Warnung vor Chipmangel

„Wir brauchen jetzt einen Wow-Effekt für Europa“

Von Sven Astheimer und Hendrik Kafsack, Brüssel
22.09.2022
, 06:55
Halbleiter aus Deutschland: Bosch hat in Dresden viel Geld in die Produktion investiert. Doch der Bedarf der Industriekunden ist gewaltig.
Die EU will mit dem Chips Act die heimische Chipindustrie fördern. Doch Siemens und Co. kritisieren, dass die Maßnahme am Bedarf vorbeigeht.
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Ohne Halbleiter geht in der Wirtschaft nicht mehr viel. Allein in einem neuen Auto sind mehr als tausend solcher Chips verbaut, und die Tendenz ist steigend. Die globalen Lieferkettenprobleme nach Ausbruch der Pandemie haben jedoch gezeigt, wie verwundbar gerade die europäische Industrie auf diesem Gebiet ist. Nicht nur die großen deutschen Autohersteller schieben einen gewaltigen Auftragsüberhang vor sich her, weil sie wegen fehlender Chips bis heute nur eingeschränkt produzieren können. Um die Abhängigkeit gerade von Lieferanten aus Asien zu verringern, hat die Europäische Union im Februar den European Chips Act auf den Weg gebracht. Übergeordnetes Ziel ist es, den europäischen Marktanteil an der Chipproduktion auf der Welt bis zum Jahr 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Dazu hat Brüssel 43 Milliarden Euro an öffentlichen Fördermitteln in Aussicht gestellt. Im Frühjahr konnte mit der Entscheidung des US-Konzerns Intel , in Magdeburg für rund 17 Milliarden Euro mehrere Werke für die Produktion hochmoderner Mikrochips zu bauen, ein spektakulärer Erfolg gemeldet werden.

Doch aus der Wirtschaft kommt jetzt die klare Forderung an die EU, den Chips Act neu auszurichten. Man begrüße die Initiative der Kommission ausdrücklich, sagte der zuständige Vorstand des Technologiekonzerns Siemens, Cedrik Neike, der F.A.Z., „aber wir müssen den Chips Act unbedingt erweitern“. Neike weist auf den rapide steigenden Bedarf allein in seinem Unternehmen hin. Gefragt seien weniger High-End-Chips kleinster Strukturgrößen, wie sie in Magdeburg hergestellt werden sollen. Diese Kategorie der Chips, mit Strukturgrößen von weniger als 16 Nanometern, machten lediglich 4 Prozent des Weltmarktes aus. Der Fokus des Chips Act sei viel zu sehr auf diese Größenordnung ausgerichtet. Tatsächlich hat die Europäische Kommission bei der Vorlage des Chips Act für die EU das Ziel ausgerufen, „eine führende Rolle bei Entwurf und Herstellung der nächsten Generation von Mikrochips mit Knotengrößen von zwei Nanometern und darunter zu spielen“. Der federführende Binnenmarktkommissar Thierry Breton redet immer wieder genau davon.

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„Wir brauchen eine konsequente Weiterentwicklung“

Woran es aus Sicht von Siemens-Vorstand Neike hingegen gerade auch während der Corona-Krise mangelte, seien sogenannte industrielle Chips mit größeren Strukturen, die besonders geeignet und wichtig im industriellen Anwendungsbereich sind. „Wir müssen sicherstellen, dass wir diese Halbleiter hier bauen und entwickeln können“, fordert er. Im kommenden Jahr brauche Siemens signifikant mehr Chips als in diesem Jahr. Nach jetzigem Stand sei der Konzern quasi gezwungen, den Mehrbedarf vor allem in den USA und in Asien zu decken.

Unter den heimischen Zustellern stößt die Forderung auf offene Ohren. „Wir bauen ja in Europa“, sagt Jochen Hanebeck, der Vorstandsvorsitzende von Infineon , und verweist auf die jüngste Erweiterung seiner Fertigung im österreichischen Villach, wo 300-Millimeter-Wafer produziert werden. Mit Blick auf das europäische Beihilferecht fordert Hanebeck jedoch Förderbedingungen, die dem europäischen Ziel, 20 Prozent der weltweiten Halbleiterproduktion in Europa anzusiedeln, wirklich gerecht werden. Sollte Europa auch bei kleineren Knotengrößen aufschließen wollen, erwartet der Manager in Anbetracht des internationalen Standortwettbewerbs Förderquoten von 50 Prozent. „Taiwan ist Europa bei kleinen Knotengrößen 20 Jahre voraus“, sagt er. In Magdeburg sei der Förderanteil für Intel auch höher gewesen.

