Automobilbranche

Crashtest Chipmangel

Von Carsten Germis, Niklas Záboji
28.10.2021
, 18:46
Letztlich nur die Summe aller Teile: Volkswagen konnte bislang rund 800.000 Autos nicht bauen, weil begehrte Halbleiter fehlen.
Volkswagen verschiebt seine Entscheidung über Milliardeninvestitionen in den Dezember. Neben den Materialengpässen, die sich für die gesamte Branche bis 2022 hinziehen werden, muss man in Wolfsburg die Transformation zur Elektromobilität bewältigen.
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Die massiven Versorgungsprobleme mit Chips haben in der europäischen Automobilindustrie im dritten Quartal zu erheblichen Produktionsproblemen geführt. Volkswagen will nach dem heftigen Absatz- und Gewinnrückgang die Kosten kräftiger drücken und denkt nach den Worten von Konzernchef Herbert Diess sogar über einen weiteren Stellenabbau nach. Das Unternehmen verschiebt wegen der dramatischen Lage und Konflikten mit den bei Volkswagen traditionell starken Gewerkschaften sogar seine für den 12. November geplante Entscheidung über weitere Milliardeninvestitionen und die Belegung seiner Werke um einen Monat auf den 9. Dezember.

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„Wir müssen die Produktivität steigern, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagte Diess bei der Bekanntgabe der Quartalszahlen am Donnerstag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Die Versorgungsengpässe bei elektronischen Bauteilen hätten vor Augen geführt, dass der Konzern nicht widerstandsfähig genug gegen Auslastungsschwankungen sei, ergänzte VW-Finanzvorstand Arno Antlitz. „Das zeigt ganz klar, dass wir in allen Bereichen weiter entschlossen an unseren Kostenstrukturen und unserer Produktivität arbeiten müssen.“

Umsatzeinbruch bei Stellantis

Im Fall Volkswagen hat der Chipmangel die Renditeschwäche vor allem der Kernmarke VW deutlich zutage befördert. Auch dem Mutterkonzern von Opel, Stellantis, macht der Chipmangel zu schaffen, der die Produktion bremst. Bei Stellantis brach der Absatz von Autos im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 27 Prozent ein. Rund 600. 000 Autos hätten in dem Quartal allein wegen des Halbleitermangels nicht gebaut werden können, teilte das Unternehmen mit. Für das Gesamtjahr hält der Konzern dennoch an seinem Ziel einer Umsatzrendite von etwa 10 Prozent fest – unter der Voraussetzung, dass sich der Materialmangel nicht weiter verschlimmert und es trotz der steigenden Ansteckungszahlen keine weiteren Corona-Lockdowns in Europa gibt. „Der Trend ist positiv. Wir sehen eine Stabilisierung beim Angebot und eine Verbesserung der Produktion im Monatsvergleich“, sagte Stellantis-Finanzvorstad Richard Palmer.

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Für Volkswagen schlägt sich der Chipmangel vor allem bei den Volumenmarken wie VW, Skoda oder Seat nieder. Diese Marken erwirtschafteten im dritten Quartal allesamt operative Verluste. Die operative Rendite des Konzerns sank auf 4,9 Prozent – und das auch nur weil die Premium-Marken wie Porsche, Bentley und Audi trotz der Krise weiterhin gute Renditen erwirtschafteten. Vor allem wegen des Verkaufs margenstarker Premiumfahrzeuge legte der Umsatz von Volkswagen in den ersten Monaten im Jahresvergleich um 20 Prozent auf 186,6 Milliarden Euro zu. Das hat auch damit zu tun, dass die Versorgung der renditestarken Premiummarken wie Porsche oder Audi mit Chips im Konzern Priorität hatte. Volkswagen senkte seine Absatz- und Umsatzerwartungen für das laufende Jahr wegen der Versorgungsprobleme, bestätigte aber das Renditeziel von 6 bis 7,5 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum seien in den ersten neun Monaten etwa 800. 000 weniger Autos produziert worden, hieß es mit Blick auf den Chipmangel – die Auftragsbücher seien voll. Im dritten Quartal sank der Betriebsgewinn vor Sondereinflüssen um 12 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro.

