Dosiersysteme aus Pfungstadt

Hilfsmittel für Drogenabhängige für Umgang mit ihrer Sucht

Von Lia Klinke, Tannenbusch-Gymnasium, Bonn
23.06.2022
, 12:16
Drogenelend im Frankfurter Bahnhofsviertel: Neben Crack konsumiert diese Frau auch Methadon.
Die Messsysteme des deutschen Weltmarktführers Compware helfen Abhängigen, ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. Die Produkte wirken auch dem Ärztemangel entgegen.
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„Sucht ist eine anerkannte Krankheit“, sagt Gerd Meyer-Philippi, Geschäftsführer der Compware Medical GmbH aus Pfungstadt. Um Menschen im Umgang mit ihrer Sucht zu helfen, spezialisierten sich Meyer-Philippi und Günther Kalka mit ihrem Unternehmen auf Dokumentations- und Dosiersysteme in der Substitution: Betroffene erhalten einen Ersatz für die eigentliche Droge, zum Beispiel Methadon statt Heroin.

Methadon ist ein synthetisch hergestelltes Opioid mit schmerzlindernder Wirkung. Seit 35 Jahren ist das Unternehmen in diesem Bereich tätig und nach eigenen Angaben Weltmarktführer für Dokumentations- und Dosiersysteme in der Substitution; es beschäftigt 45 Mitarbeiter. Die Systeme wirken auch dem Ärztemangel entgegen, denn sie übernehmen die technischen Aufgaben.

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Als sich Meyer-Philippi und sein bester Freund Günther Kalka entschlossen, ein Unternehmen zu gründen, boten nur wenige Länder die medizinische Versorgung Drogensüchtiger an; Sucht wurde noch nicht als Krankheit angesehen. Seit Anfang 2000 änderte sich laut Meyer-Philippi auch die Einstellung der deutschen Politik. Die Stadt Frankfurt gab bei Compware die Entwicklung von Dosiersystemen in Auftrag.

Man stieß auch auf Kritik

Immer wieder stieß man jedoch auf Kritik. So waren manche weiterhin der Meinung, Drogensüchtige hätten kein Anrecht auf Behandlung, weil sie ihre Sucht selbst verschuldet hätten. Darauf erwidert Meyer-Philippi: „Jeder Mensch hat den Anspruch auf eine Behandlung seiner Krankheit. Durch Methadon kann man sein Leben weiterführen und ist von seinem Suchtdruck befreit.“ Das Unternehmen versorge rund 25.000 Menschen in Deutschland, berichtet Meyer-Philippi. Nach Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte waren 2020 gut 81.000 Substitutionspatienten gemeldet.

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Ein Kunde ist die Substicare GmbH in Düsseldorf; sie ist im Bereich Beratung, Dienstleistung und Forschung der Substitutionsmedizin tätig. Das Unternehmen unterstützt Praxen und verwendet die Produkte von Compware nach eigenen Angaben seit 2017. Man verwende auch Konkurrenzprodukte, sagt der Geschäftsführer Jan Preuss, doch seien die Produkte von Compware am „benutzerfreundlichsten und fehlerunanfälligsten“ gewesen. „Der Automat von Compware ist der beste auf dem Markt, aber nicht komplett frei von Fehlern. Diese müssen konstant beseitigt werden, und die Bugs müssen reduziert werden“, sagt Preuss. Mit Fehlern seien Computerabstürze und Probleme bei der Speicherung von Daten gemeint, nicht aber sicherheitsrelevante Aspekte.

Die Geräte sind nicht größer als eine Kaffeemaschine; sie werden in Arztpraxen, Apotheken, Kliniken, JVAs und anderen Institutionen verwendet. Nach eigenen Angaben werden sie in Deutschland in 300 Institutionen eingesetzt, darunter sind 60 JVAs und 30 Apotheken. Auf der Welt werden die Dosiersysteme in 100 bis 150 Institutionen genutzt. Hierzulande werden die sogenannten MeDoSys-Systeme zu 90 Prozent gemietet. Die Basispreise für die Miete liegen monatlich zwischen 500 und 620 Euro. Ein Dosiersystem zu kaufen kostet rund 35.000 Euro. Im Ausland werden die Geräte fast immer gekauft.

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Behandlung kann Beschaffungskriminalität verhindern

Um zu verhindern, dass das Methadon auf dem Schwarzmarkt verkauft wird oder die Vorgänge in einer anderen Weise manipuliert werden, dokumentieren alle Systeme die Abläufe, kontrollieren Waagen den Inhalt, und auch die Verdunstung des Methadons wird überprüft. Das ermöglicht einen lückenlosen Nachweis über die Verwendung des Medikaments.

Bei der Dosierung wird auch auf die Menge geachtet, an die der Betroffene gewöhnt ist. Sie werde so dosiert, dass Entzugserscheinungen kurzfristig verhindert werden, erklärt Meyer-Philippi. „Methadon heilt nicht die Suchterkrankung, aber es nimmt den Suchtdruck und insbesondere die Entzugserscheinungen für rund 24 Stunden“, sagt er. So müsse der Patient nicht mehr spritzen. Durch die Behandlung kann außerdem Beschaffungskriminalität verhindert werden.

Der Umsatz habe 2020 bei 3 Millionen Euro gelegen, sagt Meyer-Philippi. Auch 2021 habe er mindestens 3 Millionen Euro betragen. Der Marktanteil in Deutschland belaufe sich auf ungefähr 80 Prozent. Es gebe Konkurrenten, allerdings seien sie meistens „Billiganbieter“. Insbesondere in Deutschland müsse man aber das komplexe Gesundheitssystem verstehen und außerdem die strengen Betäubungsmittel-Richtlinien der Vereinten Nationen, die den Gebrauch von Methadon regelten.

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Das Unternehmen baut gerade einen weiteren Bereich auf: Dosiersysteme für Personen, die mehrere Medikamente parallel einnehmen müssen. Dies sei ein riesiger Markt mit rund 15 Millionen Menschen, sagt Meyer-Philippi.

Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.

Quelle: F.A.Z.
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