Hühnergrippe

Die Sorge vor der tödlichen Hühnergrippe wächst

10.06.2005
, 15:02
Bisher gab es keine Übertragung von Mensch zu Mensch
Ein Ausbruch der Hühnergrippe in Asien könnte Verkehr und Handel zum Erliegen bringen, mit gefährlichen Folgen für die Wirtschaft. Einziger Gewinner ist der Pharmakonzern Roche, der ein wirksames Medikament produziert.
ANZEIGE

Gut 20.000 Haushalte in Hongkong erhalten dieser Tage Post von der Stadtverwaltung. Darin liegt ein weißes Päckchen. In ihm finden Mundschutz, Pillen und ein Thermometer Platz. Ein beigelegtes Handbuch gibt Anweisungen, wie die Ansteckung mit Grippe vermieden werden kann.

ANZEIGE

2.600 Kilometer südlich, auf der Singapurer Insel Pulau Ubin, müssen die Bauern bis Mittwoch kommender Woche ihr Federvieh keulen - sonst droht eine Strafe von 10.000 Singapur-Dollar (4.900 Euro) und einem Jahr Gefängnis.

In der indonesischen Hauptstadt Jakarta prüfen Fachleute der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Blutprobe eines Arbeiters aus Süd-Sulawesi auf den Verdacht der Ansteckung mit dem Virus H5N1 - der Hühnergrippe. Sie wird auch auf der Tagesordnung der Regierungschefs der führenden Industrienationen G8 bei ihrem Treffen in Großbritannien im Juli stehen.

Warnsignale aus Asien

Die Hühnergrippe zieht immer weitere Kreise in Asien und treibt nun auch den Rest der Welt zum Handeln. Noch springt das Virus nur von Geflügel auf Menschen über. Breitet es sich aber erst von Mensch zu Mensch aus, könnte dies zu einer globalen Katastrophe führen, die ihren Ursprung in Asien fand. Deren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sind kaum abzusehen.

"Alle Fachleute sind sich einig: Die nächste Pandemie wird kommen, ja ist überfällig", sagt David Ho, der das Aids-Forschungszentrum in New York leitet und nun hilft, die Vogelgrippe zu erforschen. "Wir haben keine Ahnung, ob eine Pandemie in der nächsten Woche oder im nächsten Jahr ausbrechen wird", sagt Klaus Stohr, der die Grippebekämpfung der WHO leitet.

ANZEIGE

"Es gibt keine Sicherheiten, aber es gibt Sorgen." Und die wachsen. "Anders als Erdbeben geben Pandemien Warnsignale - und all diese leuchten derzeit in Asien", heißt es im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Verbreitung könnte Millionen töten

Beim Ausbruch der spanischen Grippe 1918/19 starben weltweit zwischen 20 und 40 Millionen Menschen. Die asiatische Grippewelle 1957 und die Grippe in Hongkong 1968 hingegen kosteten jeweils weniger als eine Million Menschenleben.

"Damals aber zählte China 790 Millionen Menschen und 12,3 Millionen Stück Geflügel. Heute liegen die Zahlen bei 1,3 Milliarden Menschen und 13 Milliarden Stück Federvieh. Entsprechend sind die Werte für andere asiatische Länder gewachsen - ein unglaubliches Brutgebiet für Viren", warnt Michael T. Osterholm vom Zentrum für Infektionskrankheiten der Universität Minnesota.

Die WHO rechnet damit, daß bei einer Verbreitung des H5N1-Virus 1,5 Milliarden Menschen behandelt werden müßten. Zwischen zwei und sieben Millionen könnten sterben. Osterholm will 40 Millionen Tote nicht ausschließen.

Ausbruch kostet bislang 8 bis 12 Milliarden Dollar

Schon das vorsichtigste Planspiel aber birgt dramatische Folgen für die Wirtschaft der Region, ja der Welt. "Regierungen würden bei einem Ausbruch sofort Auslandsreisen und den Außenhandel einschränken, ja müßten sie beenden", warnt Osterholm. Dieses Szenario weckt in Asien Erinnerungen an die vor zwei Jahren grassierende Lungenkrankheit Sars, in deren Folge Handel und Reiseverkehr zum Erliegen kamen.

