihr half der Börsentrend: Im Wertpapiergeschäft vervierfachte sich der Ertrag auf 281 Millionen Euro.

Obwohl bei der spanischen Santander Central Hispano der Zinsüberschuß zuletzt rückläufig war, stieg der Ertrag um 12 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Die Bank profitierte vor allem von hohen Erträgen aus dem Privatkundengeschäft in Europa. Die britischen Banken Lloyds TSB, HSBC und HBOS haben zwar noch nicht ihre Quartalszahlen veröffentlicht, doch schon nach dem ersten Halbjahr präsentierten sie sich unerhört stark.

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Kostensenkungen statt Ertragssteigerungen

Die europäische Konkurrenz hat die Schwäche der deutschen Banken somit genutzt, um sich deutlich abzusetzen. Gestützt von einer kräftigen Expansion in ihrem jeweiligen heimischen Privatkundengeschäft, können die Banken in Großbritannien, Frankreich oder Spanien wieder nach vorne blicken. In den Niederlanden tritt auch die ING-Gruppe sehr aggressiv auf. Dabei profitieren die Banken von einer hohen Marktkonzentration auf ihrem Heimatmarkt. In ihrem Privatkundengeschäft waren die deutschen Großbanken bisher von der starken Präsenz der Volksbanken und Sparkassen gebremst.

Bislang haben die deutschen Banken vor allem die Kosten gesenkt. Nun gilt es, Strategien zu formulieren, die auch neue Ertragsquellen erschließen. Ansonsten könnte sich der Vorsprung der europäischen Konkurrenz für viele als uneinholbar groß erweisen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.2003, Nr. 267 / Seite 14 , hlr.
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