Tourveranstalter im Interview

„2022 wird ein sehr schwieriges Jahr werden“

Von Benjamin Fischer
10.11.2021
, 16:37
Der Auftritt von Roland Kaiser in der Frankfurter Festhalle war Ende September das erste Konzert nach der Nutzung als Impfzentrum.
Die Agentur von Dieter Semmelmann organisiert seit einigen Wochen als eine von wenigen wieder Großkonzerte. Ein Gespräch über nicht praktikable Regelungen, wegbleibende Zuschauer, Personal-Probleme und steigende Ticketpreise.
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Herr Semmelmann, kleinere Konzerte finden seit einiger Zeit vielerorts wieder statt. Die Tourneen Ihrer Agentur Semmel Concerts sind da eher die Ausnahme.

Ja, wir machen die beiden wohl größten Tourneen, die derzeit durch Deutschland ziehen. Bei Roland Kaiser stehen nun am Wochenende noch die Shows Nummer 26 bis 28 an, dann sind wir durch. Wir hatten bei einigen Shows über 10.000 Besucher – fast wie vor Corona. Die „Let’s Dance“-Tour hat vergangene Woche begonnen und die Produktion ist nochmal umfangreicher. 140 Leute sind da mitsamt sehr viel Technik unterwegs. Für die beiden Tourneen hatten wir die Karten 2019 verkauft und wir sind froh, dass wir uns vor einigen Monaten entschieden haben, sie durchzuziehen. Das ist unter den aktuellen Bedingungen alles deutlich aufwendiger als ohnehin schon, aber die Reaktionen des Publikums waren phänomenal und auch im Sinne der diversen Dienstleister, die an einer Tour hängen, ist es die Mühe mehr als wert.

Mit Blick auf die verschiedenen Regelungen in den Bundesländern ist immer vom „Flickenteppich“ die Rede, der gerade auch Tourneen erschwere. Wie haben Sie es erlebt?

„Flickenteppich“ trifft es sehr gut. Wir hatten von 2-G bis hin zu fast überhaupt keinen Einschränkungen bei Open Airs alles dabei. Zum Teil waren die Regelungen mit Blick auf die unterschiedliche Inzidenz verständlich, zum Teil inhaltlich völlig unverständlich – und bisweilen auch einfach nicht praktikabel. Wenn ich zum Beispiel bei 10.000 Zuschauern eine Kontaktnachverfolgung gewährleisten will, diese dann aber nicht platzgenau erfolgt, dann kann ich es auch gleich lassen. Aber letztlich haben wir uns immer angepasst und bei der Roland Kaiser-Tour ist bislang nach unseren Informationen nur eine Infektion im Nachgang entdeckt und nachverfolgt worden. Solange große Konzerte professionell und mit strengen Einlasskontrollen durchgeführt werden, sind sie aus meiner Sicht kein Infektionstreiber.

Dieter Semmelmann hat seine Agentur 1991 gegründet. Sie organisiert unter anderem auch die Tourneen von Kerstin Ott, Nico Santos und zuletzt auch stets von Helene Fischer. CTS Eventim hält gut 50 Prozent der Anteile an Semmel Concerts.
Dieter Semmelmann hat seine Agentur 1991 gegründet. Sie organisiert unter anderem auch die Tourneen von Kerstin Ott, Nico Santos und zuletzt auch stets von Helene Fischer. CTS Eventim hält gut 50 Prozent der Anteile an Semmel Concerts. Bild: dpa

Konnten Sie teilweise auch die volle Kapazität einer Spielstätte nutzen?

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Wir hatten einige Konzerte in voll ausgelasteten Locations, ja. Es war nicht alles ausverkauft, aber wir konnten die Besucherzahl fast überall unterbringen. Das kann ja bei verschobenen Konzerten auch zum Problem werden, wenn es Einschränkungen gibt und mehr Karten verkauft waren, als Zuschauer zugelassen sind. Mit der Option auf 2-G ließ sich das in unserem Fall aber stets lösen, denn damit fallen im Gegensatz zu 3-G ja stets Abstandsregel und Maskenpflicht weg, sodass wir in solchen Fällen alle Zuschauer unterbringen konnten.

