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Reisebüros und Corona

Das Ende der Reise?

Von Timo Kotowski
Aktualisiert am 27.04.2020
 - 20:37
Schon bald wieder besucht? Seebrücke in Binz auf Rügen Bild: dpa
Bauernhof statt Badestrand: Politiker schwärmen in der Corona-Krise von Ferien im Inland. Doch Reisebüros hilft das wenig, sie leben vom Geschäft mit Auslandsreisen. Wie lange bleibt die Reisewarnung bestehen?

Ponyhof statt Poollandschaft – Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) empfiehlt in Corona-Zeiten den Urlaub auf dem Land. Dort gebe es kleine Ferienwohnungen bis hin zum Bauernhof mit Wohnbereich. Was Domizile im Grünen freut, ändert nichts an Sorgen im Rest der Branche. Reisebüros und kleine Reiseveranstalter fürchten den Untergang. „Die aktuelle Diskussion darüber, wo Deutsche in diesem Jahr noch ihren Urlaub machen können, dreht sich sehr um Ziele wie die Ostsee oder das Allgäu. Diese Ziele stehen aber nur für einen Bruchteil unseres Geschäfts“, sagt Markus Orth, der Chef des Verbunds der Lufthansa-City-Center-Reisebüros (LCC), erklärt im Gespräch mit der F.A.Z.

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„Dass der überwiegende Teil unseres Umsatzes mit Auslandsreisen gemacht wird, ist aktuell zu wenig in der Diskussion. Auch das Thema Geschäftsreisen, die ebenso weggebrochen sind, hat noch keinen Widerhall gefunden.“ Am Mittwoch wollen Reisebüros bundesweit öffentlich auf ihre Lage aufmerksam machen.

Laut Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen führen bislang mehr als zwei Drittel der Haupturlaube ins Ausland. „Das Volumen des Deutschland-Tourismus ist zwar groß, aber es war schon vor 30 Jahren so, dass die meisten Kunden ihren Inlandsurlaub ohne Reisebüro organisieren“, sagt Orth. Anders ist es mit Veranstalterreisen mit Flug und Unterkunft – nur jede dritte wird digital gebucht. Doch für Flugreisen ins Ausland machen Politiker wenig Hoffnung. Das nimmt TUI und Co. Umsatzhoffnungen, Reisebüros bringt es um das Geschäft.

Dauert die Erholung bis 2024?

„Es ist ein Flächenbrand entstanden. Einem Berufsstand mit 100.000 Beschäftigten wurde die Geschäftsgrundlage entzogen, ohne angemessene Hilfen zu gewähren“, klagt Orth. Rund 11.000 Vertriebsstellen gibt es in Deutschland. Zum LCC-Verbund gehören 300 selbständige Büros mit 1,5 Milliarden Euro Umsatz, die den Namen Lufthansa führen, aber nicht Teil des Konzerns sind. Laut Reiseverband DRV sehen sich in der Branche zwei von drei Unternehmen unmittelbar von einer Insolvenz bedroht, obwohl 80 Prozent Hilfe beantragt hätten. „Darlehen der KfW helfen nicht. Reisebüros, die durchweg mit geringen Renditen arbeiten, können diese Kredite nicht in wenigen Jahren zurückzahlen“, sagt Orth. „Wenn es nicht bald Unterstützung durch nichtrückzahlbare Beihilfen gibt, dann bekommen wir ein großes Problem. Ein kompletter Wirtschaftszweig blutet gerade aus.“

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Kaum zwei Monate vor Beginn der Feriensaison ist ungewiss, ob, wann und wo Urlaub im Ausland möglich ist. Das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes, ein vom Wirtschaftsministerium berufenes Team aus Wissenschaftlern und Beratern, malt ein düsteres Bild. Es geht in einem als „realistisch“ eingestuften Szenario von einer Genesung bis März 2023 aus, die „pessimistische“ Version nennt Oktober 2024. In drei Jahren würden erst 65 Prozent des Vorkrisengeschäfts erreicht.

Für Urlaub zwischen Rügen und Ruhpolding ist die Normalisierung im realistischen Szenario zum Sommeranfang 2021 verzeichnet, in einer optimistischen Version in wenigen Monaten. In Kroatien und Griechenland werden zwar die Stimmen lauter, bald Urlauber begrüßen zu wollen. Dagegen steht die Sorge, dass diese Infektionen mitbringen. Im Inland haben Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein Stufenpläne vorgelegt, wie der Tourismus anlaufen soll. Besitzer von Zweitwohnungen und Dauercamper dürfen im Mai wieder anreisen. Ferienhaus- und Hotelgäste sollen folgen.

