Standort für E-Auto

Ford entscheidet sich gegen das Saarland

Von Bernd Freytag und Hans-Christian Rößler
22.06.2022
, 19:44
Bald nicht mehr von der Saar: Ford-Karosserien in Saarlouis
Der amerikanische Autohersteller lässt sein erstes eigenes Elektroauto in Valencia bauen. Die Emotionen im Saarland kochen hoch. Dem Standort droht langfristig das Aus. Und auch die gesamte Region dürfte leiden.
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Der US-amerikanische Autohersteller Ford wird sein erstes komplett selbst entwickeltes Elek­troauto nicht im saarländischen Saarlouis herstellen. Stattdessen hat sich die Konzernführung für die Produktion im spanischen Valencia entschieden. Nach monatelangem Ringen, in dem der Vorstand zum großen Unmut von Beschäftigten und politisch Verantwortlichen die Werke zu einer Art internen Konkurrenzkampf und einem Wettbieten der Subventionen aufgefordert hat, gehen die Saarländer als Verlierer vom Platz.

Die fast 6000 Beschäftigten im Werk und den umliegenden Zulieferbetrieben erwarten düstere Zeiten. Ob das Werk überhaupt weiterbetrieben werden kann, wenn die Produktion des Focus im Jahr 2025 wie vereinbart ausläuft, ist offen. Die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD), die mit ihrem Wirtschaftsminister noch Anfang Juni in die Ford-Zentrale nach Dearborn geflogen war, nannte die Entscheidung am Mittwoch schäbig und eine Farce.

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Ford habe mit dem im Januar gestarteten Bieterwettbewerb die Belegschaften gegeneinander ausgespielt, „um die Zitrone noch etwas mehr auszupressen“. Gewerkschafter und Betriebsrat verweisen darauf, dass die Belegschaft die Einschnitte der Vergangenheit – seit 2018 hat Ford schon 2500 Arbeitsplätze abgebaut – mitgetragen habe, um den Standort zu sichern.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nahm den Autohersteller in die Pflicht. „Ich erwarte von Ford gemeinsam mit dem Betriebsrat, zeitnah konkrete Pläne für die Zukunft des Werks in Saarlouis und seine Beschäftigten auf den Tisch zu legen“, sagte er. Für die vielen Beschäftigten und die Region sei es nun wichtig, dass es möglichst rasch Klarheit über eine konkrete und belastbare Perspektive für den Standort Saarlouis gebe. „Ford steht hier als Eigentümer des Werkes, als Arbeitgeber und als bedeutender Automobilhersteller im größten europäischen Automobilmarkt Deutschland in einer besonderen Verantwortung.“

Bild: F.A.Z.

Dem Werk mit seinen 4600 Beschäftigten und dem umliegenden Zuliefererpark mit weiteren 1300 Mitarbeitern drohen mindestens erhebliche Einschnitte, vielleicht die Schließung. Bis 2025 wird dort noch der Focus produziert, danach läuft die Beschäftigungsgarantie aus. In der Autoindustrie gilt ein Werk ohne eigenes Modell langfristig als von der Schließung bedroht.

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Ford-Europa-Chef Stuart Rowley sagte am Mittwoch lediglich zu, der Konzern werde für das Werk „zukünftige Konzepte evaluieren“ – in oder außerhalb von Ford. Er wolle dazu eine Arbeitsgruppe bilden, die eng mit der Verwaltung zusammenarbeite. Zugleich kündigte er sowohl für Saarlouis als auch für Valencia „signifikante Restrukturierungen“ an. Obwohl die Spanier den Zuschlag erhalten, soll also auch im dortigen Werk die Zahl der Beschäftigten – aktuell 6000 – sinken. Um Elektroautos zu bauen, werden weniger Beschäftigte benötigt.

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Hoher Einsatz der Landesregierung

Die Landesregierung hatte sich bis zuletzt für das Werk eingesetzt. Gemeinsam mit dem Bund hat sie ein Subventionspaket geschnürt, das nach Angaben von Rehlinger nahe an eine Milliarde Euro reicht. Schon 1998, als es um den Auftrag für die Focus-Produktion ging, hatte die Landesregierung 100 Millionen Euro an Hilfen gezahlt. Welchen Ausschlag die staatlichen Investitionshilfen für die Auftragsvergabe gegeben haben, kommentiert Ford nicht. Europa-Chef Rowley sagte lediglich, beide Regionen hätten ein „robustes Paket“ vorgelegt.