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Transformationsprozess und Diess' Pläne

Vor allem das schwach ausgelastete Stammwerk in Wolfsburg steht bei VW jetzt im Fokus. Neben Materialengpässen, die sich nach Meinung von Experten bis ins nächste Jahr hinziehen dürften, muss der Standort die Transformation zur Elektromobilität bewältigen und seine im Vergleich zu Wettbewerbern geringere Produktivität erhöhen. „Wir müssen uns auf den Wettbewerb vorbereiten“, sagte Diess mit Blick auf Konkurrenten wie Tesla, aber auch Stellantis, die deutlich produktiver sind. Der VW-Chef drängt seit langem darauf, Wolfsburg effizienter aufzubauen. Er wies erneut darauf hin, dass der Wandel zur Elektromobilität auch weniger Beschäftigung zur Folge haben werde. Es gebe Einigkeit, dass das Stammwerk in Wolfsburg mit dem dort von 2026 an geplanten „Trinity“, mit dem VW bei der Elektromobilität und beim autonomen Fahren Maßstäbe setzen will, wettbewerbsfähig auch mit Tesla sein soll. Über konkrete Pläne werde in den nächsten Wochen entschieden – auch wegen des anhaltenden Konflikts mit den Betriebsräten über die notwendigen Maßnahmen hat VW seine Entscheidungen über die Investitionen für die Zukunft in den Dezember hinein verschoben.

Nach deutlicher Kritik aus dem Betriebsrat wird Volkswagen-Chef Herbert Diess doch an der Betriebsversammlung Anfang November in Wolfsburg teilnehmen.
Nach deutlicher Kritik aus dem Betriebsrat wird Volkswagen-Chef Herbert Diess doch an der Betriebsversammlung Anfang November in Wolfsburg teilnehmen. Bild: dpa

Diess’ massives Drängen auf mehr Effizienz hat die Konflikte zwischen dem VW-Chef und dem Betriebsrat in den letzten Wochen angeheizt, weil Wolfsburg als eines der wenigen VW-Werke – auch wegen der kritischen Haltung des früheren Betriebsrats-Chefs Bernd Osterloh zur Elektrostrategie von Diess – noch keinen Zuschlag zum Bau eines volumenfähigen Elektroautos hat, welches für genügend Auslastung sorgen könnte. Das Traditionswerk, dessen Grundstein vor mehr als 80 Jahren gelegt wurde, soll in den nächsten Jahren nach dem Willen beider Seiten aber fit für die Konkurrenz mit der brandneuen Fabrik von Tesla in Grünheide bei Berlin gemacht werden, die gerade im Rekordtempo hochgezogen wird.

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Dafür wurde das Projekt „Trinity“ für ein selbstfahrendes Auto entwickelt, mit dem VW auch die Automobilproduktion revolutionieren soll. Diess kritisiert dabei nach Insider-Informationen, dass die bislang vorliegenden Pläne des Managements für die Transformation nicht ausreichen, um wettbewerbsfähig zu werden. Beim Bau von Elektroautos werden zudem deutlich weniger Arbeitskräfte benötigt als bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Es werde deshalb „etwas Personalabbau“ geben, kündigte Diess in der Telefonkonferenz mit Journalisten an. Eine Größenordnung nannte er nicht. „Wir müssen uns auf eine neue Phase im Wettbewerb vorbereiten“, sagte er. „Dieser Wettbewerb wird hier in Wolfsburg ab 2026 Fuß fassen, wenn wir das Trinity-Projekt starten, also müssen wir die Fertigung in einigen Linien auf eine stark reduzierte Arbeitszeit vorbereiten. Wir müssen uns auf weniger Komplexität einstellen.“

Unruhe am Konzernsitz

In Wolfsburg geht seit einigen Monaten schon die Angst um. Die durch Produktionsunterbrechungen und Kurzarbeit ohnehin verunsicherte Belegschaft bangt um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze. Für zusätzliche Unruhe hatten zuletzt Aussagen von Diess gesorgt, der in Deutschland bis zu 30.000 Arbeitsplätze in Gefahr sieht, sollte der von ihm vorangetriebene Umbau von Volkswagen zu einem führenden Hersteller von E-Autos und softwarebasierten Diensten nicht gelingen. Als Diess dann auch noch seine Teilnahme an einer für nächste Woche geplanten Betriebsversammlung absagte, brach der Streit offen aus. Betriebsratschef Daniela Cavallo warf Diess fehlendes Gespür für die Situation der Belegschaft vor. Diess knickte in dem Konflikt am Ende ein und verschob eine für Anfang November geplante Reise zu Investoren in den Vereinigten, um an der Versammlung am 4. November teilzunehmen. „Ich freue mich auf den wichtigen Austausch mit Ihnen“, schrieb Diess jetzt im Mitarbeiterportal.

Der Machtkampf markiert nach Meinung von Konzernkennern den Anfang einer womöglich größeren Auseinandersetzung mit dem Betriebsrat. Diess kündigte einen gemeinsamen Plan an, eine gemeinsame „Vision 2030“, die in den nächsten Wochen erarbeitet werden soll. Auch deshalb werde die für den 12. November angesetzte Investitionsplanung für die kommenden fünf Jahre auf den 9. Dezember verschoben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Germis, Carsten (cag.)
Carsten Germis
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Wirtschaftskorrespondent in Paris
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