Helmut Gottschalk

So tickt der neue Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank

Von Hanno Mußler
29.03.2021
, 12:10
In der DZ Bank galt Helmut Gottschalk als fleißiger und strenger Aufsichtsratsvorsitzender. Nun soll er die Commerzbank kontrollieren – was zeichnet diesen Mann aus?

Die Commerzbank löst ihre Führungskrise im Aufsichtsrat mit einem Genossenschaftsbanker im Ruhestand. Helmut Gottschalk, bis Mai 2018 für acht Jahre Aufsichtsratsvorsitzender des Spitzeninstituts der Volks- und Raiffeisenbanken DZ Bank, soll neuer Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank werden.

Der in diesem Jahr im Juli 70 Jahre alt werdende Schwarzwälder wird damit die Nachfolge von Hans-Jörg Vetter antreten, der sein Amt am 16. März aus gesundheitlichen Gründen überraschend niederlegen musste. Dadurch ist die Commerzbank, die im Jahr 2019 mit dem Ausscheiden von vier Vorstandsmitgliedern schon in eine beispiellose Führungskrise geraten war, abermals zurückgeworfen worden.

Die Commerzbank gab im Jahr 2020 den höchsten Jahresverlust seit der Finanzkrise im Jahr 2009 bekannt und steckt mitten in der Sanierung. Jede dritte Stelle im Inland und fast jede zweite Filiale werden bis Ende des Jahres 2023 abgebaut und geschlossen, hat der neue Vorstandsvorsitzende Manfred Knof im Februar mitgeteilt.

Knof und Gottschalk haben dem Vernehmen nach miteinander am Wochenende telefoniert, es ist davon auszugehen, dass sie an einem Strang ziehen. Beide gelten als zahlenorientiert und wenig empathisch. Gleichwohl begrüßte Stefan Wittmann, der für die Gewerkschaft Verdi im Aufsichtsrat sitzt, die Entscheidung für Gottschalk. „Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der DZ Bank kann mit heterogenen Strukturen umgehen, wurde dort von allen Beschäftigten respektiert, ist sehr gut vernetzt und versteht viel von Vertrieb. Damit ist Herr Gottschalk eine Verstärkung für den Aufsichtsrat der Commerzbank“, sagte Wittmann der F.A.Z.

„Er hat das Kapitänspatent“

Ausgewählt hat Gottschalk die Findungskommission des Aufsichtsrats unter Federführung von Jutta Dönges, der Aufsichtsrätin des Großaktionärs Bund. Sie hatte schon im Sommer versucht, den langjährigen DZ-Bank-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Kirsch zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der Commerzbank zu machen. Doch Kirsch winkte mit Verweis auf seine anderen Mandate ab – unter anderem ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Gesundheitskonzerns Fresenius.

Es ist liegt nahe, anzunehmen, dass Kirsch jetzt abermals angesprochen wurde und Gottschalk, mit dem er viele Jahre ein erfolgreiches Tandem in der DZ Bank gebildet hat, für die Commerzbank empfohlen hat. „Helmut Gottschalk ist zielstrebig und entscheidungsstark, verfügt über profunde Kenntnisse des Privatkundengeschäfts, kann Risiken einschätzen und wird den von Herrn Knof eingeschlagenen Gesundungskurs ohne Wenn und Aber unterstützen. Er hat das Kapitänspatent“, sagte Kirsch am Montag der F.A.Z.

Im Vergleich zu seinem Vorgänger Vetter wirkt Gottschalk indes als kleineres Kaliber. Während Vetter unter anderem die Landesbank Berlin und Baden-Württemberg (LBBW) sanierte, arbeite Gottschalk von 1982 bis 2017 als Vorstandsmitglied und ab 1997 als Vorstandssprecher für die Volksbank Herrenberg, die nach einigen Fusionen zu einer in Baden-Württemberg größeren Volksbank mit knapp 3 Milliarden Euro Bilanzsumme heranwuchs. Im Vergleich zur Commerzbank mit ihrem Geschäftsvolumen von rund 500 Milliarden Euro ist die Volksbank Herrenberg-Nagold-Rottenburg, wie sie heute heißt, allerdings ein Winzling.

Ist er der Aufgabe gewachsen?

