Jamie Oliver

Der Millionenkoch

Von Marcus Theurer, London
01.12.2010
, 23:02
Der kommerzielle Erfolg von Jamie Oliver sucht seinesgleichen. Als Weltverbesserer am Herd ist er zu einem Weltstar geworden. Nicht alle aber sind begeistert von dem, was er tut.

Sie werden ihn nicht so schnell vergessen, in Huntington, West Virginia. Jamie Oliver, Fernsehkoch, Medienstar, Bestsellerautor und Multimillionär, war in die amerikanische Kleinstadt gekommen, um Menschen zu retten. Und zwar am Küchenherd. "Es geht um Leben und Tod", verkündete Oliver. Denn Huntington sei "einer der ungesündesten Orte der Welt". Nirgendwo gebe es mehr Übergewichtige als hier. Deshalb machte der Brite Huntington im Frühjahr zum Schauplatz seiner Reality-Fernsehreihe "Jamie's Food Revolution". Er führte Kindern vor, wie ihre geliebten Chicken Nuggets aus zerschredderten Hühnerknochen hergestellt werden, er legte sich mit der Küchenbrigade einer Schulkantine an und besuchte ein Bestattungsinstitut, das Särge in Übergrößen verkauft.

Jamie Oliver war in Huntington zunächst nicht willkommen. Doch die vom amerikanischen Sender ABC ausgestrahlte Serie machte den Briten, dessen Namen die meisten Amerikaner vorher noch nie gehört hatten, auf einen Schlag bekannt. Er war in der populären Talkshow von Ophra Winfrey, die "Food Revolution" gewann den renommierten Fernsehpreis Emmy. Im neuen Jahr will Oliver mit seiner Ehefrau und vier Kindern vorübergehend nach Los Angeles ziehen, um eine zweite Staffel zu drehen.

Durch Zufall entdeckt

Jamie Oliver, der Sohn eines Pubbetreibers aus der englischen Grafschaft Essex, ist derzeit wohl der erfolgreichste Koch-Popstar der Welt und ein internationales Medienphänomen. Was er anfasst, scheint zu Gold zu werden: Oliver ist 35 Jahre alt, er hat schon 20 Fernsehserien gedreht und mehr als ein Dutzend Kochbücher geschrieben, allesamt Verkaufsschlager. Sein jüngstes Werk, "Jamies 30 Minuten Menüs", rangiert beim Online-Buchhändler Amazon in Deutschland und in vielen anderen Ländern auf Platz eins der Verkaufscharts. Es könnte sein bisher erfolgreichstes werden, glaubt sein Verlag Penguin Books, für den Oliver längst zum Goldesel geworden ist. Soeben hat der Küchenliterat die Umsatzmarke von 100 Millionen Pfund durchbrochen. Er ist damit nach der Harry-Potter-Erfinderin Joanne Rowling der erfolgreichste britische Buchautor überhaupt. Olivers Vermögen wird auf 25 bis 45 Millionen Pfund geschätzt.

Angefangen hat seine Karriere vor elf Jahren in der Küche des Londoner Nobelitalieners River Cafe. Die BBC zeigte eine Reportage über das Restaurant, in der auch ein 24 Jahre alter Koch mit langen Haaren und einer erstaunlichen Bildschirmpräsenz zu sehen war. Es war der magische Moment im Leben von Jamie Oliver, der die Schule mit 16 Jahren verlassen hatte, weil er wegen seiner Lese- und Rechtschreibschwäche nicht mehr mitkam. Am Tag nach der Ausstrahlung boten ihm mehrere Fernsehsender eine Kochshow an. Er nutzte seine Chance.

Rettung vor Verfettung

Sein Markenzeichen ist bis heute die Verbindung aus Kochen und sozialem Engagement. Er will ein Weltverbesserer mit dem Kochlöffel sein, ein Bob Geldof der Küchen. "Mein Herz ist mit der elitären Küche, ich bin ein Kochfreak. Aber das ist absolut nutzlos, das verändert überhaupt nichts", sagte er kürzlich in einem Interview mit der britischen Tageszeitung "Guardian". Deshalb gründete Oliver "Fifteen", ein Nobelrestaurant, in dem er Arbeitslose zu Köchen und Kellnern ausbildet. Er startete eine großangelegte Kampagne für gesündere Schulmahlzeiten. Jetzt will er Amerika davor retten, dass es sich mit Doppel-Cheeseburgern und Chicken Wings zu Tode schlingt.

Was immer Jamie Oliver dabei in den vergangenen zehn Jahren angepackt hat, stets war eine Kamera dabei. Aus jedem seiner sozialpolitisch engagierten Kochprojekte hat der begnadete Selbstvermarkter eine Fernsehserie und ein Buch gemacht. Mit jedem Mal wuchsen sein Ruhm und sein kommerzieller Erfolg. Zum bewährten Rezept gehört, dass er Rabatz macht: Oliver ist ein genialer Provokateur mit großer Klappe und entwaffnendem Charme, der seine Gegner vor laufender Kamera zur Weißglut bringen kann. Das bringt ihn immer wieder in die Schlagzeilen.

Gewinnbringendes Engagement

Die Bürger von Huntington etwa fühlten sich bloßgestellt. Empörte englische Mütter versorgten ihre Kinder auf dem Schulhof heimlich mit Hamburgern, weil sie fürchteten, ihre Sprösslinge würden verhungern, nachdem Oliver mit seinem Fernsehteam die Schulküche übernommen und ihnen die Kartoffelchips gestrichen hatte. Er solle aufhören, die Bürger zu belehren, grummelte kürzlich der genervte britische Gesundheitsminister Andrew Lansley. Anschließend musste er einen Entschuldigungsbrief an den gekränkten Ernährungs-Revoluzzer schreiben.

Sein Anspruch auf Weltverbesserung hat den Geschäftsmann Jamie Oliver nicht daran gehindert, ein eigenes kleines kommerzielles Imperium aufzubauen. Im Londoner Bankenviertel hat er in bester Lage mit Panoramablick auf die Kathedrale von St. Paul's gerade sein drittes Restaurant eröffnet. Oliver betreibt einen Partyservice, der unter anderem zum G-20-Gipfel im vergangenen Jahr in London aufgekocht hat, und eine Kochschule. Er verkauft Lebensmittel, Kochgeräte und sogar Holzbacköfen unter seinem Namen. Es gibt ein Jamie-Videospiel und Downloads seiner Rezepte für das iPhone. Sein angeblich millionenschwerer Werbevertrag mit dem Supermarktkette Sainsbury's bringt ihm regelmäßig Kritik ein. Gegner werfen ihm Heuchelei vor, weil er einerseits gegen die Fertigmahlzeiten in den Regalen der Lebensmittelriesen wettere und gleichzeitig Geld von ihnen nehme. Jamie Oliver selbst hat damit kein Problem. "Journalisten regen sich darüber mehr auf als die Öffentlichkeit", entgegnet er schlicht. "Dafür brauche ich mich nicht zu entschuldigen."

Quelle: F.A.Z.
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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