Navigationssystem Galileo

OHB wirft Airbus im Satelliten-Streit fragwürdige Methoden vor

Von Christian Müßgens, Hamburg
18.03.2021
, 10:56
Für ihren spektakulären Freilandversuch nutzten die Forscher den chinesischen Satelliten „Micius“, welcher um die Erde kreist.
Das Raumfahrtunternehmen aus Bremen will die Niederlage in einer Ausschreibung für neue Satelliten nicht hinnehmen. Es geht gegen die Vergabe der EU vor – und erhebt in seiner Klage heftige Anschuldigungen.

Für das Raumfahrtunternehmen OHB war die Entwicklung des europäischen Navigationssystems Galileo ein Segen. Über Jahre waren viele Ingenieure des Bremer Familienbetriebs mit dem Bau von Satelliten für das Projekt beschäftigt, aber in der Ausschreibung für Galileo-Flugkörper der zweiten Generation hat OHB vor wenigen Wochen gegen die Konkurrenten Airbus und Thales Alenia Space verloren.

Schon im laufenden Jahr mache sich das in der Beschäftigung bemerkbar, weil Entwicklungsarbeiten wegfielen, mit denen OHB im Falle eines Erfolgs hätte beginnen können, sagt der Vorstandsvorsitzende Marco Fuchs. Er hat eine Klage gegen die Vergabe eingereicht, die darauf zielt, die eigenen „Rechte zu wahren“.

Auf der virtuellen Jahrespressekonferenz am Mittwoch vermied Fuchs, auf den Rechtsstreit genauer einzugehen. Das zuständige Gericht der Europäischen Union hat aber inzwischen eine Zusammenfassung der Klage veröffentlicht, aus der die Argumente des Unternehmens hervorgehen. Demnach prangert OHB unter anderem an, dass ein leitender Mitarbeiter aus dem eigenen Haus während des laufenden Vergabeverfahrens zu einem Mitbewerber gewechselt sei. Namentlich wird der Konkurrent nicht genannt, aber Gerüchten zufolge soll es sich um Airbus handeln.

Dazu passt, dass das Gericht inzwischen jene Verträge für den Bau neuer Satelliten freigegeben hat, die die EU-Kommission und die europäische Raumfahrtbehörde ESA mit Thales geschlossen haben. Die Unterzeichnung der Verträge mit Airbus bleibt dagegen aufgrund der Klage von OHB vorerst ausgesetzt. Geht es nach dem Willen der ESA und der Kommission, sollen Airbus und Thales je sechs der geplanten zwölf Satelliten produzieren.

Nach Angaben des Gerichts argumentiert OHB, dass der in Rede stehende Manager das Angebot der Bremer kannte und „gleichwohl in das Angebot der Mitbewerberin eingebunden gewesen“ sei. Darin sehen sie Hinweise „einer wettbewerbswidrigen Abrede und des Versuchs, vertrauliche Informationen zu erhalten“. OHB hatte den Wechsel des Managers und die vermutete Mitnahme geheimer Daten schon einmal gerichtlich angegriffen, war aber im vergangenen Jahr mit einem Vorstoß an der Justiz in München gescheitert, die keine hinreichenden Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten sah.

Im Streit um Galileo führen die Vertreter von OHB das Thema nun abermals ins Feld, allerdings werden ihnen in der Branche nur geringe Erfolgsaussichten zugemessen. Die Kommission hatte sich vor Wochen auf den Standpunkt gestellt, in der Galileo-Vergabe alle Vorschriften eingehalten zu haben. Airbus wollte sich am Mittwoch nicht äußern.

Auch die Preise werfen aus Sicht von OHB viele Fragen auf

Galileo soll die Unabhängigkeit der Europäer vom amerikanischen GPS und dem chinesischen Beidou sichern. Dafür kreisen schon etliche Satelliten um die Erde, die schrittweise durch leistungsfähigere ersetzt werden sollen. Nach Ansicht der Kommission hatte OHB im Vergabeverfahren ein schlechteres und teureres Angebot vorgelegt. Wie aus der Zusammenfassung der Klage hervorgeht, drehen die Bremer den Spieß nun insofern um, als sie im Vorschlag der Konkurrenz ein „ungewöhnlich niedriges Angebot“ sehen.

Damit steht der Vorwurf im Raum, Airbus könnte mit unrechtmäßigen Methoden eine Art Dumping betrieben haben. Die Kritik der Kommission am eigenen Angebot beruhe hingegen zum Teil auf „sachwidrigen und willkürlichen Erwägungen“, argumentiert OHB weiter. Wie schnell das Verfahren abgeschlossen werden kann, ist im Moment noch offen. Für die EU drängt die Zeit, denn sie will schon von Ende 2024 an die neuen Flugkörper ins All schießen.

In Summe hat der Auftrag für die neuen Satelliten ein Volumen von rund 1,47 Milliarden Euro. Bleibt es bei der Vergabe an Airbus und Thales, ist das für OHB ein schwerer Schlag. Umwerfen wird es das Unternehmen nicht, wie die Geschäftszahlen für 2020 zeigen. Trotz aller Turbulenzen durch Corona kamen rund 1,7 Milliarden Euro an neuen Aufträgen herein. Aktuell liege der Auftragsbestand auf dem Rekordniveau von 2,6 Milliarden Euro, berichtete Fuchs.

Zwar ist der Umsatz wegen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Pandemie um ein gutes Zehntel auf rund 880 Millionen Euro gesunken. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern blieb aber mit 42 Millionen Euro in etwa stabil. Für das laufende Jahr peilt Fuchs wieder einen Umsatz von etwa einer Milliarde Euro an, womit das Unternehmen an das Vorkrisenniveau anknüpfen will.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Müßgens, Christian
Christian Müßgens
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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