Bozoma Saint John

Die Apple-Rapperin

Von Roland Lindner
29.06.2016
, 19:56
Bozoma Saint John
Apple hat einen neuen Star: Die Marketing-Verantwortliche Bozoma Saint John. Sie bietet ein Kontrastprogramm zum Rest des Managements – auf der letzten Entwicklerkonferenz bekam sie tosenden Applaus.
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Der amerikanische Elektronikkonzern Apple rühmt sich seines Sinnes für guten Geschmack. Bei der Vorstellung neuer Produkte zeigt das Unternehmen oft Videos, in denen Designchef Jonathan Ive die Geräte mit viel Pathos als ästhetische Wunderwerke anpreist. Nur die Apple-Vertreter auf der Bühne passen üblicherweise nicht so ganz zu diesem Selbstverständnis.

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Dort referieren meist Vorstandsvorsitzender Tim Cook und andere Mitglieder des Managements, fast allesamt Männer mittleren Alters mit weißer Hautfarbe und biederem Kleidungsstil. Es ist die Reflexion eines Mangels an Vielfalt, der nicht nur bei Apple, sondern auch bei vielen anderen Technologieunternehmen herrscht.

Aber dann tauchte vor ein paar Wochen auf einmal Bozoma Saint John auf der Bildfläche auf, die Marketingchefin für die Musikdienste Apple Music und iTunes. Auf der Entwicklerkonferenz von Apple in San Francisco kam Saint John auf die Bühne, um neue Funktionen von Apple Music vorzustellen, und allein ihr Erscheinungsbild war ein Kontrastprogramm.

Vor dem Publikum stand eine großgewachsene Afro-Amerikanerin mit imposanter Haarpracht, riesigen Ohrringen und einem figurbetonten Kleid, das ein krasser Gegensatz zu den heraushängenden Hemden war, mit denen sich ihre männlichen Kollegen oft zeigen. Und dann legte „Boz“, wie Saint John genannt wird, einen Auftritt hin, wie es ihn auf der Veranstaltung wohl noch nie gegeben hat.

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Tosender Applaus

Um zu demonstrieren, dass Apple Music nun auch Liedtexte anzeigt, spielte sie den Klassiker „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang an und versuchte, ihre Zuhörer zum Mitmachen zu animieren. „Wir werden das gesamte Auditorium zum Rocken bringen“, sagte Saint John, wippte selbst im Takt mit und rief „One, Two, Three - Let’s Go“ und „Come on, y’all“ ins Publikum.

Die versammelten Technologiejünger schienen erst nicht recht zu wissen, wie ihnen geschieht. Manche von ihnen klatschten aber zögerlich mit, bevor sie von Saint John unterbrochen wurden. „Wir hören damit auf, weil ihr nicht im Takt mitrappt“, sagte sie frech. Je länger sie auf der Bühne stand, umso mehr schien sie das Publikum zu begeistern. Und am Ende ihrer Präsentation spielte sie einen Titel aus ihrem Heimatland Ghana und tanzte unter tosendem Applaus von der Bühne.

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Der Auftritt hinterließ Eindruck. Nutzer von Twitter und anderen sozialen Netzwerken zeigten sich hingerissen von „Boz“. Das Online-Portal „Buzzfeed“ nannte die 39 Jahre alte Mutter einer sechs Jahre alten Tochter „die coolste Person, die jemals bei einer Apple-Veranstaltung auf die Bühne gekommen ist“. Ein Star war geboren.

Schon vorher einen Namen gemacht

Zu Apple kam Saint John vor knapp zwei Jahren über die Akquisition von Beats Electronics. Beats ist für hochpreisige Kopfhörer bekannt, hatte aber auch einen Online-Musikdienst, der zu einem Vorläufer von Apple Music wurde. Von Beats war Saint John erst drei Monate vor dem Verkauf an Apple angeheuert worden.

Davor war sie viele Jahre beim Getränkekonzern Pepsico im Marketing und hat sich dabei einen Namen damit gemacht, Künstler mit Marken zusammenzubringen. So hat sie bei Pepsico mit Musikern wie Kanye West, Eminem und Nicki Minaj Verträge geschlossen, und sie soll dabei geholfen haben, Beyoncé im Jahr 2013 für die Halbzeitshow des Football-Spektakels „Super Bowl“ zu rekrutieren. Vor Pepsi hat Saint John eine Zeitlang für Spike DDB gearbeitet, die Werbeagentur des Regisseurs Spike Lee.

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Obwohl sie erst mit ihrem Auftritt bei der Apple-Entwicklerkonferenz einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, hat sich Saint John auch schon bei ihren vorherigen Arbeitgebern einen Namen gemacht. Die Musikzeitschrift „Billboard“ nahm sie vor einen Jahren in eine Liste der wichtigsten Frauen im Musikgeschäft auf.

Beschlossen, sich nicht anpassen zu wollen

Saint John ist in Ghana geboren und kam im Alter von 14 Jahren mit ihren Eltern nach Amerika, wo sich die Familie im Bundesstaat Colorado niederließ. Sie studierte Englisch und Afro-amerikanische Studien an der Wesleyan University im Bundesstaat Connecticut, obwohl es ihren Eltern lieber gewesen wäre, sie wäre Ärztin oder Anwältin geworden.

Der Online-Publikation „XO Necole“, deren Zielgruppe afro-amerikanische Frauen sind, sagte Saint John einmal, ihr sei als frisch in Colorado angekommener Teenager immer wieder vor Augen gehalten worden, wie sehr sie sich von den meisten anderen unterscheidet: „Zu groß, zu dünn, zu schwarz, zu alles.“ Umso mehr habe sie beschlossen, sich nicht anpassen zu wollen, nur um anderen zu gefallen. „Die Leute werden einem immer sagen, man sollte etwas anderes sein. Also feiert man nicht einfach das, was man hat?“

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Lindner, Roland
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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