„Wir brauchen eine konsequente Weiterentwicklung der Förderinstrumente im Forschungsbereich“, fordert Hanebeck. Er begrüßt das klare Statement der Kommission durch den Chips Act, die Lage der europäischen Halbleiterindustrie zu stärken. Allerdings dürfe man nicht nur die Fertigung im Auge haben, sondern müsse das gesamte Ökosystem fördern, zu dem auch Forschung, Infrastruktur, Energieversorgung und Einbindung in die Lieferketten gehörten. Auch wenn die Förderung der Chip-Industrie einen enormen Kostenblock darstelle, sei sie absolut notwendig, wenn etwa die Energiewende ein Erfolg werden solle. „Völlige Autarkie ist aber ein Irrglaube“, warnt Hanebeck, die europäische Industrie profitiere von der internationalen Arbeitsteilung.

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Um die Ansiedlungen neuer Chipfabriken ist längst ein Wettlauf rund um den Globus entbrannt, für den gewaltige Subventionsversprechen locken. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) beobachtet die Entwicklung mit einer gewissen Sorge. „Die USA fördern die Branche mit 52 Milliarden Dollar an frischem Geld, während in Europa nur 43 Milliarden Euro, meist aus bestehenden Programmen und staatlichen wie privaten Investitionen, kommen“, warnt Iris Plöger aus der BDI-Hauptgeschäftsführung. Dazu kämen in Amerika weitere Fördermittel von 82 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung. Auch in China und Südkorea würden deutlich höhere Summen für die Chipbranche mobilisiert. „So wird der angestrebte Marktanteil von 20 Prozent kaum zu schaffen sein“, sagt Plöger mit Blick auf den Chips Act. Auch Plöger wirbt dafür, den Fokus stärker auf Halbleiter mit größeren Strukturgrößen zu richten. „Die im EU-Chips-Act angedachte Förderung von Größen von bis zu sieben Nanometern läuft an den Chipbedarfen der Industrie vorbei. 67 Prozent der Chips haben heute Größen von 90 Nanometern und mehr, 21 Prozent liegen zwischen 22 und 65 Nanometern, und darin wird sich nichts entscheidend ändern.“

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Auch Wolfgang Weber wirbt für höhere Ausgaben in Europa. Die Chipbranche wachse jährlich um rund ein Viertel, sagt der Chef des Verbands der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) der F.A.Z. Deshalb brauchten die EU-Staaten keine Angst zu haben, Geld in den Sand zu setzen. Der Bedarf sei da. Förderungswürdige Technologien gebe es dabei bei allen Chip-Größen, etwa wenn es darum gehe, Prozesse zu optimieren, Halbleiter ressourcenschonender herzustellen oder neue Materialien einzusetzen. All das zählt der EU-Chips-Act zwar durchaus als förderwürdig auf. Es fehle allerdings an politischem und finanziellem Rückhalt dafür. Dabei müsse die EU gerade jetzt eher klotzen als kleckern: „Wir brauchen die gebündelten Kräfte von Industrie und Politik, wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen. Wir brauchen jetzt einen Wow-Effekt für Europa.“

Umstrittene europäische Halbleiter-Initiative

Der "EU Chips Act" soll Europa in der Fertigung hochmoderner Halbleiter zurück in die Weltspitze bringen. Der Anteil am Weltmarkt soll bis 2030 auf 20 Prozent steigen. Das wäre eine Vervierfachung der Produktion. Der Chips Act ist also nicht primär eine Antwort auf die Lieferkettenprobleme nach der Corona-Krise. Dafür käme er auch zu spät. Der Bau einer Chip-Fabrik dauert drei bis fünf Jahre. Vorbild ist der "US Chips Act". Deshalb war es der Kommission wichtig, mit 43 Milliarden Euro eine ähnlich Fördersumme vorzuweisen. Anders als in den USA ist das aber kaum frisches Geld. Der Chips Act - über den nun Europaparlament und EU-Staaten beraten - ruht auf drei Säulen. Die erste Säule soll die Forschung und ihre industrielle Nutzung fördern. Dafür sind 11 Milliarden Euro reserviert. Die dritte Säule soll Lieferengpässe verhindern. Die Kommission will dafür Märkte genauer überwachen und im Extremfall die direkt in die Produktion eingreifen. Die größte Aufmerksamkeit hat die zweite Säule hervorgerufen, die Investitionen anziehen und die Produktion in der EU ausweiten soll - mit besonderem, aber nicht exklusivem Fokus auf Chips sehr kleiner Strukturgrößen. Das richtet sich sowohl an Auftragsfertiger als auch an Fabriken, in denen Konzerne Chips für den Eigenbedarf fertigen wie eben das Intel-Werk in Magdeburg. Sie sollen, so sie "einmalig in Europa" sind, von schnellen Genehmigungsverfahren profitieren. Vor allem aber können die EU-Staaten sie großzügig subventionieren und bis zu 100 Prozent der Finanzierungslücke übernehmen. Das war für die Ansiedlung von Intel in Magdeburg entscheidend. Letzteres ist innerhalb der Kommission durchaus umstritten. Kritiker warnen vor einem globalen Subventionswettlauf. hmk.

Quelle: F.A.Z.
Sven Astheimer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Sven Astheimer
Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.
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Autorenporträt / Hendrik Kafsack
Hendrik Kafsack
Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.
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