Erwarten Sie für kommende Touren bald flächendeckend 2-G oder denken Sie, dass es weiter einen Mix aus 2-G, 3-G und 3-G-Plus (PCR- statt Antigen-Test für Ungeimpfte und Nicht-Genesene nötig) geben wird?

Letztlich geht es uns darum, für unsere Zuschauer sichere Veranstaltungen möglich zu machen. Wenn die Behörden 2-G verlangen, dann machen wir 2-G. Wir haben im Laufe der Wochen festgestellt, dass die Impfquote bei unseren Konzerten ohnehin sehr hoch ist. Insofern haben wir keine Angst vor einer möglichen flächendeckenden Umstellung.

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Haben Sie bei den mehrfach verlegten Konzerten auch erlebt, dass deutlich mehr Ticketkäufer als üblich am Abend nicht kamen?

Ja, die No-Show-Quote liegt bei 15 bis 20 Prozent. Das ist deutlich mehr als vor der Pandemie. Manche Leute wissen womöglich gar nicht mehr, dass sie ein Ticket gekauft hatten. Andere wiederum sind einfach noch vorsichtig oder mit 2-G beziehungsweise 3-G nicht einverstanden und geben ihre Karten zurück.

Wie läuft denn der Vorverkauf für kommendes Jahr? Der Kalender ist ja derart voll, dass sich viele Konzerte gegenseitig Konkurrenz machen.

Das ist derzeit eigentlich unsere größte Sorge. Die Veranstaltungen, die während der Pandemie in den Verkauf gingen, werden oft nur sehr schleppend angenommen. Es braucht definitiv weitere finanzielle Unterstützung vom Staat, damit die Konzertbranche 2022 überbrückt bekommt. Enorm wichtig wäre zudem eine feste Zusage, dass zumindest Geimpfte und Genesene auf jeden Fall Konzerte besuchen werden und guten Gewissens Karten kaufen können. Das ist für die Branche essentiell – gerade mit Blick auf das anstehende Weihnachtsgeschäft – und es dürfte verfassungsrechtlich ohnehin sehr schwierig sein, Geimpften einen Konzertbesuch zu verbieten.

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Wie groß sind Ihre Umsatzeinbußen weiterhin?

Wenn man das ganze Jahr 2021 heranzieht, werden es im Vergleich zum Vor-Pandemie-Niveau weit über 70 Prozent sein. Wir konnten ja überhaupt erst im Sommer mit einigen wenigen Konzerten wieder starten und der Ausblick ist auch nicht gerade rosig. 2022 wird ein sehr schwieriges Jahr werden, da weiter bestehende Unsicherheit auf ein Überangebot an Konzerten treffen wird.

Während der Krise mussten sich viele Solo-Selbständige zwangsläufig umorientieren. Haben Sie Schwierigkeiten gehabt, für die beiden Touren Personal zu finden?

Wir hatten keine großen Probleme, aber das dürfte ehrlich gesagt auch daran liegen, dass in unserer Größenordnung derzeit eben fast nichts stattfindet. Wenn das Tour-Geschäft im kommenden Jahr wieder richtig losgeht, wird das für alle in der Branche eine enorme Herausforderung werden. Es ist daher unabdingbar, dass zumindest im Auf- und Abbau auch weiterhin ungeimpfte Personen im 3-G-Modus tätig sein dürfen.

Durch die damit einhergehend steigenden Personalkosten werden die Ticketpreise weiter steigen, glaubt unter anderem Eventim-Chef Klaus-Peter Schulenberg.

Natürlich werden die Kosten steigen, aber wir als Veranstalter müssen da sehr bedacht vorgehen. Bei vielen Konzerte, die bisher sehr günstig waren, werden die Ticketpreise wohl angezogen werden müssen. Das gilt gerade für den Club-Bereich und auch wir haben zum Beispiel für die Roland Kaiser-Open-Airs in Dresden („Kaisermania“) den Preis von 69 Euro auf 84 Euro für 2022 erhöht. Da gab es einiges an Kritik, aber die 69 Euro waren für den Aufwand eben schon immer vergleichsweise wenig. Bei den sehr hochpreisigen Shows, wo Karten schon jetzt weit mehr als 100 Euro kosten, lässt sich die Preisspirale bis auf wenige Ausnahmen sicher nicht einfach weiterdrehen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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