Mainzer Glasproduzent Schott

Investieren trotz Corona

Von Jochen Remmert
22.01.2021
, 08:44
Der Glas-Konzern Schott profitiert von dem zusätzlichen Bedarf an Pharma-Glas. Das Unternehmen aus Mainz versorgt nun die Hersteller von Covid-19-Impfstoff. Dennoch belastet das Virus andere Sparten des Hauses.

Kurzarbeit im Frühjahr, zweistellige Rückgänge der Geschäfte mit Auto- und Flugzeugbauern, auch der Spezialglashersteller Schott hat die Corona-Pandemie 2020 zu spüren bekommen. Daran ändert zunächst einmal auch die Tatsache nichts, dass der Konzern rund 75 Prozent aller Covid-19-Impfstoffhersteller mit den kleinen Fläschchen aus Pharma-Glas beliefert, die den sicheren Transport des kostbaren Gutes ermöglichen.

Doch das Portfolio der Mainzer ist so breit, dass sie auch diese Rückgänge mit guten Geschäften in anderen Sparten kompensieren konnten, wie der Vorstandsvorsitzende des Schott-Konzerns, Frank Heinricht, bei der Vorlage der Bilanz 2019/2020 am Mittwoch sagte.

So stieg der Konzernumsatz im Vorjahresvergleich um 2,2 Prozent auf 2,24 Milliarden Euro, das Ebit, der Gewinn vor Zinsen und Steuern, auf 288 Millionen nach 275 Millionen im vorangegangenen Geschäftsjahr. Lediglich der Jahresüberschuss ist um drei Prozent auf 199 Millionen Euro geschrumpft. Das ist nach Angaben von Finanzvorstand Jens Schulte vor allem Gewährleistungsverpflichtungen aus dem Solargeschäft geschuldet, das Schott schon vor acht Jahren mangels Erfolgsaussichten aufgegeben hatte.

Konsequent den Pharmasektor weiterentwickelt

Auf den aus der Corona-Pandemie entstandenen zusätzlichen Bedarf an Pharma-Glas konnte Schott nicht zuletzt deshalb schnell reagieren, weil die Mainzer ohnehin konsequent den Pharmasektor weiterentwickelt haben. Gut entwickelt sich auch der Absatz von Spezialglas für Mobiltelefone und andere elektronische Geräte. Auch Ceran-Kochfelder und andere „Hometech“-Produkte sind – nach einem Nachfragerückgang zu Beginn der Pandemie – inzwischen wieder gefragt, Das sei wohl dem Cocooning-Effekt der Corona-Pandemie geschuldet, vermutete Vorstand Schulte. Nach wie vor massiv zu spüren bekommt Schott den schwachen Absatz der Autoindustrie. Für die stellen die Mainzer etwa Auslösekomponenten der Airbags her. Und da auch die Flugzeugbauer – wie die Luftverkehrswirtschaft insgesamt – besonders stark unter der Corona-Krise leiden, braucht es derzeit auch die Beleuchtungskomponenten von Schott kaum mehr, die etwa an den Sitzplätzen der Passagiermaschinen verbaut werden.

Doch trotz dieser Nachfragerückgänge und der sonstigen Folgen der Pandemie hat Schott 2019/2020 unbeirrt sein Investitionsprogramm im Volumen von 320 Millionen Euro weitergeführt. Profitiert haben davon auch die Optik-Produktion in Mainz und das Werk im badischen Müllheim, wo das Geld in einen Neubau für Pharmaverpackungen geflossen ist.

Da Schott Abnehmer in vielen Teilen der Welt hat, produziert der Konzern möglichst dicht am jeweiligen Markt. Und so investierten die Mainzer auch in ein neues Werk in China und neue Schmelzanlagen in Indien. In beiden Fällen geht es um die Produktion von Pharmarohr, aus dem dann beispielsweise Fläschchen für Impfstoffe hergestellt werden. Der Preis für ein einzelnes Fläschchen bewegt sich Heinricht zufolge – je nach Größe – zwischen fünf und zehn Cent. Rentabel wird das Geschäft durch die Masse: Ende 2021 will Schott bereits Spezialglasfläschchen für zwei Milliarden Impfdosen ausgeliefert haben, von denen – je nach Impfstoff – etwa fünf oder etwas mehr Dosen aus einem Fläschchen gewonnen werden können. Investiert hat Schott auch in Produktionsstätten in Brasilien, Ungarn, den Vereinigten Staaten und in der Schweiz. Im abgelaufenen Geschäftsjahr arbeiteten 16.500 Männer und Frauen für Schott, 300 mehr als im Jahr davor. 5900 Mitarbeiter beschäftigen die Glasmacher in Deutschland, etwa die Hälfte davon am Standort in Mainz.

Nur noch eine letzte Option

Schott wächst auch am Firmensitz weiter, gerade wird eine zweite Schmelzwanne gebaut, die 2022 in Betrieb gehen soll. Auch diese Anlage soll wieder Rohre aus Spezialglas produzieren, das als pharmazeutische Verpackung dienen wird. Rund 100 weitere Arbeitsplätze werden hier entstehen. Die Kosten von rund 40 Millionen Euro sind Teil des Investitionsplans von Schott für das gerade angelaufene Geschäftsjahr. Mit 350 Millionen liegt dieser noch einmal um 30 Millionen höher als die Investitionen des vorherigen Plans.

Auf dem Areal an der Mainzer Hattenbergstraße gibt es Heinricht zufolge allerdings nur noch eine letzte Option für eine weitere Anlage dieser Art. Dann seien die Wachstumsmöglichkeiten hier erschöpft.

Neben neuen Medizinprodukten wie Komponenten für eine präzise Selbstmedikation setzt Schott auch auf sogenannte Dünnglasprodukte. Darunter sind etwa faltbare Displays für Mobiltelefone und Tablets zu verstehen.

Schott will das alles erfolgreich vorantreiben und dabei gleichzeitig bis 2030 klimaneutral werden. Erreichen wollen das die Glasmacher, die auf erhebliche Energiemengen angewiesen sind, vor allem durch Effizienzsteigerung und die konsequente Nutzung von grünem Wasserstoff.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Remmert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Remmert
Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.
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