Bei vergleichbaren Ansiedlungen in Spanien, wie zuletzt für die von VW angekündigte neue Batteriefabrik, hatte Ministerpräsident Pedro Sánchez auch mit Hilfen aus dem EU-Aufbaufonds gelockt. Deutschland ist nach Darstellung des Bundesrechnungshofes mit 65 Milliarden Euro der größte Nettozahler des Fonds.

Die Entscheidung gegen Saarlouis ist nach Darstellung von Ford keine Entscheidung gegen Deutschland. Rowley verwies auf die im März angekündigten 2 Milliarden Euro Investition am Standort Köln, wo 15.000 Menschen für Ford arbeiten. Dort sollen auf einer Plattform von VW zwei neue Modelle gebaut werden, zudem ein Batteriemontagewerk entstehen. In Valencia will Ford erstmals auf eine eigene Plattform zurückgreifen.

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Der Konzern entfachte einen Subventionswettbewerb

Ford hatte beide Werke im Januar aufgefordert, „Zukunftskonzepte“ vorzulegen und zu zeigen, wer am besten für die Produktion von Elektroautos geeignet ist. In der Folge haben nicht nur Gewerkschaften Entgegenkommen signalisiert, mit Blick auf die Richtungsentscheidung hin zur Elektromobilität wurde auch ein regelrechter Subventionswettbewerb zwischen beiden Regionen entfacht. Rowley wies die Kritik an diesem öffentlich inszenierten Entscheidungskampf zurück. Der Prozess sei offen und transparent gewesen, sagte er.

Für das kleine Bundesland ist die Entscheidung ein schwerer Schlag. Mit Ford ist die Autoindustrie erst in das Saarland gekommen. Bundeskanzler Ludwig Erhard hatte sich Ende der Sechzigerjahre für die Ansiedlung eingesetzt, um dem jüngsten Bundesland eine weitere wirtschaftliche Perspektive zu geben. Spät in die Bundesrepublik eingegliedert, war das Land bei der Verteilung von lukrativen Bundesbehörden leer ausgegangen.

Die Krise der Kohle war schon allgegenwärtig, in den Sechzigerjahren wurde die Hälfte der damaligen Gruben dichtgemacht. Tatsächlich hat sich die Autoindustrie über die Jahre zu einem stabilen Anker entwickelt. Seit dem Produktionsstart 1970 sind in Saarlouis mehr als 15 Millionen Autos vom Band gerollt: Escort, Capri, Fiesta, seit 1998 der Focus. Die im Laufe der Zeit gewachsene Zuliefererkette für die Autoindustrie ist zur wichtigsten Industrie aufgestiegen.

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Die Autoindustrie war ein Ersatz für Kohle und Stahl

Nur so konnte das Land einen Teil der Strukturbrüche ausgleichen, die durch den Wegfall der Kohleförderung und die Stahlkrise entstanden. Allerdings hängen viele Zulieferer am Verbrennungsmotor: ZF Friedrichshafen beschäftigt allein im Saarbrücker Werk 9000 Menschen im Getriebebau. Die Bosch -Werke in Homburg, wo mehr als 4000 Menschen arbeiten, hängen an der Dieseltechnologie.

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez zeigte sich stolz. Das Land sei „auf dem Weg zur Marktführerschaft bei elek­trischen und vernetzten Fahrzeugen“, teilte er mit. Gewerkschafter sprachen von „großer Erleichterung“. Ohne den Zuschlag wäre die Zukunft der Fabrik ungewiss gewesen. Das Werk hat 6000 Mitarbeiter, dazu hängen 25.000 Stellen in der Zulieferindustrie von ihm ab. Die Gewerkschaft UGT hatte sich im Januar bereit erklärt, die Löhne bis 2027 zu begrenzen und von 2025 an die Arbeitszeit um 15 Minuten zu erhöhen.

Wäre Saarlouis erfolgreich gewesen, wäre am Ende nur noch das Modell Kuga mit einem Verbrennungsmotor übrig geblieben. Spanien ist nach Deutschland der größte Automobilproduzent in Europa. Dem Aufbau einer Lieferkette für die Elektromobilität wird entsprechend Priorität eingeräumt. Eine wichtige Entscheidung war gerade erst gefallen: 60 Kilometer von Valencia entfernt will VW für 3,5 Milliarden Euro ein Batteriezellwerk bauen. VW hat den Bau allerdings immer von umfangreicher Finanzhilfe abhängig gemacht, die am Ende auch im Umfang von mehreren Hundert Millionen Euro zugesagt wurde.

Quelle: F.A.Z.
Bernd Freytag  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Bernd Freytag
Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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