Drei Botschaften

Das bleibt vom Tech-Jahr 2019

Von Bastian Benrath
31.12.2019
, 10:48
Ein voller Erfolg: das Göppinger Softwareunternehmen Teamviewer legte den stärksten deutschen Börsengang seit fast 20 Jahren hin.
Eine höchste Strafe, ein größter Börsengang: Im vergangenen Jahr trieb vor allem neue Technologie die Wirtschaft an. Dabei bleiben drei Botschaften, die uns 2019 gelehrt hat.
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Post-Chef Frank Appel hatte den Takt für das Jahr 2019 schon im Januar auf der Digitalkonferenz DLD vorgegeben: „Ist man jung, gibt es unabhängig davon, welchen Beruf man sich aussucht, keine Garantie, dass er in zehn bis 15 Jahren noch existiert.“ Denn das vergangene Jahr bildete den Abschluss einer Dekade, in der vor allem wegen neuer Technologie wenig blieb, wie es war. Wir fassen das Tech-Jahr 2019 zusammen – in drei Botschaften, die von ihm ausgehen.

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Neue Möglichkeiten schaffen neue Frontlinien

Das zeigte sich im März, als Spotify mit einer Beschwerde gegen Apple vor die EU-Kommission zog. Der kalifornische Konzern nutze seine Position als Anbieter des Appstores aus, über das Spotify und zahlreiche andere Apps vertrieben würden, klagte der schwedische Weltmarktführer für Musikstreaming. Dass Apple anfangs 30, später 15 Prozent der Umsätze einbehält, die über den Appstore generiert werden, habe sie dazu gezwungen, ihre Preise anzuheben, klagten die Schweden. Daraufhin habe der Konzern mit „Apple Music“ genau zu ihrem alten Preis einen eigenen Musik-Streamingdienst gestartet. Apple sei „Spieler und Schiedsrichter“ zugleich und benachteilige andere App-Entwickler bewusst, beklagte sich Spotify-Chef Daniel Ek.

Apple schoss umgehend zurück: Spotify beute seinerseits Musiker aus, sei jahrelang über den Appstore gewachsen und wolle jetzt keinen Beitrag mehr leisten, schrieb der Konzern in einer – ungewöhnlich – öffentlichen Stellungnahme. Die Fortsetzung folgt, eine Entscheidung der Kommission steht noch aus. Unabhängig davon, wer am Ende recht bekommt, führt der Streit vor Augen, dass die Tech-Riesen aus dem Silicon Valley mit ihren Plattformen Märkte geschaffen haben, auf denen andere durchaus viel Geld verdienen, deren Regeln sie aber allein festlegen.

Die Angst davor, dass Tech-Plattformen zu mächtig werden, kam spätestens 2019 auch in der Politik an. Als Facebook im Juni den Plan vorstellte, mit „Libra“ eine eigene Kryptowährung zu schaffen, dauerte es nicht lange, bis zahlreiche Regierungsvertreter betonten, Geld zu schaffen sei das Privileg der Zentralbanken. Angesichts von so viel Gegenwind verließen Paypal, Stripe, Mastercard und Visa die Libra Association einer nach dem anderen. Vorgeladen vor den amerikanischen Kongress, versuchte Mark Zuckerberg, die Wogen zu glätten – besonders souverän wirkte er dabei aber nicht. Das lag zum Teil auch daran, dass er zuvor die höchste Strafe zu verkraften hatte, die eine amerikanische Behörde jemals gegen einen Digitalkonzern verhängt hat: Um die Untersuchung des Cambridge-Analytica-Skandals zu beenden, hatte sich Facebook im Juli mit der Verbraucherschutzbehörde FTC darauf geeinigt, knapp 5 Milliarden Dollar zu zahlen. Facebooks Aktienkurs war daraufhin allerdings angestiegen – angesichts eines Nachsteuergewinns von 22 Milliarden Dollar im Jahr sprachen Kritiker von einem verfrühten „Weihnachtsgeschenk“ für den Konzern.

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Wir alle werden immer verwundbarer

Auch das gehört zu den Botschaften des Jahres: Digitale Technologie ist angreifbar – und wenn man nicht weiß, wie man sich effektiv schützt, kann das schnell gravierende Folgen haben. Das haben nicht nur jüngst die Verantwortlichen der Universität Gießen gelernt, deren Computersystem nach einer Attacke mit Schadsoftware bis heute lahmliegt, sondern auch die der Städte Frankfurt und Bad Homburg, des Klinikums Fürth, der Nürnberger Schulen und des Berliner Kammergerichts – um nur einige zu nennen. Der größte Übeltäter im vergangenen Jahr hieß dabei Emotet. Die Schadsoftware, die verschiedene Arten von Erpressungs- oder Ausspähprogrammen nachlädt, verbreitete sich über infizierte E-Mails, die oft sehr gut vorgeben, von Kollegen oder Lieferanten zu stammen. Wer dem auf den Leim ging, brachte seinen Arbeitgeber in große Schwierigkeiten. Der Betriebsgewinn des Aluminiumkonzerns Norsk Hydro, dessen Produktionssystem im März für eine Woche von der Schadsoftware Lockergoga lahmgelegt worden war, brach für das betroffene Quartal um 80 Prozent ein. Statt 3,15 Milliarden norwegischer Kronen verdiente das Unternehmen aus Oslo nur noch gut 550 Millionen Kronen (58 Millionen Euro).

