Interview mit dem Chefarzt der Münchener Rück

„Armut macht dick“

14.03.2008
, 07:32
Eine Cola geht noch
Übergewicht ist Ursache vieler Krankheiten: von Diabetes bis Krebs. Achim Regenauer, Chefarzt der Münchener Rück, erläutert die gesundheitlichen Folgen der Fettsucht, was das Staat und Krankenkassen kostet und wie segensreich Bewegung und gutes Essen auf die Gesundheit wirken.
ANZEIGE

Übergewicht ist Ursache vieler Krankheiten: von Diabetes bis Krebs. Die gesundheitlichen Folgen der Fettsucht, was das Staat und Krankenkassen kostet und wie segensreich Bewegung und gutes Essen auf die Gesundheit wirken, erläutert Achim Regenauer, Chefarzt der Münchener Rück, im Gespräch mit der F.A.Z.

ANZEIGE

Herr Regenauer, die Krankenversicherer wollen ihre Kunden zur gesunden Ernährung anhalten. Denn schlanke Versicherte kosten weniger. Was haben Sie denn gerade zu Mittag gegessen?

Ich hatte einen schönen Heringssalat.

Zu viel Fett und Eiweiß, oder?

Nö, das können Sie schon essen. Man darf auch nicht die Lebensqualität vernachlässigen. Wichtig ist ausreichende Bewegung, daran hapert es aber. Die meisten Schreibtischarbeiter legen am Tag nicht mal einen Kilometer zurück. Die längste Entfernung ist für die meisten der Weg vom Büro zur Kantine. Das geht natürlich auf die Dauer nicht gut, denn wir haben unsere Essgewohnheiten nicht angepasst.

Der Arzt empfiehlt also, zwei Kilometer zu laufen?

Zu wenig. Wenn Sie eine konkrete Empfehlung wollen: Mindestens drei- bis viermal die Woche 30 Minuten, und dann sollte es ein zügiger Spaziergang sein und kein Schaufensterbummel. Radfahren, Schwimmen oder Dauerlauf sind natürlich auch prima.

Aber warum sollte man nicht einfach zunehmen? Vielleicht fühlen sich füllige Menschen einfach wohl.

Übergewicht ist nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern es verändert den ganzen Körper. Das Fettgewebe sendet zum Beispiel Hormone aus. Das verändert wiederum den Stoffwechsel und trägt dazu bei, dass die Menschen eher einen Diabetes mellitus entwickeln, zu Deutsch: Sie erkranken häufiger und früher im Leben an Zucker. Sie entwickeln schneller eine Arteriosklerose, was zu Herzinfarkt, Herzkranzverengung und Schlaganfall führen kann. Es gibt sogar Hinweise, dass Übergewicht die Wahrscheinlichkeit erhöht, an Krebs zu erkranken. Wir reden zudem über ein globales Phänomen.

Die Amerikaner sind doch mit Abstand am dicksten, oder?

Europa folgt dem amerikanischen Trend zur Fettleibigkeit mit einer Verzögerung von nur wenigen Jahren. Das ist nicht einmal auf die westliche Welt begrenzt. Besonders im Nahen und Mittleren Osten ist es noch ausgeprägter als in Amerika. In Asien lagern die Menschen noch früher im Leben Fett ein. Beispielsweise in der schnell wachsenden indischen Mittelschicht ist das ein Problem. Die fettleibigen Inder erkranken noch früher als die übergewichtigen Deutschen an Zucker mit den damit verbundenen Komplikationen. In den westlichen Ländern nimmt die Fettleibigkeit dagegen vor allem in der Unterschicht zu.

ANZEIGE

Armut macht dick?

Das kann man für unser Land so sagen. Eine Rolle spielt, dass die Familien anders leben als früher. Die herkömmliche Rolle der Hausfrau ist meist nicht mehr besetzt. Früher hat sie dafür gesorgt, dass vernünftig gegessen wurde. Diese Institution ist ersetzt durch die Döner-Bude, durch die Bäckereikette. Das schnelle Essen ist sehr süß, sehr fett.

Die Welt wird dicker, und die Deutschen werden dicker. Wie schnell?

Die Fettleibigkeit der deutschen Kinder und Jugendlichen hat sich in den vergangenen 15 bis 20 Jahren verdoppelt. Gut und gerne jedes fünfte deutsche Kind unter 18 Jahren ist übergewichtig oder sogar fettleibig. Früher gab es in diesen Lebensphasen fast keine Fettsucht.

ANZEIGE

Macht das die Kinder krank?

Ja. Früher gab es bei Kindern und Jugendlichen fast keinen Diabetes. Von Natur aus entwickeln Kinder nur den Diabetes Typ-I. Der beruht im Wesentlichen auf genetischen Veränderungen. Das ist zu einem ganz großen Teil Schicksal. Den Typ-II aber, den sogenannten Erwachsenen-Diabetes, entwickelt man eigentlich erst sehr viel später im Leben, im Alter von 40, 50, 60 Jahren. Bei diesem Typ spielt die Erbanlage eine wesentlich geringere Rolle. Diese Erkrankung manifestiert sich aber durch Fettleibigkeit sehr viel schneller. Wir beobachten, dass Diabetes-Erkrankungen des Typs-II heute 10 bis 20 Jahre eher auftreten als noch vor einigen Jahrzehnten. Selbst Kinder sind in wachsendem Maß davon betroffen.

Wie viele Kinder sind in Deutschland an Zucker erkrankt?

Es ist schon jetzt die häufigste Stoffwechselerkrankung - fast jedes 600. Kind ist davon betroffen.

Gibt es andere schwere Krankheiten der Kinder, die mit Übergewicht zu tun haben?

