FAZ plus ArtikelWeltgrößter Schokoladenkonzern

„Wir wollen die Kinderarbeit ausmerzen“

Von Johannes Ritter, Zürich
24.12.2020
, 09:39
Antoine de Saint-Affrique führt mit Barry Callebaut aus Zürich den weltgrößten Schokoladenkonzern. Er erklärt, warum es so schwierig ist, die Missstände im Kakaoanbau zu beseitigen, und was er vom Lieferkettengesetz hält.

Herr de Saint-Affrique, in Ihrem gerade veröffentlichten Nachhaltigkeitsbericht steht, dass es im abgelaufenen Geschäftsjahr 2019/20 in Ihrer Lieferkette 23.000 Fälle von Kinderarbeit gab. Das sind 500 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wie erklären Sie dieses Desaster?

Zunächst einmal: Diese Kinder arbeiten auf der Farm ihrer Eltern. Für den Anstieg gibt es im Wesentlichen zwei Gründe. Die Kriterien dafür, was unter schwerer Kinderarbeit zu verstehen ist, wurden verändert. In Ghana gilt neu als Kinderarbeit, wenn ein Kind mit einer Machete Gras schneidet. Zudem ermitteln wir von immer mehr Farmen die genauen Arbeitsverhältnisse. So kommen auch mehr Fälle ans Licht. Aber nur so können wir Abhilfe schaffen.

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Antoine de Saint-Affrique – der Schoko-Riese

In jeder vierten Schokolade, die rund um den Globus verkauft wird, steckt die Arbeit von Barry Callebaut. Das Schweizer Unternehmen ist mit einem Umsatz von umgerechnet 6,4 Milliarden Euro und mehr als 12 000 Mitarbeitern der größte Schokoladenhersteller der Welt. Das weiß nur kaum jemand, weil Barry Callebaut nicht mit eigenen Marken im Einzelhandel vertreten ist, sondern seine Kakao- und Schokoladenprodukte an Anbieter wie Nestlé, Mondelez, Ferrero, Unilever und Hershey’s liefert. Antoine de Saint-Affrique steht seit Oktober 2015 an der Spitze des Unternehmens. Davor arbeitete der 55 Jahre alte Franzose viele Jahre für den Konsumgüterriesen Unilever. Schon kurz nach seinem Wechsel nach Zürich legte er ein umfassendes Nachhaltigkeitsprogramm auf. Darin steht, dass Barry Callebaut seine Kakaobohnen und alle anderen benötigten Roherzeugnisse bis zum Jahr 2025 zu 100 Prozent aus nachhaltigem Anbau beziehen will. Dazu muss die schwere Kinderarbeit aus der eigenen Lieferkette verschwinden, die in den Hauptanbauländern Ghana und der Elfenbeinküste grassiert. Im Geschäftsjahr 2019/20 kamen 47 Prozent der bezogenen Roherzeugnisse aus nachhaltigen Quellen. Darin rechnet das Unternehmen auch die Kakaobohnen ein, die von Dritten wie Fairtrade, Rainforest Alliance und UTZ zertifiziert wurden. Extern zertifizierter Kakao ist nach Einschätzung von Fachleuten aber nicht zwangsläufig frei von Kinderarbeit. „Beim momentanen Kakaopreis würden weder Fairtrade noch die Rainforest Alliance von sich behaupten, dass der von ihnen zertifizierte Kakao nachhaltig ist“, sagt Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene. Der Kakao-Fachmann lobt Barry Callebaut dafür, dass der Konzern in seinem Nachhaltigkeitsbericht offen einräumt, wie groß das Problem der arbeitenden Kinder im Kakaosektor noch ist. Aber die Schweizer müssten aus seiner Sicht noch mehr dagegen tun. Statt weiterhin von Pilotprojekten zur Erhöhung der Einkommen der Kakaobauern zu sprechen, sollte endlich von flächendeckenden Programmen die Rede sein, moniert Hütz-Adams. Die 40 000 Familien, die Barry Callebaut nach eigenen Angaben bezüglich Kinderarbeit in Westafrika überwacht, deckten nur einen kleinen Teil der Lieferkette ab. rit.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ritter, Johannes
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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