FAZ plus ArtikelImmobilienkonzern in Not

Lässt es Peking bei Evergrande bis zum Äußersten kommen?

Von Christoph Hein und Sven Astheimer
14.09.2021
, 13:11
Baustelle: Projekt des leidenden Evergrande-Konzerns in China.
Den Immobilienkonzern Evergrande belastet ein gewaltiger Schuldenberg, aufgebrachte Kunden gehen auf die Barrikaden. An dem Konglomerat hängen 3,8 Millionen Arbeitsplätze.

Am Wochenende sah sich der Vorsitzende genötigt, selbst ein paar beruhigende Worte zu sprechen. Evergrande werde die vollständige und vorzeitige Rückzahlung aller Verbindlichkeiten sicherstellen, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg Konzernchef Xu Jiayin laut einem Radiobericht. Das Unternehmen sehe sich zwar mit beispiellosen Schwierigkeiten konfrontiert, aber die Fortschritte bei der Rückkehr zum Normalbetrieb seien der beste Garant für die Rückzahlung der Schulden. Er reagierte damit wohl auch auf Proteste aufgebrachter Immobilienkäufer vom Wochenende. In Guangzhou waren rund 100 Leute auf die Straße gegangen. Sie trugen T-Shirts mit der Aufforderung, Evergrande solle die Arbeit an einem örtlichen Projekt für rund 5000 Wohnungen wieder aufnehmen, die seit Mai ruht. Am Montag hatten aufgebrachte Anleger die Zentrale in Shenzhen gestürmt und ihr Geld zurückgefordert. Am Dienstagvormittag warnt der Konzern abermals vor Liquiditätsrisiken wegen einem Rückgang seiner Immobilienverkäufe.

Die Bedeutung von Evergrande für die Wirtschaft der Volksrepublik lässt sich am besten mit einem bildhaften Vergleich aus dem Tierreich beschreiben: Wenn in China die Rede ist von einem grauen Nashorn, zucken die Börsianer zusammen. Denn das Tier hat Symbolkraft: Es gilt als riesiges Ungetüm, in seinem Verhalten schwer zu lesen, aber leicht aufzubringen. Es kann gefährlich werden. Evergrande ist so ein graues Nashorn. Auf den ersten Blick ist der Konzern ein Immobilienriese. Auf den zweiten ist er ein Konglomerat, an dem 3,8 Millionen Arbeitsplätze hängen, 200.000 davon direkt. Sein Gründer Xu Jiayin gilt als der fünftreichste Chinese. Seine Landsleute kennen seinen Konzern – entweder weil sie in einer seiner Wohnungen leben oder weil ihm der Fußballverein Guangzhou FC gehört, der früher einmal sogar Guangzhou Evergrande hieß. Mit ihrer Marke Evergrande Spring ist die Gruppe im Mineralwasser- und Lebensmittelmarkt vertreten, sie baut Vergnügungsparks, versucht seit 2019 Elektroautos zu bauen, bietet Versicherungen, Gesundheitsdienstleistungen und Digitalgeschäfte. Kurz: An Evergrande kommt in China kaum jemand vorbei.

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Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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Sven Astheimer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.
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