Ja, zum Beispiel Beschwerden an der Wirbelsäule und Haltungsschäden. Wenn sie ständig 20 Kilogramm zusätzlich schleppen müssen, dann muss die Wirbelsäule viel mehr aushalten. Das schwächste Glied sind die Bandscheiben. Jeder dritte Erwachsene hat schon solche Beschwerden, und auch das wird durch die Fettleibigkeit in das Kindesalter vorgezogen. Es drohen aber auch Verhaltensstörungen und Hänseleien.

Wann ist ein Kind oder ein Erwachsener zu dick?

Bei Erwachsenen ist das eindeutig. Die gängige Definition hängt vom Body-Mass-Index (BMI) ab, dem Verhältnis von Körpergewicht zur Größe im Quadrat. Jeder mit einem BMI größer als 25 gilt als übergewichtig und mit einem BMI größer als 30 als fettleibig oder adipös. Übergewicht beginnt bei einem BMI oberhalb von 25, Fettsucht bei mehr als 30. Bei Kindern ist es etwas komplizierter. Aber ich kann einige Beispiele geben. Ein sechsjähriges Mädchen, das 115 Zentimeter groß ist, gilt mit 24 Kilogramm Gewicht als übergewichtig und mit 26 Kilogramm als adipös, also fettsüchtig. Bei einem Jungen gleichen Alters, der 120 Zentimeter groß ist, liegen die Grenzen bei 26 und 28 Kilogramm. Ein zehnjähriger Junge, 140 Zentimeter groß, gilt von 40 Kilogramm an als übergewichtig, von 46 Kilogramm an als fettsüchtig.

ANZEIGE

Wie früh kann man die Schwierigkeiten erkennen?

Vor dem Alter von drei Jahren sollte man zurückhaltend sein, Kleinkinder als zu dick zu bezeichnen. Denn da wächst sich vieles noch aus. Aber wenn Kinder im Alter zwischen 5 und 15 Jahren übergewichtig sind, dann werden sie es meist auch als Erwachsene sein, zu 70 bis 80 Prozent.

Wird jeder krank, der dick ist?

Nein, sicherlich nicht. Es gibt viele andere Faktoren und Spielarten. Aber die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung wie Zucker ist für einen Übergewichtigen weitaus größer als für einen Schlanken.

Sind wir als Gesellschaft zu dick, um wirklich so alt zu werden, wie es häufig prognostiziert wird?

Das ist nicht auszuschließen. Noch nimmt die Langlebigkeit zu - um drei bis vier Monate je Jahrgang. Aber das Tempo der Zunahme nimmt zum Beispiel in Amerika ab. Die Fettleibigkeit ist also ein gegenläufiger Trend. Sicher ist, dass mit mehr Fettleibigkeit schwere Erkrankungen wie Herzinfarkt und Diabetes zunehmen. Aber das heißt noch nicht automatisch, dass die Lebenserwartung abnimmt. Auf der anderen Seite gibt es ja einen beeindruckenden medizinischen Fortschritt. Zugleich sind manche Risikofaktoren wie das Rauchen auf dem Rückzug.

Das gilt bloß nicht für das Risiko Übergewicht. Warum?

Manchmal sind es sogar dieselben Leute, die mit dem Rauchen aufhören und stattdessen übermäßig essen. Das hat möglicherweise mit Geld zu tun. In den vergangenen zehn Jahren sind die inflationsbereinigten Preise für Softdrinks konstant geblieben, die für Pommes frites sogar gefallen. Zugleich hat sich das Rauchen um mehr als 60 Prozent verteuert. Das ist natürlich kein Beweis, aber ich halte den Zusammenhang zumindest für plausibel.

ANZEIGE

Was sind die schlimmsten Dickmacher?

Fett und Zucker. Die Nahrung ist meist fertig zubereitet, und zwar so, dass es möglichst vielen schmeckt. Also fettig.

Süß schmeckt auch gut.

Richtig. Die Rolle der Softdrinks wird unterschätzt. Ein Liter Mineralwasser hat keine einzige Kilokalorie, ein Liter Cola etwa 400. Da geht eine zweistellige Zahl von Zuckerwürfeln rein.

Wie wirkt Zucker auf den Körper?

Zucker spielt mit dem Insulin der Bauchspeicheldrüse Achterbahn. Man hat zuerst ein starkes Sättigungsgefühl. Das Insulin wird rausgepumpt. Dann geht der Zucker in die Zellen. Der Blutzuckerspiegel sinkt wieder, und man hat wieder Hunger. Der Zucker in den Zellen wird nur zum Teil verbrannt und der Überschuss als Fett gespeichert.

Es gibt doch kalorienfreie Limonaden.

Selbst die sind nicht ganz unbedenklich. Es gibt Hinweise aus Versuchen mit Ratten, dass die Zuckerersatzstoffe den Appetit anregen.

Sie machen vielen Menschen ein schlechtes Gewissen. Was kann man denn tun, um gesund alt zu werden?

Hören Sie mit dem Rauchen auf, bewegen Sie sich ausreichend. Die Ernährung sollte nicht zu viel Fett enthalten. Bei einem Erwachsenen sollten die Mahlzeiten am Tag nicht mehr als 2500 Kilokalorien enthalten, im Idealfall auf fünf oder sechs Mahlzeiten verteilt. Mäßige Abnahme des Gewichts kann in vielen Fällen Wunder bewirken. Am besten kontinuierlich, durch eine Änderung der Gewohnheiten und nicht per Diät. Denn nach dem Ende der Diät nehmen die meisten Menschen sofort wieder zu.

Das Gespräch führte Stefan Ruhkamp.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE