Jean-Marc Daniel

Frankreichs liberales Gewissen

Von Christian Schubert
16.10.2021
, 16:58
Jean-Marc Daniel will Wirtschaftsthemen auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich machen.
Jean-Marc Daniel ist der Mahner unter den französischen Ökonomen, der meist gegen den Staat wettert. Seine Inspiration findet er in den liberalen Ökonomen des 19. Jahrhunderts, bei seinen heutigen Kollegen trifft er auf wenig Gehör.
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Er ist ein großartiger Erzähler von Geschichte – wohlgemerkt ohne „n“, denn lapidare Geschichten sind nicht seine Sache. Wenn Jean-Marc Daniel aus seinem reichen Wissensrepertoire eine Anekdote preisgibt, dann enthält sie meist eine Lehre für die Gegenwart. Daniel ist einer der bekanntesten Ökonomen Frankreichs und dabei jener, der am konsequentesten und am wirksamsten in der Öffentlichkeit das freie Spiel der Märkte verteidigt. Daher ist der Wirtschaftsliberale ein Unikum in Frankreich; doch das Land, das Debatten liebt, lässt den Franzosen reichlich zu Wort kommen, und sei es nur, weil er auch unterhaltsam erzählen kann.

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Dabei lohnt es sich, den 66-jährigen Franzosen ernster zu nehmen als die meisten anderen Protagonisten des öffentlichen Diskurses, die in Frankreich zahlreich sind. Daniel ruft den Franzosen zum Beispiel regelmäßig in Erinnerung, dass Wohlstand vor allem durch Arbeit entstehe – und nicht etwa durch „magisches Geld“, so der Titel seines jüngsten Buches über Zentralbank- und Staatsschuldengeld. Für einen epochalen Fehler hält er die Einführung der 35-Stunden-Woche vor gut zwei Jahrzehnten. „Kurz darauf, etwa im Jahr 2002, wurde die Leistungsbilanz Frankreichs negativ“, erläutert er im Gespräch mit der F.A.Z. Frankreich verknappte künstlich sein Arbeitsangebot, verlor an Wettbewerbsfähigkeit und erhöhte die Staatsverschuldung. Die Vereinigten Staaten können sich ein Zwillingsdefizit aus öffentlichen Schulden und Außenhandelsminus vielleicht leisten, weil sie die Weltwährung Dollar kontrollieren. Doch Frankreich?

Wettbewerbsfähigkeit hat sich wieder verbessert

„Jedes Jahr muss das Land einen weiteren Teil seines Tafelsilbers verkaufen, etwa die Immobilien an der Pariser Luxusmeile Avenue Montaigne oder Kapital der Unternehmen im Börsenindex CAC 40“, erläutert Daniel. Das Nettoauslandsvermögen, also die Differenz zwischen dem Besitz der Ausländer in Frankreich und dem Besitz der Franzosen im Ausland, sank im vergangenen Jahr auf negative 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. „Das ist nicht mehr weit entfernt von der 35-Prozent-Grenze, die die Europäische Kommission als Alarmzeichen für makroökonomische Ungleichgewichte gesetzt hat“, berichtet Daniel. Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal und Irland haben zwar noch schwächere Werte, doch für die zweitgrößte Volkswirtschaft im Euroraum sei die Lage nicht akzeptabel.

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Daniel räumt ein, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit seines Heimatlandes in den vergangenen Jahren verbessert habe. „Die Unternehmen sind steuerlich entlastet worden und haben sich erheblich angestrengt, nicht aber der öffentliche Sektor.“ Der Moloch des öffentlichen Dienstes sei wegen seiner Unbeweglichkeit etwa dafür verantwortlich, dass das französische Bildungssystem in den PISA-Tests regelmäßig schlecht abschneide, bedauert er.

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Wirtschaftsthemen aufbereitet für die Öffentlichkeit

Dass Daniel in Frankreich mit seinen liberalen Ansichten jenseits der Mehrheitsmeinung steht, kümmert ihn nicht. Wenn die Deutschen auf Budgetdisziplin pochen, ist er oft der Einzige, der die Nachbarn verteidigt. Die führende französische Ökonomenvereinigung „Cercle des économistes“ lädt Daniel so gut wie nie zu ihrem großen Jahrestreff in Aix-en-Provence ein. „Ich bin keine Minderheit, sondern die Vorhut“, entgegnet er gerne amüsiert. Lieber spricht er zu einer breiten Öffentlichkeit als zu Fachkollegen. Seine Plattform ist der Radio- und Fernsehsender BFM Business. Dort darf er jeden Morgen einen „Gegenpunkt“ setzen, so der Name seiner Rubrik. Kein anderer französischer Ökonom verfügt in seiner Heimat über eine ähnlich weitreichende Bühne.