Wie kann so jemand eine Großbank kontrollieren? Diese Frage stellte sich schon bei der DZ Bank, die dank ihrer großen Tochtergesellschaften wie Bausparkasse Schwäbisch Hall, R+V Versicherung und der Fondsgesellschaft Union Investment sogar 560 Milliarden Euro Bilanzsumme ausweist und damit noch komplexer ist als die Commerzbank. Der praktizierende Protestant Gottschalk, der sich für den Dialog mit den Katholiken und damit für die Ökumene engagiert, sei kein stets lachender Hans-Dampf in allen Gassen, sondern auch als Banker pietätisch streng, sehr fleißig und wisse Bankbilanzen unabhängig von ihrer Größe zu lesen und die Risiken darin zu erkennen, erhält man als Antwort von Weggefährten.

Das Bankgeschäft gelernt hat Gottschalk von der Pike auf: Der Ausbildung in der Sparkasse Calw folgte ein berufsbegleitendes Studium. In der Landesgirokasse Stuttgart, die heute zur LBBW gehört, brachte er es bis zum Leiter des Vorstandssekretariats, bis er 1982 selbst Vorstand der Volksbank Herrenberg wurde. Als Gottschalk das Amt des DZ-Bank-Aufsichtsratsvorsitzenden im Jahr 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise übernahm, drang er darauf, dass sich die DZ Bank verkleinerte, vor allem ihr Auslandsgeschäft schrumpfte und sich noch stärker auf die Volks- und Raiffeisenbanken ausrichtete („Verbund first“).

2016 sorgte er dann an entscheidender Stelle mit dafür, dass die vielfach gescheiterte Fusion der DZ Bank und der WGZ-Bank endlich gelang. Es war die erste Großbankenfusion, die von der Europäischen Zentralbank (EZB) und der European Banking Authority (EBA) genehmigt wurde, die beide seit 2014 die Europäische Bankenaufsicht innehaben. Spätestens seit diesem Fusionserfolg ist Gottschalk dem Vernehmen nach bei europäischen Bankenaufsehern hochangesehen – sicher ein Grund, warum er jetzt auch an die Aufsichtsratsspitze der Commerzbank rückt.

Ein Posten bleibt vorerst unbesetzt

Dort wird Gottschalk womöglich wieder harte Entscheidungen zu treffen haben. 2017 verlängerte er in der DZ Bank überraschend den Vertrag von Kapitalmarktvorstand Lars Hille nicht – formal begründet wegen eines Cum-Ex-Verfahrens gegen die Bank. Aber Gottschalk soll dem Vernehmen nach vor allem missfallen haben, dass Hille als Aufsichtsratsvorsitzender der Tochtergesellschaft DZ Privatbank trotz Warnungen die wenig erfolgreiche Geschäftsführung nicht enger kontrollierte.

Das könnte eine Warnung auch an den Commerzbank-Vorstand sein, der sich mit dem von der Deutschen Bank gekommenen langjährigen Allianz-Manager Knof an der Spitze erst noch zusammen raufen muss. Schließlich hatte sich etwa Finanzvorständin Bettina Orlopp selbst Hoffnungen machen können, an die Vorstandsspitze zu rücken.

Mit Gottschalk, der eigentlich im Ruhestand „joggen, Skat kloppen, reisen und sich um seine Enkel kümmern“ wollte, wie er 2017 seiner Heimatzeitung verriet, hat die Commerzbank nur einen Teil ihrer Führungskrise im Aufsichtsrat gelöst. Offen bleibt vorerst ein weiterer Posten in dem Gremium. Vergangenen Mittwoch hatte sich Andreas Schmitz mit sofortiger Wirkung zurückgezogen. Schmitz hatte sich Hoffnungen gemacht, selbst Aufsichtsratsvorsitzender zu werden.

Doch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) – selbst von einer Cum-Ex-Affäre aus seiner Zeit als Erster Bürgermeister der Hansestadt Hamburg belastet – hatte dem Vernehmen nach gegen Schmitz interveniert. Denn auch gegen die Bank HSBC Deutschland, deren Geschäfte Schmitz viele Jahre führte und der er zuletzt als Aufsichtsratsvorsitzender diente, wird wegen Cum-Ex-Geschäften ermittelt. Nach dem Rückzug von Schmitz hatte die Commerzbank ihre für den 5. Mai geplante Hauptversammlung verschoben. Auch für Schmitz rechnet die Commerzbank mit einem zeitnahen Vorschlag durch den Aufsichtsrat, „so dass kurzfristig die Hauptversammlung terminiert und die Aktionäre entsprechend eingeladen werden können“, wie es Sonntagabend hieß. Bis zur Wahl eines Nachfolgers führt Vetters Stellvertreter und Konzernbetriebsratschef Uwe Tschäge den Aufsichtsrat.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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