Unkrautvernichtungsmittel

Glyphosat-Vergleich von Bayer stockt noch

Von Jonas Jansen
20.05.2021
, 18:42
Behälter mit Roundup
Der Streit um das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup zieht sich weiter hin. Ein Richter in Amerika kritisiert Teile der geplanten Milliarden-Einigung.
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Der angestrebte Milliardenvergleich rund um das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup verzögert sich weiter, womit ein Schlussstrich unter den Rechtsstreit für den Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer in Ferne rückt. Der amerikanische Richter Vince Chhabria, bei dem viele landesweite Verfahren gebündelt sind, hat sich in einer Anhörung vor allem kritisch gegenüber dem Umgang mit zukünftigen Glyphosat-Klagen gezeigt.

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Ein wichtiger Teil des im vergangenen Jahr von Bayer und Klägeranwälten ausgearbeiteten Vergleichs, der bislang rund 96.000 Klagen zur angeblich krebserregenden Wirkung des Herbizids einschließt, sind mögliche Ansprüche von zukünftigen Klägern. Dafür will Bayer rund 2Milliarden Dollar zahlen, insgesamt geht es bei dem Vergleich um gut 11,6 Milliarden Dollar. Die möglichen Kompensationen für spätere Kläger liegen der Vereinbarung zufolge zwischen 5000 und 200.000 Dollar in einem Zeitraum von vier Jahren. Richter Chhabria aber sieht vor allem jene Landwirte im Nachteil, die vielleicht gerade noch Roundup benutzen, erst in einigen Jahren an dem Non-Hodgkin-Lymphom erkranken könnten und dann aber keine Ansprüche mehr geltend machen könnten. Erst im Februar hatten Bayer und Klägeranwälte eine Nachbesserung des Vergleichsvorschlags an Chhabria vorgelegt, nachdem der Richter an der „Fairness“ der ursprünglichen Vereinbarung gezweifelt hatte.

Für die finale Zustimmung des Richters müssen die Beteiligten aber offenbar noch etwas mehr nachbessern, wenngleich es schon Vorschläge für eine vier Jahre andauernde medizinische Überwachung und diagnostische Tests gibt sowie die Möglichkeit für Kläger, auf einen rund 1,3 Milliarden Dollar schweren Entschädigungsfonds zurückzugreifen. In der digital abgehaltenen Anhörung bezeichnete Chhabria das allerdings als „nicht besonders verlockend“, weil ein Großteil der Erkrankung mit NHL erst im Alter von über 65 Jahren diagnostiziert werde.

Auch mit dem Vorschlag von Bayer und den Klägeranwälten, ein unabhängiges wissenschaftliches Gremium einzurichten, kann sich der Richter noch nicht ganz anfreunden. Die Entscheidungen dieses Gremiums dürften nicht für andere Gerichte bindend sein, wenn diese nicht die Möglichkeit hätten, Mitglieder dieses Gremiums in zukünftigen Prozessen zu befragen. Chhabria selbst kündigte zum Ende der fünfstündigen Anhörung an, dass eine Entscheidung wohl noch „eine Weile dauern“ würde. An der Börse überraschte das kaum einen Analysten oder Anleger, der Kurs des Dax-Konzerns lag am Donnerstag minimal im Minus.

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In den Rechtsstreitigkeiten fährt Bayer seit Jahren eine Doppelstrategie. Neben den Vergleichsbemühungen hat der Dax-Konzern in den bislang verhandelten Prozessen, die er verloren hatte, Berufung eingelegt. Den ersten Fall rund um den an Krebs erkrankten Hausmeister Dewayne Johnson verfolgt das Unternehmen nicht mehr weiter. Gleichzeitig zahlt es aber einem weiteren Glyphosat-Kläger 100.000 Dollar, damit der in Berufung gehen kann. Bayer ist nämlich der Überzeugung, durch Gutachten der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA gestützt, dass Roundup eben nicht krebserregend ist – und will das möglichst vom Obersten Gerichtshof bestätigt sehen, um weitere Klagen in niedrigeren Instanzen zu verhindern. Mit dem Vergleich verfolgt Bayer vor allem die Taktik, dass mangels zukünftiger Klagen auch keine böse Überraschung in Form des sogenannten Strafschadenersatzes mehr droht. In den drei verhandelten Fällen wurden den Klägern von Jurys nämlich hohe Millionensummen an diesen „punitive damages“ zugesprochen, die eine Besonderheit des amerikanischen Rechtssystems sind.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jansen Jonas
Jonas Jansen
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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