Standortentscheidung

Ford lässt Saarlouis fallen

Von Bernd Freytag und Hans-Christian Rößler
22.06.2022
, 12:22
Vor fünf Jahren hatte Ford den Standort Valencia schon einmal gestärkt. Damals flossen 750 Millionen Euro in die Fertigung des Modells Kuga.
Die beiden Standorte Valencia und Saarlouis wurden in einen konzerneigenen Standort-Wettbewerb geschickt. Nun hat das deutsche Werk verloren. Das bringt für die Region Risiken mit sich. Sie ist von Autozulieferern abhängig.
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Der US-amerikanische Autohersteller Ford wird sein erstes vollständig selbst entwickeltes Elektroauto nicht im saarländischen Saarlouis bauen. Stattdessen hat sich die Konzernführung für die Produktion im spanischen Valencia entschieden. Nach monatelangem Ringen, in dem der Vorstand zum großen Unmut von Beschäftigen und politisch Verantwortlichen die Werke zu einer Art internen Konkurrenzkampf und einem Wettbieten der Subventionen aufgefordert hat, gehen die Saarländer als Verlierer vom Platz.

Dem Werk mit seinen 4600 Beschäftigten und dem umliegenden Zuliefererpark mit weiteren 1300 Mitarbeitern drohen erhebliche Einschnitte, vielleicht sogar die Schließung. Bis 2025 wird dort noch der Ford Focus produziert, danach läuft eine Beschäftigungsgarantie aus. In der Autoindustrie gilt ein Werk ohne eigenes Modell langfristig als von der Schließung bedroht.

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Ford-Europa-Chef Stewart Rowley, sagte am Mittwoch lediglich zu, der Konzern werde für das Werk „zukünftige Konzepte evaluieren“, inner- oder außerhalb von Ford. Er will dazu eine Task Force bilden, die eng mit der Verwaltung zusammenarbeiten soll. Zugleich kündigte er sowohl für Saarlouis als auch das Werk in Valencia schon jetzt „signifikante Restrukturierungen“ an.

Nicht nur in Saarlouis, auch in Valencia sollen weniger Menschen beschäftigt werden

Obwohl die Spanier den Zuschlag erhalten, soll also auch im dortigen Werk die Zahl der Beschäftigten – aktuell 6000 – sinken. Um Elektroautos zu bauen, werden weniger Beschäftigte benötigt. Die Landesregierung in Saarbrücken hatte sich bis zuletzt für das Werk eingesetzt. Gemeinsam mit dem Bund wurde ein Subventionspaket geschnürt, das nach Angaben von Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) näher an der Milliarde sei als an 500 Millionen Euro.

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Sie und Wirtschaftsminister Jürgen Barke waren noch Anfang Juni in die Ford-Zentrale nach Dearborn geflogen, um für Saarlouis zu werben. Schon 1998, als es um den Auftrag für die Focus-Produktion ging, hatte die Landesregierung 100 Millionen Euro an Hilfen gezahlt. Welchen Ausschlag die staatlichen Investitionshilfen für die Auftragsvergabe gegeben hat, kommentiert Ford nicht.

Europa-Chef Rowley sagte lediglich, bei Regionen hätten ein „robustes Paket“ vorgelegt. Bei Werksansiedlungen in Spanien, wie zuletzt bei der von VW angekündigten neuen Batteriefabrik, hatte Ministerpräsident Pedro Sánchez auch mit Hilfen aus dem EU-Aufbaufonds gelockt. Deutschland ist nach Darstellung des Bundesrechnungshofes mit 65 Milliarden Euro der größte Nettozahler des Fonds.

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Ford sagt: Keine Entscheidung gegen Deutschland

Die Entscheidung gegen Saarlouis ist nach Darstellung von Ford keine Entscheidung gegen Deutschland. Rowley verwies auf die im März angekündigte Investitionen von bis zu 2 Milliarden Euro am Standort Köln, wo 15.000 Menschen für Ford arbeiten. Dort sollen zwei neue Modell gebaut werden, allerdings auf einer Plattform von Volkswagen, dazu ein Batterie-Montagewerk. In Valencia will Ford nicht mehr auf die VW-Plattform zurückgreifen, sondern erstmals eine eigene Basis nutzen.

