Banken und Berater

Champagner-Laune in der City

Von Bettina Schulz, London
11.11.2005
, 08:03
Manche können ihr Glück kaum fassen. Im Londoner Edelclub Aviva amüsierte sich jüngst ein Hedge-Fonds-Manager über den „absurd hohen“ Bonus, der ihm gerade zugesprochen worden war. Er orderte Champagner, natürlich nicht nur für sich und seine Freunde. Die Stimmung in der Londoner City hellt sich wieder auf.

Die ersten Banker in der Londoner City lassen jetzt schon ihre Champagnerkorken knallen. Bald ist das Geschäftsjahr der Investmentbanken und Hedge-Fonds zu Ende, und schon frohlocken die Banker in der Londoner Finanzmetropole darüber, daß die Bonus-Zahlungen dieses Jahr deutlich höher ausfallen werden als in den vergangenen drei Jahren. Es ist ein Milliardenbetrag, der den Finanzspezialisten in der City von ihren Arbeitgebern auf ihre Konten überwiesen wird, und Spitzenkräfte können durchaus mit Bonus-Zahlungen in Millionenhöhe rechnen.

Manche können ihr Glück kaum fassen. Im Londoner Edelclub Aviva amüsierte sich jüngst ein Hedge-Fonds-Manager über den "absurd hohen" Bonus, der ihm gerade - offenbar in mehrfacher Millionenhöhe - zugesprochen worden war. Er orderte Champagner, natürlich nicht nur für sich und seine Freunde, sondern gleich für den ganzen Club für den ganzen Abend und besonders für die Schauspielerin Jasmine Lennard am Nebentisch. Die ließ sich von den Christal-Magna zwar nicht beeindrucken, aber die Rechnung summierte sich am Ende des Abends schließlich auf 36.000 Pfund. Aber der Hedge-Fonds-Manager war Gentleman, und so erhielt die liebe, junge Studentin, die in dem Club gerade mal als Bedienung aushalf, das in London üblich gezahlte Trinkgeld von 10 Prozent: also gut 3000 Pfund. Danach konnte auch sie ihr Glück kaum fassen.

Die Übernahmewelle rollt wieder

Immerhin verhielt sich dieser Banker höflich und besprühte den Club nicht auch noch mit Champagner, wie dies ein anderer Banker im Movida Club nach einem Trinkgelage in London kürzlich tat. Dem Randalierer wurde später auch noch die Rechnung mit den Renovierungskosten von 15.000 Pfund präsentiert. Man merkt: Die Stimmung in der Londoner City hellt sich wieder auf. Die drei letzten Jahre nach dem Platzen der sogenannten "dot.com"-Blase sind passe. In der tristen Zeit klammerten sich die Banker ängstlich an ihren Stühlen fest, weil in den Chefetagen der Rotstift an den Personal- und Gehaltslisten angesetzt wurde.

Jetzt wird dagegen wieder eingestellt, und zwar zügig, denn die Übernahmewelle rollt wieder. Weltweit lagen die Übernahmen Ende September nach Angaben der Analysegesellschaft Dealogic dem Volumen nach um 43 Prozent über dem Vorjahreswert. Vor allem in Europa hat die Übernahmetätigkeit in diesem Jahr so an Fahrt gewonnen, daß im dritten Quartal die europäischen Übernahmetransaktionen mit 317,2 Milliarden Dollar im internationalen Vergleich sogar über den amerikanischen Transaktionen lagen. Insgesamt lagen die Übernahmen in Europa in den drei ersten Quartalen, nach dem Volumen der Transaktionen berechnet, um 62 Prozent und die Private-Equity-Transaktionen der Beteiligungsgesellschaften um 50 Prozent über dem Vorjahreswert.

Berater kassieren 4,7 Milliarden Dollar

Der Grund für die Explosion des Geschäftes ist, daß die weltweit niedrigen Zinsen die globalen Eigenkapitalkosten auf den niedrigsten Stand seit 25 Jahren gedrückt haben, die Refinanzierung für die Unternehmen also billig ist, gleichzeitig aber die Eigenkapitalrendite - zum Beispiel am britischen Markt - fast wieder so hoch liegt wie 1997. Auch die Differenz zwischen den niedrigen Renditen am Markt für Unternehmensanleihen von 5 Prozent und der derzeit üblichen Eigenkapitalrendite der Unternehmen von 18,5 Prozent war noch nie so hoch wie jetzt. Morgan Stanley betont, daß diese Konstellation die Unternehmensübernahmen anfeuere. Die günstigen Finanzierungskosten gäben den Unternehmen die Chance, mit Übernahmen wesentlich schneller zu wachsen, als wenn sie dies über organisches Wachstum erreichen wollten.

All diese Unternehmenskäufer und auch die Übernahmeobjekte müssen beraten und mit Finanzierungen begleitet werden. Dabei waren in diesem Jahr in den Banken vor allem Mitarbeiter gefragt, die komplexe Finanzprodukte, strukturierte Finanzierungen und neue derivative Produkte beherrschen und einsetzen können. Das bringt den Banken Geld. Nach Angabe von Dealogic kassierten die Banken in Europa für ihre Beratungstätigkeit 18 Prozent mehr als im Jahr zuvor, nämlich 4,7 Milliarden Dollar. Ein großer Teil dieser Einnahmen wird als Bonusvergütungen wieder an die Mitarbeiter ausgezahlt, und so können sich vor allem die Banker der Institute freuen, die in diesem Jahr die höchsten Beratungserträge einkassierten: Goldman Sachs, Morgan Stanley, Citigroup, JP Morgan, UBS, CSFB, Merrill Lynch und Deutsche Bank.

30 Prozent mehr Boni?

Die meisten dieser Banken haben für das dritte Quartal bereits hohe Gewinnsteigerungen verkündet. In der Londoner City wird kolportiert, mitunter würden die Boni für dieses Jahr um bis zu 30 Prozent höher ausfallen als vergangenes Jahr, meist aber wohl eher um 10 bis 20 Prozent. Mitverdienen werden in London nun gleich auch die Steuerberater, Rechtsanwälte und neben all den teuren Boutiquen, Edelrestaurants und Porsche-, Lamborghini- und Maserati-Vertretungen vor allem die Immobilienmakler.

Sie gehen davon aus, daß das Geschäft angesichts des Geldsegens in der Londoner City nach der Jahreswende wieder anziehen wird. Nach der Flaute im Markt, die die fünf Zinserhöhungen der Bank von England und die etwas mageren Jahre in der City auslösten, ist der Anfang des Jahres befürchtete Einbruch der Immobilienpreise ausgeblieben. Die Preise steigen wieder.

Nach Angaben des Land Registry wurden im dritten Quartal mehr als 600 Häuser für einen Wert von mehr als 1 Million Pfund verkauft. Schon jetzt berichten die Makler in den Innenstadtvierteln Notting Hill, Chelsea und Kensington, daß die Nachfrage nach den "typischen", von Bankern bewohnten Immobilien zwischen 1 und 2 Millionen Pfund deutlich steige. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Selbst für diesen Preis bekommt man in der Innenstadt von London meist nicht mehr als ein nett renoviertes Reihenhaus mit einigen Quadratmeter "Garten".

Quelle: F.A.Z., 11.11.2005, Nr. 263 / Seite 23
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