ANZEIGE

Ende 2003 wurde das Virus H5N1 in Thailand und Vietnam entdeckt. Die dadurch ausgelöste Grippe grassierte in China, Indonesien, Japan, Kambodscha, Korea und Laos. Seit 2003 zählte die WHO 97 Ansteckungen eines Menschen und 54 Tote. Mehr als 140 Millionen Stück Federvieh wurden seitdem geschlachtet, der Welthandel mit Geflügel hat enorm gelitten.

Die Analysten der Investmentbank CLSA Asia-Pacific notieren, der Ausbruch habe Asien bislang zwischen 8 und 12 Milliarden Dollar gekostet. Sie warnen davor, daß Investoren das Risiko einer Pandemie übersehen oder verdrängen würden. Die Volkswirtschaften von Hongkong, Singapur und China würden am härtesten getroffen, gemessen an ihren Ausgaben für die Gesundheitsfürsorge, der Zahl ihrer Touristenankünfte und ihrer Abhängigkeit vom Handel.

Impfen nützt der Wirtschaft nicht

Aufgrund des hohen Entwicklungsstandes zumindest von Hongkong und Singapur aber seien dort relativ weniger Tote zu erwarten. Die Analysten der Citigroup sekundieren - sie haben in den vergangenen Monaten mehrfach auf die wachsenden wirtschaftlichen Risiken hingewiesen.

ANZEIGE

"Selbst wenn ein Industrieland seine ganze Bevölkerung durchimpfte, könnte es sich nicht vor den Folgen des Zusammenbruchs der Weltwirtschaft schützen", warnt Osterholm. Wirtschaftlich betrachtet, wird die Lage auch dadurch schwieriger, daß andererseits eine mögliche Überreaktion der öffentlichen Gesundheitssysteme die Länder teuer zu stehen kommt: "Wenn die Behörden zu früh handeln, verfallen sie in unnötigen und teuren Aktionismus", heißt es bei der WHO.

Der Gewinner heißt La Roche

Es gibt allerdings auch klare Gewinner der Krise: An erster Stelle steht der Schweizer Pharmakonzern F. Hoffmann-La Roche. Denn der produziert, was die Welt nun braucht: Tamiflu. Die weißgelben Kapseln - der Preis einer Packung liegt in Singapur bei umgerechnet 25 Euro - gelten als wirksames Mittel gegen die Symptome der Hühnergrippe.

2004 lag der Roche-Umsatz mit Tamiflu bei 330 Millionen Schweizer Franken (215,5 Millionen Euro). Allein im ersten Quartal dieses Jahres zog er auf 424 Millionen Franken an. Wer auch immer unter den Pharmakonzernen eine Spritze gegen ein mutiertes Virus auf den Markt bringen wird, dürfte zu den sicheren Gewinnern der Weltbörsen zählen.

ANZEIGE

Allerdings hat nicht jeder die gleiche Chance, sich zu schützen. Hongkong etwa hortet 20 Millionen Tabletten und deckt damit 30 Prozent seiner Bevölkerung ab. Leung Pak-yin, Leiter der dortigen Gesundheitsbehörde, rief die Hongkonger gerade auf, nicht auf eigene Faust und in Panik zu Tamiflu-Hamsterkäufen überzugehen.

Jeder Staat braucht eigene Medikamentenvorräte

Norwegen deckt 30 Prozent seiner Menschen ab, Großbritannien schützt 24 Prozent seiner Bevölkerung, Frankreich 22 Prozent. Die WHO empfiehlt, Regierungen sollten mindestens ein Viertel der eigenen Bevölkerung mit Tamiflu versorgen können.

Davon ist das Epizentrum Asien Lichtjahre entfernt: Vietnam - wo die Hühnergrippe im vergangenen Jahr aufflammte - kommt gerade einmal auf 0,0024 Prozent, Kambodscha auf 0,0021 Prozent Abdeckung seiner Menschen mit Tamiflu.

"Verlassen Sie sich nicht auf die Industrieländer der Welt, wenn es zur Katastrophe kommt. Sie werden ihre Grenzen schließen und ihre Vorräte an Tamiflu und Impfungen für sich selber nutzen", warnt Robert G. Webster die Vertreter der zehn Länder Südostasiens. Er ist Experte für Ansteckungskrankheiten am St. Jude Children's Research Hospital im amerikanischen Memphis. "Verlassen Sie sich nicht auf Amerika - Sie müssen sich ihre eigenen Vorräte anlegen."

Quelle: che.,F.A.Z., 10.06.2005
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE