Medizinische Forschung

Wenn das Immunsystem gegen Krebs kämpft

Von Klaus Max Smolka
24.03.2015
, 08:44
Forschung in einem Labor der Tübinger Biotechgesellschaft Curevac
Pharmakonzerne entwickeln Arzneien, die das körpereigene Abwehrsystem gegen Tumore aktivieren – ein verheißungsvolles Gebiet. Zwei deutsche Unternehmen haben zuletzt besonders auf sich aufmerksam gemacht. 

Der Vorstandsvorsitzende von Merck&Co. gerät ins Schwärmen, wenn die Rede auf eine der vielversprechenden neuen Entwicklungen in der Arzneiforschung kommt: die Immunonkologie. „Ohne Einschränkung: Das ist eines der aufregendsten Dinge, die in vielen, vielen Jahren in der Medizin passiert sind“, sagte Kenneth Frazier vor kurzem im Gespräch mit dieser Zeitung. „Seit mehr als 50 Jahren gibt es den Traum, dass wir das körpereigene Immunsystem dazu bekommen, Krebszellen anzugreifen – und wir sind jetzt gerade am Beginn.“

In der Tat: In einer Zeit, in der viel darüber diskutiert wird, ob Pharmakonzerne überhaupt noch echten Fortschritt bieten oder eher Scheininnovationen, ist die Bekämpfung von Krebs eines der Felder mit unzweifelhaft hohem medizinischen Bedarf. In vielen Fällen können Krebspatienten bisher nur auf ein wenig längere Lebenszeit hoffen. Daher spielt die Onkologie für die Pharmaindustrie eine zentrale Rolle – und die Immuntherapie wiederum hat eine zunehmende Bedeutung.

Der auf Pharmadaten spezialisierte Statistikdienstleister IMS Health prognostiziert mit Blick auf die Onkologie: „Das hohe Aufkommen von Neuerungen in den vergangenen Jahren wird sich fortsetzen und zu den globalen Ausgaben für Krebspräparate beitragen.“ Er schätzt, dass Patienten beziehungsweise Krankenkassen 2018 auf der ganzen Welt etwa 100 Milliarden Dollar dafür ausgeben werden, nach 65 Milliarden Dollar im Jahr 2013. Binnen zehn Jahren hätten sich die Ausgaben dann verdoppelt.

Bei Krebszellen fehlt dem Immunsystem das Signal

Zusammen mit Autoimmun- und Atemwegserkrankungen ist Onkologie das Feld, in dem besonders viele medizinische Fortschritte erwartet werden. IMS zählte vor einiger Zeit global 374 Projekte, die in der zweiten von drei Stufen an Menschen getestet werden, sowie 120 in der dritten und letzten Phase. Der Ansatz über das körpereigene Abwehrsystem wird hier eine wichtige Rolle spielen: „Eine Reihe neuer Immuntherapien wird zu wichtigen Bestandteilen im Instrumentenkasten der Krebsbehandlung werden“, sagen Fachleute.

Herkömmliche Therapien gegen Krebs zielen direkt auf den Tumor ab. Bestrahlung, Herausoperieren oder Arzneien, die sich im Kern bislang in zwei Kategorien aufteilen: die klassische Chemotherapie, die allerdings auch gesunde Zellen attackiert, und neuere Präparate, die gezielt Wachstumsfaktoren in Krebszellen hemmen. Immunonkologische Wirkstoffe sollen nun ganz neue Optionen eröffnen. Forschern geht es darum, wie sie die Fähigkeit des körpereigenen Immunsystems aktivieren können, den Tumor zu bekämpfen. Zum Beispiel wie man jene Signalwege im Körper beeinflusst, die auch Tumorzellen nutzen, um ihrer Erkennung und Zerstörung auszuweichen.

Um Krankheiten abzuwehren, muss das Immunsystem Erreger und körperfremde Stoffe erkennen und eindämmen, sich dabei aber auch so regulieren, dass es nicht irrtümlich auch gesunde Zellen angreift – wie das bei Autoimmunerkrankungen vorkommt, zum Beispiel Rheuma. Zudem hat das Immunsystem ein „Gedächtnis“, das vor einem neuerlichen Eintreten der Krankheit schützen soll. „Bei der Überwachung von Tumorzellen steht das Immunsystem allerdings vor einer schwierigeren Aufgabe: Bei Krebszellen handelt es sich um körpereigene Zellen“, erklärt der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). „Der eigene Körper soll jedoch normalerweise nicht angegriffen werden. Daher fehlt dem Immunsystem das eindeutige Signal ,fremd‘ oder ,anders‘ zum Start der Immunreaktion.“ Diese fehlende Reaktion versuchen Wissenschaftler seit langem therapeutisch zu erzeugen.

