TÜV Süd

„Niemand kann mir Izabela zurückbringen“

Von Henning Peitsmeier
28.09.2021
, 18:12

              Der Dammbruch von Brumadinho: Das Bild wurde zwei Wochen nach dem 25. Januar 2019 aufgenommen, an dem sich eine riesige Schlammlawine über die Region ergossen und hunderte Menschen begraben hatte.
Bei einem Dammbruch in Brasilien starben mehr als 260 Menschen. Jetzt fordern die Angehörigen Schadenersatz vom TÜV Süd, der den Damm für sicher befunden hatte. Vor Gericht erklärt er sein Beileid, gesteht aber keine Fehler zu.
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Vor fast drei Jahren brach in Brasilien ein Damm der Eisenerzmine Córrego do Feijão und begrub weite Teile der Stadt Brumadinho unter einer Schlammlawine. Mehr als 260 Menschen starben. Nun soll vor dem Münchner Landgericht geklärt werden, ob der TÜV Süd, der die Stabilität des Damms zertifiziert hat, für die Katastrophe verantwortlich ist.

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An diesem Dienstag stehen vier Brasilianer im Gerichtssaal in Stadelheim. Es sind die Brüder und der Ehemann von Izabela, einer Ingenieurin, die bei dem Unglück ums Leben gekommen war, und auch der Bürgermeister von Brumadinho. Gleich zu Beginn der Verhandlung wird es emotional, als die Vorsitzende Richterin Ingrid Henn das Wort an Gustavo Barroso Camara erteilt.

Der 36 Jahre alte Mann trägt einen Ohrhörer für die Simultanübersetzung. Er ist der ältere Bruder von Izabela, die an jenem Unglückstag mittags in der Kantine gegessen hatte, als sich 13 Millionen Kubikmeter Schlamm über dem Minengelände ergossen. Barroso redet mit fester Stimme und sagt, was viele im Saal berührt: „Niemand kann mir Izabela zurückbringen.“ Er sei traurig und empört, dass der TÜV sich weigere, die volle Verantwortung zu übernehmen.

Emotionale Schilderungen der Betroffenen vor Gericht

„Ich will Gerechtigkeit“, sagt er. Nicht weniger emotional schildert Bürgermeister Avimar Barcelos, wie der Ort und die Menschen noch heute unter den Ereignissen des 25. Januars 2019 litten. Er lädt die Vertreter des TÜV Süd ein, sich vor Ort ein Bild von den Folgen der bis zu 15 Meter hohen Schlammschicht zu machen, die wegen der hohen Kupferrückstände hochgiftig sei.

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In dem schmucklosen Gerichtssaal in Stadelheim, in dem sonst der Dieselskandal um den früheren Audi-Chef Rupert Stadler verhandelt wird, geht es um nicht weniger als die Wiedergutmachung für eine der größten Umweltkatastrophen der jüngeren Zeit. Richterin Henn schlägt eine Güteverhandlung vor, die jedoch umgehend scheitert. „Trotz aller Schmerzen sind die Kläger zur Mediation bereit“, sagt Klägeranwalt Jan Erik Spangenberg zwar, formuliert aber gleichzeitig Bedingungen, die der TÜV nicht akzeptieren will. Die internationale Anwaltsfirma PGMBM vertritt zusammen mit der deutschen Kanzlei Manner Spangenberg mehr als 1200 Geschädigte.

Zunächst geht es in München um eine Musterklage, um Schadenersatz für die Gemeinde Brumadinho und für Angehörige der Ingenieurin von Vale. Doch sollte der TÜV Verantwortung übernehmen, wie Spangenberg fordert, dürften auf den Prüfkonzern alle anderen Anspruchsteller zukommen. Überdies müsste er dann wohl auch für Umweltschäden aufkommen, die in die Milliarden gehen.

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Konzern spricht sein Beileid aus und weist Verantwortung von sich

Der TÜV-Chefjustiziar Florian Stork spricht den Angehörigen vor Gericht sein Beileid aus. Allerdings sei der Konzern überzeugt, keine Verantwortung für den Tod der Betroffenen zu tragen, obwohl eine Tochtergesellschaft den Staudamm ein halbes Jahr zuvor geprüft und für sicher befunden hatte. Philipp Hanfland von der Kanzlei Hengeler Müller stellt klar, dass der Betreiber für die Mine und die zugehörigen Dämme verantwortlich sei und für die Schäden hafte. Die Mine in Brumadinho wurde von der Vale S. A. betrieben, dem größten Eisenerz-Exporteur der Welt. Hanfland erklärt, dass Vale inzwischen in einem gerichtlichen Vergleich mit dem brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais fast 6 Milliarden Euro Entschädigung zugesagt habe und ein Teil der Summe auch der Bevölkerung zugutekomme, was von den Klägern jedoch bezweifelt wird.

In der Folge liefern sich Kläger und Beklagte einen verbalen Schlagabtausch. Viele technische Details werden unterschiedlich interpretiert. So behaupten etwa die Kläger, dass der TÜV das Risiko einer sogenannten Bodenverflüssigung nachträglich abgesenkt habe. Statt eines zuvor geforderten Sicherheitsfaktors von 1,3 habe man sich mit 1,05 zufriedengegeben, sodass der Damm bei einem gemessenen Wert von 1,09 als sicher eingestuft werden konnte. Sie vermuten, dass der TÜV bewusst nachgiebig gewesen sei, um sich Folgeaufträge des Großkunden Vale zu sichern.

Der TÜV Süd meint, ausreichend vorsichtig gehandelt zu haben

Die Beklagten widersprechen und erklären, dass neue Berechnungsmethoden angewandt worden seien und nach den früheren ein Wert von 1,4 gemessen worden wäre. Auch um die Matrix-Organisation des TÜV Süd kreisen Fragen des Gerichts. Kann wegen der vermeintlichen Fehler der brasilianischen Tochtergesellschaft TÜV Süd Bureau auf den dahinterstehenden Mutterkonzern in München durchgegriffen werden? Für Klägeranwalt Spangenberg sind Vale und der TÜV Süd Gesamtschuldner. Und zur leichteren Durchsetzung der Ansprüche zieht er Artikel 14 des brasilianischen Umweltrechts heran, wonach alle direkt oder indirekt an einer Umweltverschmutzung Beteiligten haften.

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Unklar ist auch, was eigentlich den Bruch des Damms ausgelöst hat. Für den TÜV-Süd-Anwalt Hanfland ist es „nicht unplausibel“, dass es Sprengungen gewesen seien, die Vale gegen den Rat des TÜV vorgenommen habe. Er zitierte aus einer Studie der Universität Nottingham, in der auf Satellitenbildern zu erkennen sei, wie sich der Bruch „schleichend“ angekündigt habe.

Sollte der Überwachungsverein für das Unglück haften müssen, drohten erhebliche „finanzielle Belastungen“ für die beiden brasilianischen Gesellschaften sowie „gegebenenfalls auch die TÜV Süd AG“. So steht es jedenfalls im Geschäftsbericht. Dort rechnet der Vorstand für diesen Fall mit „erheblichen Auswirkungen auf unsere Vermögens-, Finanz- und Ertragslage für das Geschäftsjahr 2021 und zukünftige Geschäftsjahre“. Die Zivilkammer des Münchner Landgerichts will am 1. Februar eine Entscheidung verkünden. Das muss noch kein Urteil sein, schon gar kein rechtskräftiges.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Peitsmeier, Henning
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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