Radikaler Umbau

Deutsche Bank streicht 18.000 Stellen

Von Hanno Mußler
07.07.2019
, 17:18
Deutschlands größtes Finanzinstitut baut jeden fünften Arbeitsplatz ab. Zudem wird der Konzern kräftig umgebaut: Das Aktiengeschäft wird fast eingestellt, die Dividende für zwei Jahre gestrichen.

Die Deutsche Bank hat den größten Stellenabbau in ihrer 149 Jahre langen Geschichte beschlossen. Der Aufsichtsrat folgte am Sonntag dem Plan von Vorstandschef Christian Sewing zu einem umfassenden Konzernumbau. Dieser Plan sieht vor, 18.000 und damit jede fünfte Stelle im Konzern zu streichen, drei Vorstandsmitglieder auszuwechseln und das defizitäre Wertpapierhandelsgeschäft insbesondere mit Aktien weitgehend einzustellen und Kunden an die französische Bank BNP Paribas abzugeben.

Die Umbaumaßnahmen werden so hohe Kosten etwa für Abfindungen an ausscheidende Mitarbeiter verursachen, dass die Deutsche Bank in diesem Jahr anders als bisher erwartet einen hohen Verlust ausweisen wird. Im zweiten Quartal fiel schon ein Verlust von 500 Millionen Euro vor Steuern und 2,8 Milliarden Euro nach Steuern an, wie die Deutsche Bank am Sonntag mitteilte.

Im vergangenen Jahr hatte die Deutsche Bank den ersten kleinen Gewinn nach drei Jahren mit hohen Verlusten erreicht. Aber sie hatte ungesund hohe 93 Cent aufwenden müssen, um einen Euro Ertrag zu erwirtschaften. Da die Erträge in diesem Jahr wegen der nochmals gesunkenen Zinsen und des schrumpfenden Wertpapierhandels sinken dürften, kritisierten Analysten die Kostenbasis von fast 23 Milliarden Euro im vergangenen Jahr als zu hoch. Durch den Konzernumbau hofft die Deutsche Bank nun, bis 2022 die Kosten um 6 Milliarden Euro auf 17 Milliarden Euro jährlich zu senken. Sie strebt im selben Jahr ein Aufwands-Ertrags-Verhältnis von 70 Prozent an.

Keine Dividende für 2019 und 2020

In der Summe rechnet die Deutsche Bank mit Belastungen durch den Konzernumbau von insgesamt 7,4 Milliarden Euro bis Ende 2022. Um diese Kosten zu stemmen, will die Deutsche Bank keine Kapitalerhöhung vornehmen, aber die Dividende an die Aktionäre für die Geschäftsjahre 2019 und 2020 ausfallen lassen, was sie nicht einmal in der Finanzkrise getan hatte. Die Aufsichtsbehörden hätten zudem zugestimmt, dass die harte Kernkapitalquote von derzeit 13,7 Prozent bis auf 12,5 Prozent sinken dürfe, hieß es in einer Pflichtmitteilung.

Im zweiten Quartal dieses Jahres soll mit 3 Milliarden Euro schon der Großteil des Sanierungsaufwandes gebucht werden. Wertpapiere im Volumen von 74 Milliarden Euro, rund 25 Prozent aller riskanten Geschäfte der Bank, werden in eine neu zu bildende Abbaueinheit verlagert. Dort sollen Sanierungsexperten die oft noch 20 Jahre laufenden Derivate mit möglichst geringen Verlusten abwickeln. Das übrige Handelsgeschäft, vor allem mit Aktien, wird nahezu eingestellt. Auch das Zinsgeschäft wird deutlich verkleinert. Im Wesentlichen wird sich die Deutsche Bank im Handelsgeschäft auf Anleihen und anderes Fremdkapital konzentrieren.

Dagegen soll das Geschäft mit Unternehmen gestärkt werden. Dafür werden die bisherigen Sparten Privat- und Firmenkundenbank (inklusive Postbank) und Unternehmen und Investmentbank aufgeteilt. Künftig wird die Deutsche Bank zusätzlich zu der großen Verwaltung („zentrale Bereiche“) vier operative Einheiten haben: Privatkunden, die Vermögensverwaltung mit der Fondsgesellschaft DWS, Wertpapierhandelsgeschäft (Investmentbanking) und Unternehmen. Zur Unternehmenssparte gehören künftig also auch kleinere Firmenkunden, die bisher mit Privatkunden betreut wurden.

