Erfolgreiches Konzept

Fernsehen im Schneckentempo

Von Sebastian Balzter
04.03.2014
, 20:20
In Norwegen ziehen stundenlange Strickwettbewerbe und brennende Kaminfeuer die Zuschauer an. Ein Experiment des öffentlich-rechtlichen Rundfunks NRK entpuppt sich als voller Erfolg.

Je langsamer, desto besser. Für Fernsehmacher klingt der Ratschlag merkwürdig, schließlich haben Musikvideos und Werbespots in den vergangenen Jahrzehnten das Tempo forciert: Eine Einstellung jagt die nächste, die Schnittfrequenz nimmt auch in Live-Übertragungen stetig zu, rasante Kamerafahrten sind zum Standard geworden. Eine Sendereihe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks NRK aus Norwegen stellt diesen Trend nun allerdings in Frage. „Sakte-TV“ heißt das Projekt in der Landessprache, auf Deutsch: Langsam-Fernsehen. Stundenlang wird dafür dasselbe Geschehen in Echtzeit übertragen – und die Zuschauer schalten in Scharen ein. Auf bis zu 40 Prozent Marktanteil kommt NRK in Norwegen damit. Das Experiment ist zu einem Verkaufserfolg geworden: Medienhäuser aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten haben sich schon die internationalen Vermarktungsrechte gesichert.

Anfangs ähnelte das Konzept noch dem, was in Deutschland im Nachtprogramm mit den „Schönsten Bahnstrecken“ und der „Space Night“ zu sehen war beziehungsweise ist – mit dem Unterschied, dass NRK die beste Sendezeit dafür frei räumte. Die erste Folge war die gut sieben Stunden lange Übertragung einer Bahnfahrt von der Hauptstadt Oslo nach Bergen an der Westküste, die vor vier Jahren gezeigt wurde. Der verblüffende Erfolg – mehr als eine Million Zuschauer bei einer Bevölkerung von nur fünf Millionen – ermutigte zu mehr: 134 Stunden dauerte die Übertragung einer Fahrt der früheren Postschifflinie Hurtigruten von Bergen bis Kirkenes an der norwegisch-russischen Grenze. Kein anderer Sender wurde währenddessen im ganzen Land häufiger eingeschaltet als NRK.

„Leidenschaft, Vorfreude, Enttäuschung und das totale Glück“

Doch damit sahen die norwegischen Sakte-TV-Macher das Potential noch nicht erschöpft. Vom strikten Konzept des „Pilot’s Eye“, der Kamera im Führerhaus der Lok oder auf der Kapitänsbrücke, waren sie ohnehin schon abgekommen. Das Echtzeitprinzip blieb zwar erhalten. Aber die Zugfahrt wurde zusätzlich auch von zwei Begleitkameras gefilmt, der meditative Blick auf die wogenden Wellen während der tagelangen Schiffspassage von passender Musik untermalt, zu den angelaufenen Hafenstädten wurden maritime und historische Anekdoten eingespielt. Warum sollte das nur mit Reiseformaten funktionieren? „Es war wie ein Schneeball, der immer größer wird, wenn er erst einmal ins Rollen gekommen ist“, beschreibt Thomas Hellum, der bei NRK für das Projekt verantwortlich ist, die Entwicklung. Dreimal im Jahr geht es inzwischen auf Sendung. Und schnell zeigte sich, dass gerade vermeintlich abseitige Themen besonders gut für das langsame Fernsehen geeignet sind.

„Leidenschaft, Vorfreude, Enttäuschung und das totale Glück“ – so warb NRK beispielsweise für eine 24-Stunden-Sendung zum Auftakt der Angelsaison 2012. Gezeigt wurden nicht nur Angler bei der Ausübung ihres Hobbys an einem besonders fischreichen Fluss. Direkt am Ufer bereitete ein Koch den Fang zu, Enthusiasten durften mit verbundenen Augen den Unterschied zwischen Lachs und Forelle schmecken, aus dem Studio und an Ort und Stelle steuerten Fachleute ihre Erläuterungen bei. 10 Prozent Marktanteil waren das Resultat. Die „Kaminfeuernacht“ gab den Zuschauern Anlass zu ausführlichen Fachsimpeleien über das richtige Lagern, Anzünden und Abbrennen von Feuerholz, und die „Stricknacht“ gipfelte darin, dass ein Team aus sieben fingerfertigen Frauen einen neuen Weltrekord im Pulloverstricken aufzustellen versuchte – von der Schur des Schafs Fregneguri bis zum fertigen Produkt wohlgemerkt.

