FAZ plus ArtikelChaos und kein Ende

Nur Fliegen ist blöder

Von Dyrk Scherff
03.07.2022
, 10:12
Allein die Lufthansa hat 4000 Flüge gestrichen.
Flugstreichungen, endlose Warteschlangen, Koffer weg – der Ärger mit dem Fliegen ist derzeit groß. Verbesserungen sind nicht in Sicht. Eine Empörung.
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Eigentlich hatte man doch alles richtig gemacht. Schon im Frühjahr den Flug gebucht, als die Ticketpreise noch nicht nach oben geschossen waren. Frühzeitig Mietwagen und Hotel organisiert, alles war fertig geplant. Endlich wieder Urlaub am Mittelmeer, nach zwei Jahren Corona-Abstinenz. Doch jetzt wurde der Flug einfach zwei Wochen vorher gestrichen, und der Alternativflug passt nicht, weil er einen Tag später startet. So geht die Planung von vorne los, und teurer wird es auch noch.

Da ist es wenig tröstlich, dass es Zehntausende andere auch nur auf den ersten Blick besser getroffen haben. Ihr Flug wurde nicht gestrichen, sie gehen voller Vorfreude zum Flughafen – und müssen feststellen, dass sie auch nicht fliegen können. Weil die Schlangen am Check-in und vor der Sicherheitskontrolle so lang sind, dass sie gar nicht rechtzeitig zu ihrem Flugzeug gelangen und es ohne sie fliegt. Obwohl sie sicherheitshalber viele Stunden vorher im Terminal waren. An den Flughäfen in Nordrhein-Westfalen, also vor allem Düsseldorf und Köln/Bonn, war das jüngst besonders schlimm, denn dort war Ferienbeginn. In der Landeshauptstadt fiel zusätzlich noch die Gepäckförderanlage wegen eines Computerfehlers aus und verschärfte das Chaos. Es ist zu befürchten, dass es an den anderen Flughäfen nicht besser sein wird, wenn dort die Urlauber aufbrechen. Und wer es doch geschafft hat mitzukommen, wartet nach der Landung manchmal zwei Stunden auf seinen Koffer.

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Kein Flug – wie wird entschädigt?

Flug gestrichen. Derzeit streichen viele Fluggesellschaften Flüge. Passiert das 15 Tage oder länger vor Abflug, haben die Passagiere das Recht auf Rückzahlung des Flugpreises oder Umbuchung auf einen anderen Flug der gleichen Airline ohne Mehrkosten in der gleichen Klasse (nicht: Business statt Economy). Ist der neue Flug billiger als der alte, gibt es aber keine Erstattung der Differenz. Bucht der Kunde bei einer anderen Airline und kostet das mehr, muss er die Mehrkosten selbst tragen. Ab 14 Tage vorher oder kürzer gibt es zusätzlich eine Entschädigung abhängig von der Länge der Strecke. Bis 1500 Kilometer gibt es 250 Euro, bis 3500 Kilometer und auf allen innereuropäischen Strecken 400 Euro, darüber – also auf Langstrecken – 600 Euro. Die Mehrkosten für eine neue Buchung, auch bei der Konkurrenz, müssen übernommen werden. Das gilt auch für Schäden durch die spätere Beförderung, etwa Hotelkosten.

Flug wegen Andrang verpasst. Manchmal sind die Warteschlangen so lang, dass die Passagiere nicht rechtzeitig über Check-in und Sicherheitskontrolle zu ihrem Flugzeug kommen. Es fliegt ohne sie. Passagiere müssen dann kostenlos auf den nächsten Flug des gleichen Ziels umgebucht werden, auch wenn dann eine andere Fluglinie fliegt, es sei denn, kurz danach startet eine weitere Maschine der Ursprungsgesellschaft. Ist die Economyklasse ausgebucht, muss auch ein Businesssitz angeboten werden. Ist hingegen die Businessklasse ausgebucht, kann man auch einen Economysitz akzeptieren und sich die Preisdifferenz auszahlen lassen. Allerdings gibt es regelmäßig Streit darüber, wie sich diese Differenz errechnet.

Der Kunde kann sich auch sein Ticket auszahlen lassen. Bucht er dann bei der Konkurrenz, trägt die ursprüngliche Fluglinie die Mehrkosten. Hinzu kommt die entfernungsabhängige Entschädigung von 250 bis 600 Euro, wenn der Passagier drei Stunden später oder mehr am Ziel ankommt. Er hat dann auch einen Anspruch auf Verpflegung. Ein Gutschein muss für ein Getränk und ein einfaches Essen reichen.

Damit der Kunde die Rechte in Anspruch nehmen kann, muss er allerdings seine Pflichten erfüllen. „Dazu gehört, spätestens 45 Minuten vor Abflug am Flughafen zu sein, es sei denn, die Fluglinie gibt längere Zeiten schriftlich vor, etwa in der Buchungsbestätigung“, sagt Ronald Schmid, Professor für Luftverkehrsrecht und Anwalt. „Die allgemeine Empfehlung, besser früher zu kommen, reicht nicht.“ Das rechtzeitige Erscheinen muss der Passagier beweisen können. Zeugen können Mitreisende sein oder andere Passagiere, deren Namen und Adresse man sich notieren sollte.

Der Kunde muss bei großem Andrang auch aktiv zum Schalter vorgehen, wenn er spät dran ist, und bei der Sicherheitskontrolle versuchen, die „Fast Lane“ zu benutzen. „Die Entschädigung zahlt die Fluglinie oder eventuell der Bund, wenn die Verspätung an den Sicherheitskontrollen entstand“, sagt Schmid.

Koffer nach Landung weg. Im aktuellen Chaos gehen auch immer mal wieder Koffer verloren – selten für immer, aber zumindest nach der Landung liegt das eigene Gepäck nicht auf dem Rollband. Passagiere müssen das dann beim Lost-&-Found-Schalter in der Nähe der Gepäckbänder melden, sonst haben sie gar keine Rechte.

Der Koffer muss dann kostenlos ins Hotel oder nach Hause geliefert werden. Zudem dürfen die Betroffenen die wichtigsten Utensilien (Notbedarf) für ein bis zwei Tage auf Kosten der Fluglinie einkaufen, also zum Beispiel Waschzeug, Unterwäsche, ein Oberteil – nicht in Luxusausführung, sondern in durchschnittlicher Version. Wer nach der Landung eine wichtige Veranstaltung hat, darf sich auch einen Anzug oder ein Kostüm kaufen – wiederum in normaler Ausführung. Theoretisch könnten die Airlines diese Gegenstände nachher wieder zurückverlangen, tun das aber im seltensten Fall. Der Passagier muss dann zu den neuen Sachen nichts finanziell beisteuern.

Ist der Koffer endgültig weg, muss die Fluglinie ihn und den gesamten Inhalt ersetzen. Der Nachweis darüber ist allerdings schwer, Kaufbelege sind nötig und ein Zeuge, der bestätigen kann, dass eventuell auch ein teurer Laptop eingepackt wurde.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Scherff, Dyrk
Dyrk Scherff
Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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