Hinter dem millionenfachen Versenden von Schadsoftware steht meist organisierte Kriminalität. Doch auch staatliche Akteure nutzen gerne Schwachstellen in IT-Systemen aus. Deshalb tobte das ganze Jahr 2019 lang die Diskussion darüber, ob der chinesische Konzern Huawei am deutschen 5G-Netz mitbauen darf oder nicht. Eine Entscheidung ist noch immer nicht getroffen, sie soll im kommenden Jahr fallen. Die Angst ist, dass der Konzern auf Druck der Regierung in Peking einen verdeckten Aus-Schalter oder Spionageeinrichtungen ins Netz einbauen könnte. Das befürchten auch die Vereinigten Staaten – deshalb haben sie die Technik aus ihrem Land verbannt und drohen damit, keine Geheimdienstinformationen mehr mit Deutschland zu teilen, falls die Bundesrepublik ihrem Beispiel nicht folgt. Huawei gibt sich Mühe, die Befürchtungen zu entkräften, und hat in Bonn ein Labor aufgebaut, in dem Fachleute des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik den Quellcode der Huawei-Bauteile untersuchen können. Es gibt dabei nur ein Problem: In einem Code ist es fast unmöglich, zu beweisen, dass etwas nicht existiert. Man weiß immer nur, dass man es bis jetzt nicht gefunden hat.

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Die Innovationen hören niemals auf

Am 15. Juni wurde auf Deutschlands Straßen einiges anders: Die E-Roller kamen. Angebunden an einen Ortungsalgorithmus, sollen sie dabei helfen, den Stadtverkehr smarter und ökologischer zu machen. Wirtschaftlich tobt seitdem ein Verdrängungswettbewerb darum, welcher Anbieter am schnellsten wachsen und die anderen überflügeln kann. Für die einen sind die Roller eine willkommene Ergänzung der Fortbewegung, für die anderen nur lästige Hindernisse auf dem Gehweg. In jedem Fall aber sind sie ein Beispiel dafür, wie neue Technologie auch neue Gewohnheiten schaffen kann.

Ein anderes sind die im vergangenen Jahr stark weitergewachsenen digitalen Essenslieferdienste. Statt telefonisch eine Pizza zu bestellen, die irgendwann später kalt ankommt und mit hastig zusammengesuchtem Kleingeld bezahlt werden muss, sucht man sich in einer App, in der die eigene Kreditkarte hinterlegt ist, ein Essen aus und bekommt direkt prognostiziert, wann es ankommen wird. Gerade junge Menschen nehmen das an: Das Statistikportal Statista prognostiziert, dass der Markt allein in Deutschland bis 2023 auf 2,5 Milliarden Euro anwachsen wird – ein Plus von 40 Prozent im Vergleich zu 2019. Auch auf diesem Markt tobt ein aggressiver Wettstreit darum, der größte Essensbringer zu werden: Seitdem der niederländische Konzern Takeaway.com im August ein Übernahmeangebot für den britischen Lieferdienst Just Eat vorgelegt hat, liefert er sich mit seinem südafrikanischen Konkurrenten Naspers eine Schlacht darum, wer zum Zuge kommt. Die Entscheidung soll im Januar fallen.

Man muss indes auch als Tech-Unternehmen gar keine neuen Gewohnheiten schaffen – für den Erfolg genügt es, altbekannte Probleme mit neuer Technik zuverlässig zu lösen. Das zeigt Teamviewer aus dem schwäbischen Göppingen. Sein Investor Permira nahm mit dessen Börsengang im September 2,2 Milliarden Euro ein. Damit legte das Start-up, das Fernwartungssoftware für Computer und Maschinen herstellt, den größten deutschen Tech-Börsengang seit Infineon im Jahr 2000 hin. Als Weihnachtsgeschenk gab es die Aufnahme in den M-Dax der mittelgroßen Werte. Trotz eines leichten Tals unmittelbar nach dem Gang aufs Parkett notiert die Aktie inzwischen rund 25 Prozent über ihrem Ausgabepreis. Vielleicht kann Teamviewers Geschichte auf dem Weg ins neue Jahr den in Sachen Digitalisierung chronisch schlecht von sich denkenden Deutschen etwas Zuversicht geben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Benrath, Bastian
Bastian Benrath
Redakteur in der Wirtschaft.
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