Reisebüros verkaufen dennoch fast nichts, haben aber reichlich zu tun. „Wir haben mit frühen Buchungen vorgearbeitet und müssen nun wegen der Stornierungen nacharbeiten, beides ohne Bezahlung“, sagt Orth. „Die Finanzlage von Reisebüros gleicht einem Anlage-Depot, das abschmilzt. Jeden Tag sinkt der Depotbestand an vorhandenen Buchungen.“ Etwa 60 Prozent des Jahresgeschäfts entfielen auf die Frühbucherphase, die zum Großteil vor der Krise lag. „Provisionen bekommen die Vermittler oft erst mit dem Beginn der Reisen. Doch die fallen nun aus.“

Wie lange bleibt die Reisewarnung bestehen?

Den jüngsten Dämpfer setzte Außenminister Heiko Maas (SPD). Zu einem Ende der Reisewarnung für alle Länder sagte er: „Es gibt im Moment keinen einzigen Hinweis, der darauf hindeutet, dass man das tun könnte in absehbarer Zeit.“ Er rechtfertigte das auch mit fehlenden Flügen. Orth sagt: „Vor einer Belebung müssen die regulatorischen Voraussetzungen geschaffen werden, damit wieder Flüge starten. Man kann sich nicht auf die Position zurückziehen, dass die Reisewarnung bestehe, weil keiner Flüge anbietet. Manche Airline hätte nach einer Lockerung über Nacht die ersten Flieger wieder in der Luft.“ Dabei sei klar, dass eine Komplettlockerung nicht anstehe. Die Branche hofft, dass einige Länder besucht werden dürfen. „Wenn auch in Zukunft allgemein vor Auslandsreisen gewarnt wird, wird das der Realität nicht gerecht“, rügte der DRV.

Die Hoffnung, die Erstattung ausfallender Reisen schnell durch Gutscheine zu ersetzen, ist schon geplatzt. Das hätte Konzerne vor Liquiditätsabflüssen bewahrt und Reisebüros Provisionen gelassen. Rechtlich war die Idee heikel, die EU-Kommission erteilte eine Absage. Das Justizministerium sieht darin nur eine „erste Einschätzung der Kommission“. Von einem „Scheitern mit Ansage“ spricht FDP-Tourismuspolitiker Marcel Klinge. Der Bund habe „viel Zeit verspielt“.

Markus Tressel (Grüne) rügt die Regierung, deren „Versteifung auf ein umstrittenes Konzept“ sei „existentiell bedrohlich für die ganze Branche“. TUI hat ein Staatsdarlehen erhalten, Konkurrent FTI ist dank Mehrheitsübernahme durch einen ägyptischen Partner gerettet. DER Touristik hat die Kraft des Mutterunternehmens Rewe im Rücken. Für Tausende Reisebüros gilt das nicht.

Mittlerweile läuft die Alternativensuche. „Wenn das europäische Recht keine Spielräume für eine verpflichtende Gutscheinlösung lässt, brauchen wir andere Regelungen“, sagte Unions-Verbraucherpolitiker Jan-Marco Luczak. Sein Vorschlag: ein „staatlich abgesicherter Reisesicherungsfonds“, aus dem Rückzahlungen vorfinanziert werden. Verbraucherschützer fordern das seit Wochen.

Reisebüromanager Orth mahnt zur Eile. „Wenn Reisebüros jetzt beim Überleben geholfen wird, kann es nach der Corona-Krise eine Renaissance der Reisebüros geben.“ Nach früheren Krisen habe sich in Lufthansa-City-Centern gezeigt, dass Kunden mehr persönliche Beratung wünschten – gerade für Auslandsreisen. Im Inland gibt es Zweifel, ob Ferienhäuser und Bauernhöfe Platz für alle bieten, die Erholung von Einschränkungen suchen. Karsten Werner, Chef des Strandgut-Resorts in St. Peter-Ording bereiten Debatten über einen vorsichtigen Neustart mit Ideen, nur teilweise Belegungen von Hotels zu erlauben, Sorgen. In einer Online-Diskussion der Branche sagte er: „Wir wissen noch nicht, wie wir das umsetzen sollen, ob wir losen sollen.“

Quelle: F.A.Z.
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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