Investmentbanking

Lohn und Leistung

EIN KOMMENTAR Von Benedikt Fehr
12.03.2004
, 07:33
Investmentbanker verdienen gut. Zu gut?
Die deutsche Wirtschaft braucht tüchtige Investmentbanker. Die bekommt sie nur, wenn gute Leistung auch gut entlohnt wird. Aber stehen Lohn und Leistung im Investmentbanking in einem vernünftigen Verhältnis?

Die deutsche Wirtschaft braucht tüchtige Investmentbanker. Die bekommt sie nur, wenn gute Leistung auch gut entlohnt wird. Aber stehen Lohn und Leistung im Investmentbanking in einem vernünftigen Verhältnis? Die jüngsten Bonuszahlungen deutscher Banken geben Anlaß zu Zweifeln, und das hat nichts - wie manche gerne glauben machen möchten - mit Neid zu tun.

Weil die Commerzbank im vergangenen Jahr einen Milliardenverlust erlitten hat, werden ihre Aktionäre keine Dividende erhalten. Dennoch zahlt der Konzern seinen Investmentbankern 130 Millionen Euro Erfolgsprämie. Dabei hat gerade dieser Geschäftsbereich das Vorjahr im Minus abgeschlossen. Auch bei der Deutschen Bank machen die Größenverhältnisse stutzig: Für 2003 schüttet der Konzern an seine Spitzenkräfte Aktien im Wert von 1,4 Milliarden Euro als Erfolgsprämie aus; nach Abzug dieser Prämien verbleiben dem Konzern noch 1,4 Milliarden Euro Gewinn, von denen 800 Millionen als Dividende an die Aktionäre gehen sollen.

Größere Kapitalmarkttransaktionen

Prämien in dieser Höhe sind bei Investmentbanken international üblich. Woran liegt das? Zum Teil an den Ursprüngen: Historisch war das Investmentbanking eine Domäne privater Partnerschaften. Einige Privatleute taten sich mit eigenem Kapital zusammen, um sich auf einem Geschäftsfeld zu betätigen, das hoher Expertise bedarf - und oft auch mit hohen Risiken einhergeht. Hatten sie Erfolg, teilten sie den Gewinn untereinander auf. Um den Bedarf immer größerer Konzerne an immer größeren Kapitalmarkttransaktionen bedienen zu können, wandelten sich viele Partnerschaften in Aktiengesellschaften. Aus Partnern wurden Angestellte, aus ihrem Anteil am Gewinn Erfolgsprämien. Damit hat sich jedoch das Verhältnis von Chance und Risiko verschoben. Im Erfolgsfall partizipieren die Spitzenleute wie Partner am Gewinn, im Verlustfall haben vor allem die Aktionäre, also die Eigentümer, das Nachsehen.

Die Geschäftsbanken, die in den neunziger Jahren in das lukrative Investmentbanking drängten, ahmten diese Entlohnungsstrukturen nach - mit dem gewichtigen Argument, daß sie anders in diesem Geschäft nicht hätten Fuß fassen können. Sehenden Auges nahmen sie dabei in Kauf, daß das Ungleichgewicht von Chance und Risiko die Mitarbeiter tendenziell dazu verleitet, übergroße Risiken einzugehen.

Schöpferische Zerstörung

Auch in Amerika, das nicht unter dem Verdacht einer "Neid-Gesellschaft" steht, ist das Verhältnis zwischen Wall Street und Main Street gespannt. Dabei geht es nicht nur um exorbitante "Erfolgsprämien", sondern auch um das Klischee, daß Investmentbanker eiskalt mit ganzen Unternehmen schachern - und am Ende Tausende Jobs auf der Strecke bleiben. Vermittelt wird dieser Eindruck durch Hollywood-Filme wie "Wall Street" und "Pretty Woman". Ihr Kern ist dabei durchaus real: Marktwirtschaft bedeutet den ständigen Wandel, die schöpferische Zerstörung. Dazu gehört, daß Unternehmen gestutzt, verkauft oder zergliedert werden - um leistungsfähigere Einheiten zu schaffen, die dem Konsumenten Güter und Dienste günstiger anzubieten vermögen. Die Investmentbanker sind die Spezialisten, die diesen Wandel ideenreich anstoßen und finanztechnisch abwickeln - und das Kapital auftreiben, das benötigt wird, um Unternehmen zu finanzieren, die neue Arbeitsplätze schaffen.

Diese Dienste sind gutes Geld wert. Doch haben die teils exorbitanten Gehälter und Boni wohl auch mit kartellartigen Strukturen zu tun. Investmentbanken berechnen ihre Gebühren meist als einen Prozentsatz des Emissions- oder Transaktionsvolumens. Bei den Milliardenbeträgen, die selbst bei einzelnen Geschäften bewegt werden, fallen deshalb viele Millionen für sie ab. Man sollte vermuten, daß dies einen preisdrückenden Wettbewerb unter den Banken auslöst. Doch funktioniert dieser Markt offenbar anders. Denn große Transaktionen werden typischerweise nicht von einer einzelnen Bank abgewickelt, sondern von Bankkonsortien. Die Banken arbeiten also ständig in wechselnden Bündnissen zusammen. Da liegt es nahe, sich über die Gebühren, die man den Kunden berechnet, nicht die Augen auszuhacken.

Selbstbereicherung einer Führungsclique

Ein guter Investmentbanker hat viele Talente: finanztechnische Expertise, Einsatzbereitschaft, Fingerspitzengefühl - um hartgesottene Unternehmensmanager zu riskanten und konfliktreichen Übernahmen oder Fusionen zu bewegen. Solche Talente sind rar. Um sie bei der Stange zu halten, sehen sich die Investmentbanken gezwungen, hohe Prämien auszuloben. Als Warren Buffett, der amerikanische Starinvestor, in den neunziger Jahren für einige Zeit die Investmentbank Salomon Brothers führte, versuchte er, die Gehälter und Boni nach oben zu begrenzen. Selbst der angesehene "Weise aus Omaha" kam damit nicht weit: Die Spitzenkräfte wechselten zur Konkurrenz.

Der Wettbewerb um die Investmentbanker wird auch noch mit anderen Mitteln geführt: So gewährt London Ausländern, die in der City arbeiten, beträchtliche Vorteile bei der Einkommensteuer. Den Wettbewerb der Standorte im Blick, wünscht sich mancher deutsche Ministerpräsident ähnliches. Zu Recht wird dies hierzulande überwiegend kritisch gesehen, denn das Steuerrecht sollte so gestaltet sein, daß der Leistungsanreiz für alle Berufsgruppen erhalten bleibt.

Neid macht blind, zum eigenen Schaden. Dafür ist kein Platz. Wenn die Leistung stimmt, sollen - nicht nur Investmentbanker - gutes Geld verdienen. Dabei hat es den Anschein, daß die Meßlatte für Erfolg gelegentlich so niedrig liegt, daß sie die Selbstbereicherung einer Führungsclique ermöglicht, wie es verschiedentlich beim "Leistungsanreiz" Aktienoptionen der Fall war. Doch die Meßlatte legen die Eigentümer. Sie tragen das Risiko, und sie müssen beurteilen, ob ihre Erträge in angemessener Relation zum Verdienst ihrer angestellten Spitzenkräfte stehen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2004, Nr. 61 / Seite 13
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