BCG-Studie

Das verschenkte Potential der Frauen

Von Carsten Knop
18.12.2015
, 16:05
Frauen in Führungspositionen sind selten, dabei wären sie ein Gewinn für die Wirtschaft.
Noch immer sind weibliche Führungskräfte selten, da viele Frauen in eine „lebenslange Babypause“ gehen. Dabei ginge es der Wirtschaft mit mehr Frauen besser.

Die Luft für Frauen in Führungsetagen ist trotz aller Fördermaßnahmen und besserer Bildungsabschlüsse nach wie vor dünn. Zwar stieg der Anteil weiblicher Hochschulabsolventen von 1994 bis 2014 signifikant an - sie machen mittlerweile rund 51 Prozent der Hochschulabsolventen aus. Der Anteil der Frauen in Führungspositionen nimmt aber kaum zu. Das ergibt sich aus einer aktuelle Studie der Boston Consulting Group (BCG).

„Die Wertschöpfung könnte um bis zu 8 Prozent steigen, wenn die Potentiale der Frauen auf dem Arbeitsmarkt aktiviert würden. Auch die Arbeitskräftelücke könnte um 35 Prozent verringert werden“, lässt sich auf der Basis dieser Ergebnisse Rocío Lorenzo, Partnerin bei BCG und Autorin der Studie, zitieren. Diese Chancen aber würden bisher nicht ausreichend genutzt.

Das Thema Frauenförderung sei zwar in aller Munde; faktisch habe Deutschland in den vergangenen Jahren jedoch kaum Fortschritte gemacht. Noch immer liege die Frauenquote in Führung hierzulande deutlich unter der Frauenquote bei den Akademikern mit Berufserfahrung, also den potentiellen Führungskräften. Bis 2001 war noch das Gegenteil zu beobachten, wie die BCG-Analyse ergibt. Ein wesentlicher Faktor für die Karriereverläufe sind Kinder: Frauen ohne Kinder schaffen es dreimal häufiger in die Topmanagementpositionen. Frauen übernehmen in Deutschland nach wie vor mehrheitlich die Familienarbeit und sind deutlich häufiger in Teilzeit beschäftigt – ohne jemals wieder in die Vollzeitbeschäftigung einzusteigen. Daran ändern auch flexible Arbeitszeitmodelle nichts.

Eine „lebenslange Babypause“

In allen Branchen sind Frauen in Führungspositionen deshalb deutlich unterrepräsentiert – selbst bei Berücksichtigung des Frauenanteils der jeweiligen Branche. Wenn Frauen führen, kommen sie meist nicht über das mittlere Management hinaus, zeigt die BCG-Analyse. „Hätten Frauen die gleichen Aufstiegschancen wie Männer, müssten sie um 40 Prozent mehr im Spitzenmanagement vertreten sein“, sagt Lorenzo. Das gilt sowohl für die Privatwirtschaft als auch für den öffentlichen Sektor. Selbst in weiblich dominierten Branchen wie Gesundheit, Erziehung und Unterricht (76 Prozent Frauenanteil) ist weniger als die Hälfte der Positionen im Spitzenmanagement von Frauen besetzt (46 Prozent). Besonders gering ist der Anteil von weiblichen Topführungskräften in der Finanzbranche. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten sind Frauen (55 Prozent), aber nur ein Viertel der mittleren Führungsetage ist weiblich besetzt (27 Prozent). An der absoluten Spitze der Finanzbranche finden sich nur 11 Prozent.

Vor allem in der karriererelevanten Altersphase zwischen 30 und 40 Jahren steigt der Anteil von Frauen in Teilzeit erheblich an und endet, so die Formulierung von BCG, in einer „lebenslangen Babypause“ für Frauen. Die wenigsten Frauen kehren in die Vollzeit zurück. „Das gilt es zu ändern, denn die Förderung von Frauen zahlt sich aus: Mehr Vielfalt in Unternehmen ist Triebkraft für Innovation und trägt zu Steigerung der Bruttowertschöpfung bei“, sagt Lorenzo. Eine Steigerung des Frauenanteils an Führungspositionen und erhöhte Partizipation von Frauen am Arbeitsmarkt würden sich nicht nur für die Unternehmen positiv auswirken. Auch gesamtwirtschaftlich könnte Deutschland profitieren. Die weiblichen Arbeitskräfte könnten zusätzlich rund 200 Milliarden Euro zur Wertschöpfung beitragen, sind die Berater von BCG überzeugt.

„Dabei sind Frauen in der Wirtschaft Innovations- und Wachstumstreiber der Zukunft“, ist Lorenzo überzeugt: „Unternehmen sollten rasch handeln und diese Chance nutzen.“ Entscheidend sei eine offene Kultur, die alle Mitarbeiter einschließe, durch konsequentes und glaubwürdiges Vorleben im Topmanagement gefestigt werde und in der Fortschritte gemessen und transparent gemacht würden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Knop, Carsten
Carsten Knop
Herausgeber.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot