Commerzbank-Aufsichtsratschef

Unerbittlicher Kontrolleur

Von Hanno Mußler
05.07.2022
, 12:10
Helmut Gottschalk
Helmut Gottschalk ist als Prädikant tätig. In seinem Hauptberuf als Aufsichtsratschef der Commerzbank verzeiht er aber kaum Sünden. Jetzt beruft er schon das dritte neue Vorstandsmitglied in eineinhalb Jahren. Alle kommen von außen. Das gefällt nicht jedem.
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Helmut Gottschalk ist unbequem. Seine Kritiker werfen ihm hinter vorgehaltener Hand sogar vor, er sei detailversessen. Er gönne den Vorstandsmitgliedern der Commerzbank ihre Privilegien wie einen Fahrer oder einen Assistenten zum Kaffeeeingießen nicht. Ein anderer Vorwurf lautet, er mische sich für einen Aufsichtsratsvorsitzenden zu stark ins Tagesgeschäft ein. Hinter diesen Vorwürfen steckt mitunter der Frust einer Organisation, die sich gegen Veränderungen wehrt.

Die Vorwürfe lassen sich noch weiter nachvollziehen, mögen sie auch übertrieben sein. Gottschalk wurde im März 2021 von der Bundesregierung, die im Aufsichtsrat als Großaktionär das Sagen hat, ganz bewusst als Kontrolleur der Commerzbank ausgewählt, weil er eben kein früheres Vorstandsmitglied war. Damit hat der in diesem Jahr 71 Jahre alt werdende Schwabe im Vergleich zu seinen Vorgängern Klaus-Peter Müller und Stefan Schmittmann einen unabhängigeren Blick: Vieles in der Commerzbank ist für ihn nicht selbstverständlich, seine bisherige Distanz führt automatisch zu mehr Nachfragen.

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Als erstes änderte er die Boni

Hinzu kommt sein Naturell: Gottschalk hat sich schon während seiner Zeit als Aufsichtsratsvorsitzender der DZ Bank den Ruf erworben, ein gründlicher Analytiker zu sein. Er gibt im Ringen um die beste Lösung nie schnell klein bei, er verlangt Leistung, und er akzeptiert keine Fehler, mögen sie auch klein und unbedeutend erscheinen. Diese Charakterzüge zeigen sich nun auch in der Commerzbank. Dort eckt Gottschalk gerade mit seiner Leistungsorientierung an. Eine der ersten Entscheidungen, die Gottschalk traf, war denn auch die Änderung der Vorstandsboni.

Bislang galt in der Commerzbank, dass die Vorstandsmitglieder 50 Prozent ihres möglichen Bonus erhielten, wenn die Jahresziele zu 50 Prozent erreicht wurden. Gottschalk erkannte schnell, dass diese Regel zu wenig anspornt und daher nicht im Interesse der Aktionäre ist. Jetzt erhalten die Vorstandsmitglieder Boni, wenn 60 Prozent der Ziele geschafft wurden. Und die Boni steigen langsamer. Bei einer Zielerreichung von 80 Prozent gibt es für Vorstandsmitglieder erst etwa 25 Prozent des Möglichen.

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Kein Pardon für den IT-Vorstand

Wer in Gottschalks Augen zu wenig leistet, muss sogar ganz gehen. Der Vertrag von IT-Vorstand Jörg Hessenmüller war erst vor wenigen Tagen um drei Jahre verlängert worden, als sich herausstellte, dass das größte IT-Projekt der Commerzbank – die Auslagerung der Wertpapierabwicklung an HSBC – vor dem Scheitern steht. Hessenmüller hatte den Schaden von 300 Millionen Euro entweder verheimlicht oder selbst nichts davon gewusst, für Gottschalk in jedem Fall ein Grund, sich von Hessenmüller zu trennen.

Ohnehin ist die IT, für die Gottschalk von Januar 2022 an den früheren IKB-Vorstand Jörg Oliveri del Castillo-Schulz verpflichtete, eine komplexe Baustelle: Bis 2024 trennt sich die Commerzbank von rund 10 000 Mitarbeitern, digitale Prozesse sollen sie ersetzen. Doch wenn viele Mitarbeiter jetzt schon ausscheiden, steht die IT als Ersatz oft noch gar nicht parat. „Es quietscht an der einen oder anderen Stelle“, hat der Vorstandsvorsitzende Manfred Knof – auch er kam wie Gottschalk im Januar 2021 von außen – gerade im F.A.Z.-Interview zugegeben.

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Vor allem im Privatkundengeschäft besteht Grund zur Unzufriedenheit. Gottschalk entmachtete im vergangenen Jahr das Vorstandsmitglied Sabine Schmittroth und überging Arno Walter, den eloquenten Bereichsvorstand und früheren erfolgreichen Vorstandschef der Comdirect. Stattdessen holte er als Privatkundenvorstand Thomas Schaufler von der österreichischen Ersten Bank . Schmittroth blieb zunächst Personalvorstand, aber sie verlängert ihren zum Ende dieses Jahres auslaufenden Vertrag nicht. Wie die F.A.Z. vor zwei Wochen vorab berichtete, wird der Aufsichtsrat an diesem Mittwoch aller Voraussicht nach die von Gottschalk als Nachfolgerin ausgewählte Sabine Mlnarsky – sie kommt ebenfalls von der Ersten Bank – als neue Personalvorständin berufen. Alle diese Personalentscheidungen kann man als Voten gegen die Besitzstandswahrung interpretieren.

Auch mit Finanzvorstand Bettina Orlopp, eigentlich anerkannte Herrscherin über die Geschäftszahlen, hat sich Gottschalk schon Scharmützel geliefert. In den Jahresabschluss hatte sich im Anhang in einer Tabelle ein nicht besonders bedeutender Fehler eingeschlichen, den Gottschalk bemerkte. Und da kennt er kein Pardon, es muss alles stimmen. Deshalb musste der Wirtschaftsprüfer noch mal ran – und Orlopp nacharbeiten.

Mit seiner fast pietistischen Haltung ist der frühere Volksbanker Gottschalk unbequem, vor allem in einer Kultur, wie sie in der Commerzbank lange herrschte: Das alte Management setzte viele Jahre vergeblich auf steigende Zins(einnahm)en und kürzte die Kosten zu wenig. Dass Kunden dank eines engmaschigen Filialnetzes in Scharen zur Commerzbank finden, blieb weitgehend eine Illusion. Und wenn doch neue Kunden kamen, waren es meist Billigheimer, die die Commerzbank nicht zu ihrer Hausbank machten, sondern nur die Prämien abgreifen wollten. Gottschalk und der neue Vorstandsvorsitzende Knof haben mit der großen Sause Schluss gemacht.

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Gottschalk hat nicht nur in seinem Büro in der 47. Etage in der Commerzbank-Zentrale andere Bilder mit moderner Kunst nach seinem Geschmack aufgehängt. Auch der frische Wind einer neuen Leistungskultur weht durch die Räume. Dabei ist Gottschalk durchaus gesellig, er pflegt mindestens zwei Skatrunden und ist auch in der Runde der Frankfurter Aufsichtsratsvorsitzenden präsent. Schon im genossenschaftlichen Spitzeninstitut DZ Bank haben sie ihn unterschätzt, den langjährigen Vorstandssprecher der Volksbank Herrenberg aus dem fernen Schwarzwald. Ein Fehler. Dabei steht der Protestant Gottschalk fürs Maßhalten: Die Limite, die er im internationalen Kreditgeschäft vorgibt, sind manchem zu eng.

Als Prädikant, also als Laienprediger, gestaltet Gottschalk in seiner evangelischen Kirche alle vier bis sechs Wochen einen Gottesdienst, inklusive Predigt. Auch die Commerzbank-Vorstände werden weiterhin ihre Sünden vor ihm beichten müssen. Anschließend gegebenenfalls hart durchzugreifen hält Gottschalk für seine Pflicht, sieht sich der überzeugte Marktwirtschaftler doch als Diener des staatlichen Großaktionärs. Wie lange noch? Gottschalk hat einige Schicksalsschläge in der Familie erlebt. Demütig steht für ihn seine – noch gute – Gesundheit an oberster Stelle. Sein Mandat läuft bis zum Frühjahr 2023. Aber wer ihn kennt, weiß: Der Mann will die Commerzbank fit machen, damit der Staat aussteigen kann.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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