Acht Stunden und 35 Minuten waren zwar keine neue Bestzeit in dieser Disziplin, aber der Marktanteil für NRK lag bei 15 Prozent – und im Internet, wo die Sendung mit einem Kommentar auf Englisch gezeigt wurde, meldeten sich begeisterte Zuschauer aus dem Ausland mit Reaktionen wie dieser: „Ich will nach Norwegen ziehen und nur noch stricken!“ Der Norwegische Sprachrat kürte „Sakte-TV“ danach zum Wort des Jahres 2013.

Eine Vorliebe für die langsame Gangart

Würde das Konzept auch in Deutschland funktionieren? Gottfried Zmeck vom Rechtehändler und Nischensenderbetreiber Mainstream Media aus Ismaning bei München gibt sich skeptisch. „Auf DVD laufen solche Formate für sehr kleine Zielgruppen auch bei uns gut, im Fernsehen eher nicht“, sagt er. Für einen werbefinanzierten Sender sei ein Marktanteil von 2 Prozent das Minimum, und dieser lasse sich mit extremen Nischenprogrammen kaum erreichen. Das lasse sich auch nicht dadurch ausgleichen, dass die Produktionskosten geringer seien als für aufwendige Formate. Die Identifikationsangebote müssten größere Bevölkerungsgruppen ansprechen – deshalb gebe es in Deutschland Heimat-, Musik-, Koch- und Dokumentationskanäle, deren Tempo auch schon geringer sei als im gewöhnlichen Fernsehen, aber keine Spezialangebote für – beispielsweise – Angler oder Jäger. „Ob dieses puristische Fernsehen ankommt oder nicht, hängt auch von der gesamtgesellschaftlichen Mentalität ab“, sagt Zmeck. Und in diesem Punkt scheinen Skandinavier eine Vorliebe für die langsame Gangart zu haben. Auch das schwedische Fernsehen etwa ist mit der ungekürzten Übertragung einer Dampferfahrt auf dem Götakanal auf die Welle aufgesprungen. Der schwedische Regisseur Roy Andersson hat schon vor einigen Jahren sogar einen ganzen Kinofilm ohne Kamerabewegungen gedreht, was die üblichen Sehgewohnheiten herausforderte und ihm viel Lob von Kritikern einbrachte. In Norwegen wiederum rühmt sich der Fernsehableger der Zeitung „Verdens Gang“ damit, im vergangenen Mai das längste ungeschnittene Interview aller Zeiten gesendet zu haben, ein 30 Stunden langes Gespräch mit einem vielseitig talentierten Politiker und Publizisten. Auch die Live-Übertragung der jüngsten Schachweltmeisterschaft, die der Norweger Marcus Carlsen für sich entschied, erzielte überraschend hohe Einschaltquoten.

Die Ideen für weitere Projekte im Schneckentempo gehen den NRK-Managern nach eigener Auskunft noch lange nicht aus. Zudem haben die Zuschauer sie mit eigenen Vorschlägen geradezu überschüttet – manche wünschten sich die Geburt eines Schafs auf dem Bildschirm zu sehen, andere einen Tag Fliegenfischen. Die nächste Dauerübertragung für geduldige Zuschauer ist jedenfalls schon beschlossen: Wenn die norwegische Verfassung im Mai 200 Jahre alt wird, sollen zwei Dutzend Juristen und Historiker in einer 24-Stunden-Sendung ihre Forschungen zur norwegischen Geschichte vorstellen. „Vielleicht machen wir danach ja auch noch das ultimative Sakte-TV-Projekt“, sagt Thomas Hellum. „Das Ziffernblatt einer Uhr, Sekunde für Sekunde.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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