Der Chef des Investmentbanking muss gehen

Als neues Vorstandsmitglied für das Amerikageschäft berief der Aufsichtsrat die 1978 geborene Christiana Riley. Sie beginnt wie alle neuen Vorstandsmitglieder als Generalbevollmächtigte, bis die Bankenaufsicht ihrer Berufung zugestimmt hat. Riley wechselte vor zwölf Jahren von McKinsey zur Deutschen Bank und ist derzeit für die Konzernstrategie verantwortlich. Der bisherige Privatkundenvorstand und frühere Postbank-Chef Frank Strauß scheidet wie von der F.A.Z. schon in der vergangenen Woche vermutet wegen der Zerschlagung der alten Postbank-Struktur aus der Deutschen Bank aus. Der Aufsichtsrat bestellte zudem den Rechtsanwalt Stefan Simon, der bis 2016 Partner der Kanzlei Flick, Gocke Schaumburg war und mit Unterstützung des Großaktionärs Qatar dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank angehört, zum neuen Vorstand für Recht und Einhaltung der Gesetze (Compliance). Simon ersetzt Compliance-Vorstand Sylvie Matherat. Die Französin bekam zum Ärger der Bankenaufsicht die lückenhaften Geldwäschekontrollen in der Deutschen Bank nicht in den Griff.

Darüber hinaus wird Bernd Leukert in den Vorstand der Deutschen Bank wechseln. Der im Februar aus dem Vorstand von SAP ausgeschiedene Leukert soll sich um die berüchtigten Schwachstellen in der IT der Deutschen Bank kümmern. Wie schon am Freitag bekannt gegeben, scheidet außerdem der bisherige Investmentbanking-Vorstand Garth Ritchie zum 31. Juli aus, seine Aufgaben übernimmt der Vorstandsvorsitzende Sewing zusätzlich zur neuen Sparte „Unternehmen“.

Radikale Einschnitte

Sewings macht damit zur Chefaufgabe, den Rückbau des Investmentbankings zu organisieren. In der bisherigen Sparte „Unternehmen und Investmentbanking“ sind derzeit 17.100 Vollzeitkräfte beschäftigt. Ihnen arbeiten weitere rund 20.000 Mitarbeiter aus zentralen Verwaltungseinheiten zu. Zum Vergleich: Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs beschäftigte Ende vergangenen Jahres insgesamt 36.600 Mitarbeiter, erzielte aber rund 50 Prozent mehr Ertrag als die Deutsche Bank im Investmentbanking.

Im ersten Quartal dieses Jahres hat die Deutsche Bank nochmals 20 Prozent weniger an Gebühren eingenommen für Aktien- und Anleiheplazierungen sowie Beratung von Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen (M&A). Deshalb nimmt Sewing hier die radikalsten Schnitte vor. In der Region Asien/Pazifik, in der bisher fast 20.000 Mitarbeiter für die Deutsche Bank tätig sind, müssen etwa die Hälfte gehen. In Nordamerika, wo die Deutsche Bank gut 9000 Mitarbeiter beschäftigt, trifft es ebenfalls fast jeden Zweiten. Zuletzt war die Deutsche Bank bei Börsengängen und Kapitalerhöhungen nur noch auf Rang zehn der wichtigsten Investmentbanken der Welt.

Schon kurz nach seinem Antritt als Vorstandsvorsitzender im April 2018 hatte Sewing das Ziel ausgegeben, bis Ende dieses Jahres die Zahl der Vollzeitstellen von damals 97.500 auf unter 90.000 zu drücken. Der Stellenabbau zielte schon damals auf das Investmentbanking mit Schwerpunkt in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Hinzu kommt die Verringerung von Doppelarbeiten zwischen Deutscher Bank und der 2009 gekauften Postbank, die erst jetzt konsequenter angegangen wird. Der langjährige Postbank-Chef und bisherige Privatkundenvorstand der Deutschen Bank, Frank Strauß, konnte als eine seiner letzten Amtshandlungen Ende Juni mit dem Betriebsrat vereinbaren, dass bis Ende 2020 rund 2500 Stellen in der alten Sparte Privat- und Firmenkunden gestrichen werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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