Daniel ist kein Thomas Piketty oder Jean Tirole. Piketty schrieb nach akribischer Teamarbeit den Weltbestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, Tirole erhielt 2014 den Nobelpreis für seine Arbeiten über Marktmacht der Unternehmen und die Wirkung von Regulierung. Daniel dagegen bricht die Ökonomie für ein breites Publikum herunter. Für einige Jahre trat er sogar regelmäßig in einem kleinen Pariser Theater auf, das wirtschaftliche Themen populär machen wollte. Mit einem Elefantengedächtnis ausgestattet, kann Daniel aus dem Stegreif genauso über den mittelalterlichen Denker und Macher Montaigne parlieren wie über den Sozialisten Léon Blum oder die Verfasser des Blair-Schröder-Papiers.

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Betonung auf lebenslangem Lernen

Zudem ist er als Kolumnist, als Conférencier und als redaktioneller Leiter der Fachzeitschrift Sociétal unterwegs. Ab und zu hält der Wirtschaftsprofessor auch noch an seiner Alma Mater, der Pariser Hochschule ESCP, eine Vorlesung. Die einst von dem klassischen Ökonomen Jean-Baptiste Say im 19. Jahrhundert gegründete Universität passt so richtig zu Daniel, gilt Say doch als ein geistiger Vater der Theoretisierung des Unternehmertums. Seine Erkenntnisse haben auch für die heutige Start-up-Welle, die in Frankreich beachtliche Ausmaße erreicht hat, ihre Gültigkeit.

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Daniel, Vater von drei Kindern, ist in Bordeaux groß geworden und profitierte vom sozialen Aufstieg der Generationen. Der Großvater war noch Arbeiter in der Landwirtschaft, der Vater Lehrer, doch ohne Abitur, der abends portugiesischen Arbeitern kostenlos Kurse gab. Das lebenslange Lernen ist für Daniel ein heiliger Grundsatz. Er absolvierte die führende französische Elite-Ingenieurschule Polytechnique und setzte seine Studien an der angesehenen Ökonomen-Hochschule ENSEA fort. Als Professor arbeitete er eine Weile auf einem Lehrstuhl, der den Namen des französischen Nobelpreisträgers Maurice Allais trug.

Inspiration kommt von Liberalen des 19. Jahrhunderts

In jungen Jahren hegte er viel Sympathie für die linke Seite des politischen Spektrums, er beriet sozialistische Minister und plädierte für einen „Sozialismus der Exzellenz“. Damit meinte er vor allem den Kampf gegen die Armut und für die Chancengleichheit, der den sozialen Aufstieg und die Durchsetzung der Talente ermögliche. „Nur der weitreichende Wettbewerb sichert den Erfolg dieses Kampfes“, ist er überzeugt. Heute ist von seiner Vorliebe für die Linke nichts mehr übrig. Auch Macron hat ihn enttäuscht.

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Als Wirtschaftsminister erließ dieser etwa noch ein Gesetz zur Liberalisierung der Wirtschaft. Doch „heute ist der Präsident nicht mehr einzuordnen, er lässt sich von der Strömung mitreißen“, kritisiert Daniel. Ihn inspirieren Liberale, die früher zur Linken gezählt wurden, wie im 19. Jahrhundert Benjamin Constant, oder „die ersten französischen Sozialisten wie Fourier, die das Talent zu einer Quelle des Wachstums machten“, zudem Staatsmänner wie Léon Gambetta, Pierre Mendès France oder die Verfasser des Blair-Schröder-Manifests. Als seine Lieblingsökonomen nennt er David Ricardo, Jean-Jacques Rousseau und Jacques Rueff, den Berater von de Gaulle.

Vor allem im liberalen 19. Jahrhundert findet Daniel häufig seine Bezüge. So hätten etwa die Worte des damaligen französischen Ökonomen Michel Chevalier nichts an Aktualität verloren: „Die französische Nation glänzt durch die Brillanz und die Fruchtbarkeit ihrer Fantasie. . . . Doch die politische Ökonomie behandelt die wichtigen Fragen nach der materiellen Lage der Menschen mithilfe einer kalten Analyse.“ Daniel liefert diese kalte Analyse gerne – freilich auf seine sympathisch warme Art. Ob sich die französische Nation dafür erwärmen kann, ist eine andere Frage.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.
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