Ford hatte beide Werke im Januar aufgefordert, „Zukunftskonzepte“ vorzulegen und zu zeigen, wer am besten für die Produktion von Elektroautos geeignet ist. In der Folge haben nicht nur Gewerkschaften Entgegenkommen signalisiert, mit Blick auf die Richtungsentscheidung hin zur Elektromobilität wurde auch ein regelrechter Subventionswettbewerb zwischen beiden Regionen entfacht.

Rowley wies am Mittwoch die seither immer lauter werdende Kritik an dem öffentlich inszenierten Entscheidungskampf zurück. Der Prozess sei offen und transparent gewesen, sagte er. Der saarländische Landtag hatte wie Gewerkschaften und IG Metall zuvor scharfe Kritik am Ford-Management geübt. Das Gebaren sei eine Schande, sagte SPD-Fraktionschef Ulrich Commerçon. Das sei keine soziale, sondern „asoziale Marktwirtschaft“. Das Ford-Management habe eiskalt und rücksichtslos Tausende Arbeitnehmer in Saarlouis und Valencia gegeneinander ausgespielt.

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Schwerer Schlag für den Industriestandort Saarland

Für das kleine Bundesland bedeutet die Entscheidung ein schwerer Schlag. Erst mit Ford ist die Autoindustrie in das Saarland gekommen. Bundeskanzler Ludwig Erhard hatte sich Ende der sechziger Jahre für die Ansiedlung eingesetzt, um dem jüngsten Bundesland eine weitere wirtschaftliche Perspektive zu geben. Spät in die Bundesrepublik eingegliedert, war das Land bei der Verteilung von lukrativen Bundesbehörden leer ausgegangen.

Die Krise der Kohle war schon allgegenwärtig. In den sechziger Jahren wurde die Hälfte der damaligen Gruben dichtgemacht. Tatsächlich hat sich die Autoindustrie zu einem stabilen Anker entwickelt. Seit dem Produktionsstart 1970 sind von dort mehr als 15 Millionen Autos vom Band gerollt: Escort, Capri, Fiesta, seit 1998 und noch bis 2025: der Focus. Die im Laufe der Zeit gewachsene Zulieferkette für die Autoindustrie ist zur wichtigsten Industrie aufgestiegen.

Nur so konnte das Land einen Großteil der Strukturbrüche ausgleichen, die durch den Wegfall der Kohleförderung und die Stahlkrise entstanden waren. Allerdings hängen viele der Zulieferbetriebe am Verbrennermotor: ZF Friedrichshafen beschäftigt alleine im Saarbrücker Werk 9000 Menschen im Getriebebau. Die Bosch-Werke in Homburg, wo mehr als 4000 Menschen arbeiten, hängen mehr oder weniger an der Dieseltechnologie.

Wäre Saarlouis ausgewählt worden, wäre in Spanien letztlich nur noch das Modell Kuga mit einem Verbrenner-Motor übriggeblieben. Schon seit März wird der „Mondeo“ nicht mehr in Almussafes gebaut, von Ende 2022 an sollte schrittweise auch der Transit Connect auslaufen, 2024 dann S-Max und Galaxy. Schon seit 2018 war die Produktion um die Hälfte zurückgegangen. Nach Informationen des spanischen Onlineportals „El Español“ spielte bei der Auswahl des Standorts die Flexibilität der Arbeitnehmer eine größere Rolle. Die Gewerkschaft UGT, die die meisten Arbeiter vertritt, hatte sich in der Tat bereit erklärt, Löhne und Gehälter bis 2027 zu begrenzen und die Arbeitszeit von 2025 an um 15 Prozent zu erhöhen – vor allem mit Samstagsarbeit.

Quelle: FAZ.NET
Bernd Freytag  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Bernd Freytag
Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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