Ein 850 Millionen Dollar-Schub für die Merck-Forschung

International gelten Bristol-Myers Squibb (BMS) und Merck&Co. als führende Anbieter in der Immuntherapie. BMS bekam schon vor vier Jahren sein Hautkrebsmittel Yervoy von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA genehmigt. Der Antikörper blockiert ein Molekül mit dem Namen CTLA-4, das eine Rolle dabei spielen soll, das Abwehrsystem zu behindern oder gar abzuschalten. Das Präparat wird intravenös verabreicht. Inzwischen ist von BMS noch ein weiteres Immuntherapeutikum gegen Hautkrebs zugelassen. Merck&Co. hat sich mit dem Wirkstoff Keytruda profiliert, der in den Vereinigten Staaten zugelassen ist – ebenfalls für Hautkrebs. Aber wie bei vielen Krebspräparaten soll das Anwendungsspektrum mit der Zeit ausgeweitet werden. „Wir experimentieren damit an 30 Tumortypen“, sagte Merck&Co.-Chef Frazier im Interview. International sind noch weitere Großkonzerne in der Immunonkologie aktiv, unter anderem die beiden Schweizer Marktführer Roche und Novartis sowie die britisch-schwedische Astra-Zeneca.

In Deutschland haben in den vergangenen Monaten zwei Unternehmen besondere Aufmerksamkeit erregt, die sich mit Immunonkologie beschäftigen. Der Darmstädter Dax-Konzern Merck KGaA – der außer gemeinsamen historischen Wurzeln nichts mit dem amerikanischen Namensvetter zu tun hat – knüpfte im November vergangenen Jahres eine Kooperation mit dem amerikanischen Großkonzern Pfizer. Beide arbeiten an der Gruppe der sogenannten PD-1- und PD-L1-Antikörper. Dabei geht es darum, einen Mechanismus zu bekämpfen, der es Tumoren ermöglicht, der Ausschaltung durch das Immunsystem zu entgehen. Die Kooperation mit Pfizer ist insofern bemerkenswert, als sie der seit vielen Jahren weitgehend erfolglosen Merck-Forschung einen plötzlichen Schub verleiht. Merck bekam eine Vorauszahlung in Höhe von 850 Millionen Dollar zugesagt – obwohl das in die Kooperation eingebrachte Präparat, neuerdings als Avelumab bekannt, erst die zweite von drei umfassenden Testphasen am Menschen durchläuft.

Curevac wird von Bill Gates unterstützt

Darüber hinaus könnte Merck – je nach Erfolg – bis zu weitere 2 Milliarden Dollar von Pfizer einstreichen. Pfizer, bis vor kurzem der mit Abstand größte Pharmakonzern global, hinkt in diesem vielversprechenden Gebiet der Medizin hinterher. Als die Amerikaner voriges Jahr eine Offerte für Astra-Zeneca vorbereiteten, sollen sie besonders an deren Immunonkologie interessiert gewesen sein.

In diesem Monat gewann schließlich die Tübinger Biotechgesellschaft Curevac Aufmerksamkeit, weil die Stiftung des Microsoft-Gründers Bill Gates dort einsteigt. Er hat im Zuge einer Kapitalerhöhung für 46 Millionen Euro ein 4-Prozent-Paket erworben. Gates ist zwar offenbar in erster Linie an der Palette von Impfungen interessiert, die Curevac gegen Grippe, Tollwut, HIV oder Tuberkulose entwickelt. Das Unternehmen forscht an Produkten auf Basis von Boten-RNA; Informationsträgern, die den Bau von Proteinen anleiten. Gates hat sich mit der Stiftung das Engagement in Entwicklungsländern auf die Fahne geschrieben, und was ihn an Curevac reizt: Die Impfstoffe könnten kostengünstig produziert werden und beim Transport einigermaßen unempfindlich gegen Hitze sein.

In einem anderen Zweig befasst sich Curevac aber mit Immuntherapien gegen Krebs. Partner dabei: Deutschlands zweitgrößter Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. Am weitesten fortgeschritten ist ein Mittel gegen Prostatakrebs, das gerade in der zweiten klinischen Testphase steht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Smolka, Klaus Max
Klaus Max Smolka
Redakteur in der Wirtschaft.
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