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Kommentar

Digitalisierung nützt den Versicherten

Von Philipp Krohn
Aktualisiert am 01.01.2016
 - 12:07
Der Versicherungsbranche stehen einige Umbaumaßnahmen bevor.
Alles, was digitalisiert werden kann, wird derzeit digitalisiert. In der Versicherungsbranche führt das, ganz im Sinne der Kunden, zu mehr Wettbewerb.

Das Vermögen der Versicherungswirtschaft hat zwei Elemente: Kapital und Daten. Ihre vielen Statistiken über Risiken helfen den Versicherern, Tarife durch intelligenten Einsatz der Versicherungsmathematik zu kalkulieren. Ihr Kapital benötigen sie, um sicherzustellen, dass sie für die Schäden ihrer Kunden gewappnet sind.

Stärker als je zuvor stehen diese beiden bedeutsamen Voraussetzungen des Versicherungsgeschäfts in Frage. Daten sind in Zeiten der digitalen Vernetzung von Bürgern, Maschinen und Gebrauchsgegenständen nicht mehr exklusiv der Assekuranz vorbehalten. Auch das Kapital wird entwertet. Angetrieben vom Niedrigzins, entdecken viele alternative Kapitalgeber, dass in Versicherungsrisiken bessere Renditeaussichten stecken als in manch anderer Anlageform. Dadurch ist Kapital weniger knapp, und die Erträge sinken. Das merken zuerst Rückversicherer, aber es wird den gesamten Markt verändern.

Zunächst einmal ist es positiv, dass Investoren Versicherungsrisiken attraktiv finden. So entsteht mehr Wettbewerb zugunsten des Kunden, der sich ziemlich entspannt zurücklehnen kann. Mehr Konkurrenz bedeutet, dass die Policen künftig entweder bessere Leistungen beinhalten oder günstiger werden. Mittelfristig könnten auch Anbieter vom Markt verschwinden, aber das muss den Konsumenten nicht kümmern.

Die Digitalisierung und der Niedrigzins wirken noch auf einer anderen Ebene: Das Geschäftsmodell der Versicherer wankt, weil ihre Produkte den Wandel noch nicht berücksichtigt haben, der aus diesen zwei Trends folgt. Wenn Autos künftig unabhängiger vom Fahrer gesteuert werden, ist die individuelle Kfz-Versicherung nicht mehr die passende Antwort.

Neues Vokabular in den Vorstandsetagen

Das Risiko verlagert sich auf die Hersteller. Womöglich kommt es zu weniger Unfällen, die Systeme könnten aber auch anfällig für Hackerangriffe werden. Und der Niedrigzins bewirkt, dass die Lebensversicherung deutscher Bauart immer schwieriger finanzierbar wird.

Diese Veränderungen halten die Versicherer schon erheblich auf Trab. Hinzu kommt, dass vom ersten Januar an ein neues europäisches Aufsichtsrecht gilt, genannt „Solvency II“. Dafür gibt es zwar großzügige Übergangsfristen, aber die Einführung bindet erhebliche Kapazitäten, die für andere Aktivitäten fehlen.

Das macht die Schwierigkeit deutlich, vor der Versicherer nun gerade in dem Moment stehen, in dem gleichzeitig kleine, wendige „Fintech-Unternehmen“ versuchen, neue exklusive Zugänge zum Kunden zu legen. Aus dieser jungen Start-up-Welt schwappt ein neues Vokabular in die Vorstandsetagen der Assekuranz. Sie diskutieren nun verstärkt darüber, wie „disruptiv“ die digitalen Techniken sind, also wie radikal der Wandel ihres Geschäftsmodells ausfallen wird. Versicherer werden gewiss nicht noch einmal den Fehler begehen, neue Akteure zu unterschätzen.

Vergleichsportale mit signifikantem Marktanteil

Als vor eineinhalb Jahrzehnten etwa Vergleichsportale wie Check24 am Markt auftauchten, glaubten einige Unternehmen noch an geringe Wirkungen. Heute haben diese Portale einen signifikanten Marktanteil im Wechsel- und Neugeschäft mit einfachen Versicherungsprodukten.

Aus dem Einzelhandel lässt sich die Erkenntnis ableiten, dass alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert wird. Besonders Anbieter wie Karstadt, Quelle oder World of Music, denen ein eigenständiges Profil fehlte, wurden aus dem Markt gedrängt. Auch jenseits digitaler Märkte dünnt sich die Mitte aus. Autohersteller wie BMW, Mercedes und Audi profitieren langfristig von ihrer Position im Hochpreissegment. Ausländische Konkurrenten punkten am unteren Ende. Hersteller wie Opel leiden unter ihrer Positionierung in der Mitte.

In der Versicherungswirtschaft werden diese Trends ebenfalls stärker werden. Wenn die zwei strategischen Assets ihren Wert verlieren, bleiben den Anbietern zwei Möglichkeiten: Sie können ihre Fachkenntnisse nutzen, um das günstigere Angebot zu machen. Das hat zum Beispiel die Huk-Coburg verstanden: Marktführer in der Autoversicherung wurde sie als Preisführer. Die Prozesse sind so automatisiert wie in einer Fabrik. Die Zentrale im fränkischen Coburg erzeugt wegen ihrer Lage in der Provinz geringere Kosten als bei Wettbewerbern, die auch bei der Automatisierung hinterherhinken.

Versicherer müssen unverwechselbarer werden

Die Alternative: Versicherer müssen aus dem Risikoschutz ein unverwechselbares Erlebnis machen. Die Produkte müssen mit zusätzlichen Services rund um Haushalt und Wohnen, Gesundheit und Prävention, Vorsorge und Pflege so aufgewertet werden, dass die Marke etwas zählt.

Früher haben Kunden Versicherungen gekauft, wo sie Mitgliedern ihrer Berufsgruppe angeboten wurden: Eisenbahnern bei der DEVK, Landwirten bei der LVM, Beamten bei der Debeka. Die Produkte konnten gut oder schlecht sein. Im neuen digitalen Wettbewerb gibt es diese Kundenloyalität nicht mehr. Die Policen müssen durch Qualität oder Preis bestechen. Durch die Digitalisierung wird alles transparenter, vergleichbarer und überregionaler. Versicherer haben nur eine Wahl: Sie müssen unverwechselbarer werden, um im Markt zu bleiben. Ihren Kunden kann das nur recht sein.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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